ORF

Die Erfindung des Unbekannten

Der Komponist und Musiker Karlheinz Essl

Eine Radiofeature von Alfred Koch


Der Komponist Karlheinz Essl ist ein Erforscher der Zwischenräume von Klang und Geräusch. Manchmal blubbert, kracht, pfeift und zischt es in seinen Kompositionen wie in einer Küche.

"Mich haben immer Hintergrundstrukturen von Musik interessiert, ich versuche ein System zu entwickeln, das aus sich selbst heraus Klänge entwickelt", sagt Essl, für den der Zusammenhang zwischen Kochen und Komponieren nicht nur ein metaphorischer ist.

Für die "Tonspuren" begibt sich der "Komponist am Laptop" in die Küche. Und bereitet, während er über Klangenvironments, die um sich selber kreisen, räsoniert, ein frugales Mahl: "eine polyglotte Improvisation mit Fleisch und Gemüse".



Selbstdefinition

Karlheinz Essl: "Mich interessiert es, Reichhaltigkeit zu erzeugen, aus einem sehr kleinen, begrenzten Material. Und zwar so, dass es eine emotionale Kraft entwickelt. Abstrakte Musik ist mir völlig fremd und zuwider. - Ich gehe von ganz wenig aus und baue aus diesem Wenigen über viele Stufen das Komplexe."

Peter Burwik: "Das ist eine Musiksprache, die sehr - materialistisch würde ich fast sagen - materialorientiert zum Ausdruck kommt, die auf der anderen Seite aber eine emotionale Qualität hat, die sich bei der ersten Bekanntschaft mit der Musik nicht unbedingt erschließt."


Out of A
improvised electronic music from the CD m@ze°2 (1999)
mp3 download (8:40, 9.9 MB)


Out of A - ein Stück des Komponisten Essl aus dem Jahr 1999. Ein vergleichsweise gefälliges, rhythmisches Stück eines Komponisten, dessen Werke, wenn er sie den selber parodieren müsste, schon eher wie folgt klingen:


Parodie
Karlheinz Essl singt, wie seine Musik klingen könnte...
mixed with his tape piece Orgue de Cologne (1985)
mp3 download (0:25, 0.2 MB)


Essl, Jahrgang 1960, ist freischaffender Komponist. Einer von ca 400 registrierten Komponisten in Österreich. Manche bezeichnen seine Musik als "Neue Musik"; er selber vermeidet gerne Kategorien. Elektronische Musik im Grenzbereich zwischen Klang und Geräusch - das wäre eine Definition, mit der Essl leben könnte.

"Auf dem Billardtisch. Auf der Parkbank. Im coolen Designersessel. Immer wenn und egal wo Karlheinz Essl fotografiert wird, soll er seinen Laptop öffnen, ein bisschen darauf rumtippen und nett über den Bildschirm lachen. Und jedesmal erfüllt Essl diesen Wunsch - nicht allerdings, ohne dabei seinem Powerbook merkwürdige Geräusche zu entlocken, so dass es während der gestellten Fotosession wenigstens ordentlich knarzt und pfeift und rauscht und dröhnt. Karlheinz Essl ist Computermusiker - einer der besten des Landes sogar, was vor allem heißt, dass er eines der eigenständigsten und vielseitigsten Mitglieder in der alles andere als personalschwachen österreichischen Elektronikszene ist."

Aus: Carsten Fastner, Der mit der Maus spielt (2001)


KLANG • RÄUME

Säulenhalle des Parlamentes in Wien   24 korinthische Säulen aus Marmor, durchwegs Monolithe, tragen die reich kassettierte Randdecke und das Glasdach über der Raummitte: Die Säulenhalle des Österreichischen Parlaments. Eine Halle mit ganz besonderer Akkustik.

Karlheinz Essl: "Der Nachhall beträgt 12 Sekunden. Das bedeutet aber, dass jedes kleinste Klangpartikel, das in diesen Raum hinein geschickt wird - sei es ein Husten oder ein musiklaischer Klang - einfach 12 Sekunden lang steht."

