Reinhard Kager

Neuen Klangwelten auf der Spur

Der österreichische Komponist Karlheinz Essl


Will man ihn auf seine konstruktivistische, von der Chaostheorie beeinflußte Phase festnageln, so reagiert Karlheinz Essl fast allergisch: "Ich fühle mich sehr mißverstanden, wenn ich ins chaostheoretische Eck gedrängt werde. Das sind Aussagen, die ich vor zehn Jahren gemacht hatte, als ich mich dezidiert abzugrenzen suchte. Es stimmt zwar, daß ich mit verschiedenen Modellen zur Materialvorformung arbeite, aber ich habe jetzt eine Arbeitsweise entwickelt, in der das spontane Reagieren auf Konstellationen zum eigentlichen Wesen des Komponierens wird."

Aussagen, die eine überraschende Affinität zu Matthias Pintscher erkennen lassen, der gleichfalls auf die Freiheit des kreativen Prozesses pocht. Obwohl sich die Kompositionen der beiden Vertreter der "next generation" maßgeblich unterscheiden, ist in der Tat ein grundlegender Wandel im Schaffen von Essl verspürbar, der unlängst in der klangsinnlichen Intervention für vier Orchestergruppen kulminierte. Während das erste Streichquartett des 1960 in Wien geborenen Künstlers, Helix 1.0 noch ganz dem abstrakten Klangbild des seriellen Musizierens gehorcht, verfolgt schon Essl's erstes Orchesterwerk, met him pike trousers, einen weit stärker an der Klangästhetik seines Lehrers Friedrich Cerha orientierten Weg, ohne deshalb auf strukturelles Denken zu verzichten. "Das eine zeigt sich als zarte, scharf konturierte Federzeichnung, das andere als auswuchernde Ölmalerei auf einer Riesenleinwand", so kennzeichnete der 37-jährige Komponist diese kontrastierenden Kompositionen.

Womit eine weitere Parallele zu Essls deutschem Kollegen angesprochen wurde: die Auseinandersetzung mit bildender Kunst, die den Sohn von Österreichs bedeutendstem Kunstsammler mit Harald Naegeli, dem "Sprayer von Zürich", zusammengeführt und sich in dem Stück Partikel-Bewegungen niedergeschlagen hat. Einen direkten Einfluß der Malerei auf seine Kompositionsweise negiert Essl jedoch, weil "dabei andere Wahrnehmungsapparate in Bewegung gesetzt werden; Musik entsteht in der Zeit und arbeitet mit der Erinnerung, Malerei hingegen ist eigentlich zeitlos".

Weit direkter schlägt sich die theoretische Beschäftigung mit Sprache im Schaffen Essl's nieder. Sind die Klangvorstellungen einmal entwickelt, so folgt Essl im darauffolgenden Ausdifferenzierungsprozeß Methoden der Sprachphilosophie, um Generierungsmechanismen und Prozeßentwicklungen herauszufiltern: "Da gibt es dann den Punkt, an dem ich den Computer einsetze, um - ganz im Sinne des Sprachphilosophen Noam Chomsky - Hintergrundstrukturen zu schaffen aufgrund derer ich dann spontan reagiere."

In den letzten Jahren bemühte sich Essl immer wieder um die Konzeption von Computersystemen, die mit den Instrumentalisten auch interagieren. In den USA wurde kürzlich ein neues Stück uraufgeführt: Amazing Maze, indem der Instrumentalist über Fußpedale den Computer steuert, der somit zu einem lmprovisationspartner wird. Interaktivität bestimmt auch Essl's Lexikon-Sonate für computergesteuertes Klavier, eine Art elektronische Musikmaschine, die Klaviermusik seit Bach auf dem Speicher bereithält: "Das Werk komponiert sich während der Aufführung gleichsam selbst, indem man sich durch eine Art Hyper-Text-Struktur klickt."

Der Einsatz des Computers wird für Essl allerdings nicht nur wegen dieses Aspekts der Interaktivität bedeutsam, sondern auch zur Generierung neuer Klänge oder zur Verfremdung von Instrumentalklängen in Echtzeitprozessen. Bereits 1992/93 hatte der Künstler für sein live-elektronisches Werk Entsagung einen Kompositionsauftrag des Pariser IRCAM erhalten: in diesem Stück stehen einem vierköpfigen Instrumentalensemble auf der Bühne vier im Raum positionierte Lautsprecher gegenüber. Jede dieser beiden Ebenen bildet einen eigenen Kosmos. Während die Instrumentalisten eine musikalische Sprache entwickeln und allmählich miteinander zu kommunizieren beginnen, kommentieren die Lautsprecher das instrumentale Geschehen zunächst bloß, beginnen dieses aber schließlich zu überwuchern, so daß die Instrumentalisten gezwungen sind, zu entsagen.

Der abschließende Zusammenbruch der elektronischen Klänge signalisiert, daß Essl, der auch Kontrabaß und Musikwissenschaft studiert hatte, die Technik nie als Selbstzweck einsetzt. Doch eine neue Klangwelt ...wird sichtbar am Horizont, um den Titel des Auftragswerks zu verwenden, das bei den Salzburger Festspielen vom Ensemble Modern unter Hans Zender uraufgeführt werden wird. Denn darum kreist Essl's jüngstes Schaffen, ob es nun mit oder ohne Live-Elektronik erzeugt wird.

© 1997 by Österreichische Musikzeitschrift / Dr. Reinhard Kager


in: ÖMZ 97/7, hrsg. von Marion Diederichs-Lafite



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Updated: 7 Jan 2007