Zur 50-Jahr-Feier der Republik im Jahr 1995 sollte von hier ein Konzert des Wiener Radiosymphonieorchesters übertragen werden. Karlheinz Essl schrieb eigens ein Stück für diesen Raum, der wegen seiner Akkustik als unbespielbar galt.

Karlheinz Essl: "Die Ortung der Klänge schien fast nicht mehr möglich - es entstand da vor meinen Ohren ein mehrdimensionaler Klangraum, in den ich wie in Trance einzutauchen begann. Dieses Erlebnis war die Initialzündung für mein Orchesterstück Intervention, dessen Uraufführung wegen der damaligen politischen Umstände - Auflösung des Parlamentes und Neuwahlen - kurzfristig abgesetzt werden musste."

Mehr als 10 Jahre später schließlich schleppen Musiker Instrumente in die Säulenhalle, das Konzert wird [am 24. Januar 2006] nachgeholt. Noch während das Publikum hereinströmt, spielen Musiker des Ensembles XX. Jahrhundert bereits das erste Stück. Nur merkt es keiner, die meisten halten Faites vos jeux! - ein Klangspiel für räumlich verteilte Posaunen und Violoncelli - für eine Art Probe.

Peter Burwik: (lacht) "Das ist kein Problem für das Stück. Es war so gedacht, das dieses Stück sich ständig verdichtet um dem Publikum dann, wenn es sitzt, den Eindruck zu vermitteln: aha, Moment, ich befinde mich ja schon in einem Stück!"

Der Präsident des Nationalrates übernimmt die Begrüßung, betont den Mut, den es gebraucht hätte, diese „experimentelle“ Musik hier aufzuführen und meint, dass er gefangen sei vom „Zauber“ dieser Musik.


Was eine gute Komposition auszeichnet

Karlheinz Essl: "Komplexität und Einfachheit. Komplexität, das heißt Vielschichtigkeit; und Einfachheit, dass das Stück keine Geschwätzigkeit hat, sondern einen konzisen und stimmigen Ausdruck - eine Sprache, einen Gestus besitzt, einen Zustand, der das Stück charakterlich bestimmt. "

Sonnez la cloche!, eine "electronic sound performance" aus dem Jahr 2003, die Essl bei seinem Konzert im Wiener Parlament ebenfalls zur Aufführung bringt. Ein Stück, das demonstriert, was Essl mit seinem Satz "ich möchte aus wenig Material viel machen" meint. Das Ausgangsmaterial dieses Stückes, das im Rahmen eines open-air Konzertes über den Dächern von Schwaz in Tirol uraufgeführt wurde, besteht aus einem einzigen Klang.


Sonnez la cloche!
Live gespielt von Karlheinz Essl im Teatro Farnese (Parma) am 16 Sep 2003


"Das akustische Ausgangsmaterial dieses Stücks bildet die Tonaufnahme dreier aufeinanderfolgenden Schläge der Schwazer Stadtpfarrkirche. Dieses Klangsample wird in das von Karlheinz Essl in Max/MSP geschriebenes Computerprogramm m@ze°2 eingespeist und dort vielfältigsten kompositorischen Prozessen unterworfen, die im Moment der Aufführung vom Komponisten mit Hilfe von verschiedenen am Computer angeschlossenen Reglern kontrolliert werden können. Dadurch ist "Sonnez la cloche!" nicht nur eine Klangkomposition, sondern zugleich auch ein Instrument, auf dem dieses Stück in verschiedenen Varianten gespielt wird.

Der Titel ist dem "Ulysses" von James Joyce entlehnt und stammt aus der Sirenen-Episode (Kapitel XI), die von Joyce selbst als "fuga per canonem" gestaltet wurde. Darin wird die Doppeldeutigkeit von "la cloche" virtuos inszeniert, denn dieses Wort bedeutet nicht nur Glocke, sondern auch - Strumpfband." (Karlheinz Essl, 2003)


   

Karlheinz Essl bei der Live-Performance von "Sonnez la cloche!" in seinem Studio
Fotos: © 2002 by Iby-Jolande Varga


Musik verstehen?

Musik, bei der man viel wissen muss, um sie zu verstehen

Karlheinz Essl: "Machen wir uns doch nix vor: avancierte Musik, avancierte Kunst ist Minderheitenprogramm."

Peter Burwik: "Ja, aber das ist unsere Mentalität, unsere Erziehung, unser Sprachgebrauch. In England würde jeder sagen: 'Es hat mir gefallen oder nicht gefallen'. Hier würde sofort jeder sagen: 'Ich hab es verstanden oder nicht'. Ich muss ihnen ehrlich sagen, wenn mir jemand ein komplexes Stück vorspielt, würde ich es vermessen finden, zu sagen, ich hab's verstanden. Das ist auch nicht meine Aufgabe. Nicht als Hörer. Als Interpret muss ich das Stück selbstverständlich sehr wohl verstehen."

Der Dirigent Peter Burwik, der an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst auch "Zeitgenössische Musik" unterrichtet, setzt sich mit seinem Ensemble des XX. Jahrhunderts seit drei Jahrzehnten mit Schönberg, Webern und Berg auseinander. In der Säulenhalle des Parlaments dirigierte er am 24. Jänner 2006 das von Essl eigens für diesen Ort komponierte Orchesterstück Intervention.

Peter Burwik: "Wenn es so funktoniert, wie ich mir das gewünscht hatte, dann ist ein Klang um den Raum herum rotiert, ist aus den verschiedenen Ecken mit verschiedenen Intensitäten und Qualitäten gekommen, sodass über die Dauer des Stückes sich ein abwechslungsreicher Prozess entwickelt hat."


Die Anfänge

Essl beschäftigt sich mit experimenteller Rockmusik, spielt elektrischen Kontrabass in einem Trio, das sich der freien Improvisation widmet, begeistert sich für die Schriften des Karlheinz Stockhausen und studiert an der Hochschule Komposition bei Friedrich Cerha.

Karlheinz Essl: "..und hab' dann mit diesen alten Dingen gebrochen und hab' dann viele Jahre als Schreibti schtäter gearbeitet und Orchesterstück geschrieben und Streichquartette. Aber immer im Genre einer Musik, die noch nie gehört worden ist. Das war immer der Ansatz. Also nicht etwas zu machen, was es bereits gibt und das weiterzuführen, sondern eher etwas zu erfinden, das unerhört ist."

Die Erfindung des Unbekannten? Die Erfindung des Un-Erhörten.

Karlheinz Essl: "Eigentlich ist es heute wieder so, dass die getrennten Bereiche der Instrumentalisten (die Ausführenden) und Komponisten (die Erfinder) sich immer mehr verschränken. Es gibt Instrumentalisten, die ihre eigene Musik für ihr Instrument erfinden. Was den Komponisten hingegen auszeichnet ist , dass er nicht nur für sich und seine Instrumente, sondern für jede Besetzung und Kategorie schreiben kann. Das ist das typisch Kompositorische.

Ich habe aber auch viel Improvisation gemacht und ein eigenes Instrument entwickelt. - Das war früher generell so: Wenn zurückdenkt an die Barockzeit, und auch an die Klassik - dort waren die Komponisten in der Regel auch ihre eigenen Interpreten. Erst später, in der Romantik, hat sich dann möglicherweise im Zuge der industriellen Revolution das Prinzip der Arbeitsteilung durchgesetzt. Da gibt es dann den, der erfindet und die Noten schreibt, und diejenigen, die diese Noten dann zum Leben erwecken. Und dann gibt es Institutionen wie Orchester, wo zwischen Komponist und Instrumentalisten eine weitere Instanz dazwischen geschaltet wird namens Dirigent, der im Besitz der Partitur ist. Das heißt, er kennt alle Stimmen und hat dadurch eine bestimmte Machtposition."

Jahrzehntelang waren Komponist, Musiker, Instrumente und Komposition in ihrer Aufgabenverteilung klar und eindeutig voneinander geschieden. Mit dem Computer ist alles anders geworden.

Karlheinz Essl: "Diese Trennung wird obsolet, diese Trennung zwischen Instrument und Komposition immer fragwürdiger im Bereich der Elektronischen Musik. In meinem Fall ist die Komposition nicht das, was man hört, sondern das "Instrument", das ich gebaut habe, dass diese Musik erzeugt. Und damit fallen wiederum zwei Sachen zusammen: alles, was früher getrennt wr in verschiedene Teilbereiche, wird immer mehr zu einer Einheit."


Laptop als Instrument

Kaum jemand hat die Entwicklung des Laptop zum vollwertigen Musikinstrument für sich so weit und so konsequent verfolgt, wie der 46jährige Wiener. Während ringsum vorgefertigte Programme auf den Markt geworfen werden, die die Generierung und Bearbeitung von Klängen im kompakten "Heimstudio Computer" noch einfacher machen, hat Essl schon vor Jahren seine eigene, maßgeschneiderte Software entwickelt und immer weiter verfeinert. m@ze°2 nennt er sie, "Modular Algorithmic Zound Environment", und spricht von dieser virtuellen Konstruktion liebevoll als "mein Instrument".

Karlheinz Essl: "Im Grunde handelt es sich um die Materialisation von kompositorischen Vorstellungswelten. Das klingt vielleicht sehr abstrakt. Aber das materialsiert sich in Form von Software, die mein kompositorisches Denken ausdrückt. Mit dieser Software - sie besteht aus Software-Modulen, die auf bestimmte Aufgaben spezialisiert sind (wie etwa Klänge miteinander verbunden werden) - mit diesem Environment kann ich wie mit einem Instrument interagieren. Das heißt, die Klänge, die da hervorgebracht werden, kann ich beeinflußen, steuern und in Echtzeit kontrollieren. Das Ganze ist letztlich ein Computerprogramm, das auf einem Laptop läuft, mit angeschlossenen Steuerungssystemen: Mit Reglern, Drehknöpfen, Tastern, Pedalen, Schwellern. Der Körper ist über diese Interfaces mit der Software verbunden und steuert die verschiedenen Aspekte und Parameter der Klanggenerierung."


Rückblende

1987. Beim Wettbewerb für junge österreichische Komponisten der Wiener Konzerthausgesellschaft wird Karlheinz Essls Streichquartett Helix 1.0 prämiert und der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Stück wird vom renommierten Londoner Arditti String Quartet und verhilft dem Komponisten Essl zum Durchbruch.


Helix 1.0
Beginn des Streichquartettes: Takt 1 - 42 (1986)
Arditti Quartet (London)


Karlheinz Essl: "Bei mir sind alle Dinge, die passieren, Entwicklungsprozesse. Ich baue keine Objekte, sondern gestalte Prozesse."


Im Konzerthaus

Rudiments: Eine Komposition für 4 räumlich verteilte kleine Trommeln aus dem Jahre 1989. Ein Versuch, Trommelklänge und ihre mikroskopische Klangstruktur in größere Zeitbereiche zu projizieren. Klang, Struktur und Form - ursprünglich klar voneinander geschieden - werden als Rhythmus in verschiedenen Zeitbereichen aufgefasst.


Rudiments
für 4 kleine Trommeln - Beginn (1989)
Les Guetteur des Sons, Dir. Heinz-Karl Gruber


"Man hört einen sehr leisen Trommelwirbel, der als kontinuierliche Klangfläche wahrgenommen wird. Deren innere Struktur besteht aus einer sehr schnellen Pulsation, die als solche aber nicht gehört werden kann. Verlangsamt man diesen Wirbel, tritt das Phänomen der Pulsation deutlicher hervor, verlangsamt man nun auch diese, erscheinen zuletzt isolierte Einzelimpulse. Diese drei rudimentären Grundtypen, die ich als Fläche, Gitter und Punkte bezeichne, liegen dem ganzen Stück zugrunde. Sie sind Projektionen desselben Vorganges in verschiedene Zeitbereiche, Aggregatzuständen vergleichbar. Punkte verdichten sich zu Gittern, die in Flächen umschlagen, aus denen sich Punkte herauslösen." (Karlheinz Essl, 1990)


Auf der Bühne

Der Komponist und Musiker Karlheinz Essl steht häufig auf der Bühne. Angespannt, die Finger am Mischpult, meist hat er Kopfhörer auf: mal spielt er mit dem Wiener Saxophonquartet, dann steht er wieder mit einer skandinavischen Künstlerin auf der Bühne, oder er improvisiert mit dem Jazztrompeter Franz Hautzinger.


Franz Hautzinger & Karlheinz Essl

Franz Hautzinger und Karlheinz Essl
INTERFERENZ Festival (Linz 2006)
  Gerade zwei Wochen nach dem Konzert im Parlament steht Essl in einem Kellerlokal in Linz.

Karlheinz Essl: "Wir befinden uns hier in der Stadtwerkstatt in Linz, wo heute das Noise-Music-Festival INTERFERENZ beginnt. Ich bezeichne mich zwar nicht als Noise-Musiker, aber verwende sehr viel geräuschhaftes Material - ich glaube, es passt gut hier rein."

Im Parlament fühlte ich mich nicht zu Hause. Das war zwar eine tolle Sache, aber hier fühle ich mich mehr aufgehoben."

Am Programm des Linzer INTERFERENZ-Festivals - neben wahren Lärmorgien-Meistern - das Duo Laptop und Vierteltontrompete: Karlheinz Essl und Franz Hautzinger.

Karlheinz Essl: "Wir haben schon öfters zusammen gespielt. Eigentlich immer so: man trifft sich, macht einen Soundcheck und dann spielt man - ohne Probe, ohne Absprachen, aus dem Moment heraus schöpfend."

Nervös?

Karlheinz Essl: "Immer! Das ist auch total wichtig, wenn ich nicht nervös bin, habe ich keinen Tonus. Ich brauch' das. Ich mein, ich such' das ja net, das kommt ja von alleine."

Was könnte schief gehen?

Karlheinz Essl: "Viel... Ein Stromausfall etwa. Das wäre schrecklich!"


Im Laufe der Jahre ist Karlheinz Essl so viele Kooperationen mit Musikern aus verschiedensten Bereichen eingegangen, dass er sie nicht einmal selber mehr überblickt.

Karlheinz Essl: "Deswegen bin ich ja froh, dass ich meine Website habe. Denn wenn ich Orientierung suche, dann muss ich dort nachschauen."

www.essl.at - Die Website eines freischaffenden Komponisten, der, trotz aller Umtriebigkeit, von seinen Werken kaum leben könnte.

Karlheinz Essl: "Nein, allein davon könnt' ich nicht leben. Unmöglich. Aber ich habe ja drei Jobs, und damit geht sich's aus."

Essl unterrichtet an der Bruckner-Uni in Linz, veranstaltet als Musikkurator Konzertreihen im SCHÖMER-HAUS in Klosterneuburg - und komponiert gewöhnlich in seinem Studio in der Sammlung Essl.

Karlheinz Essl: "Das ist ein Raum mit 6 Meter Kantenlänge - ein Würfel, in dem ich meinen Arbeitsraum eingerichtet habe."


Im Studio

Der Komponist Karlheinz Essl bei der Arbeit. Sein Ausgangsmaterial: ein diffuses Rauschen.

Karlheinz Essl: "Ein Ton ist ein Schallereignis, das - wenn man es akustisch betrachtet, also seine Wellenform analysiert - ein periodisches Verhalten zeigt. Das heißt, es wiederholt sich in kurzen Zeiträumen das gleiche Ergebnis, und dadurch entsteht erst der Eindruck einer Tonhöhe. Das absolute Gegenteil - also die Antipode zum Ton - ist das Rauschen. Das sind praktisch alle Töne, statistisch miteinander vermischt, und was rauskommt ist völlig heterogen und zufällig, chaotisch.

Und jetzt zeige ich, wie aus Rauschem - einem völlig statistischen, chaotischen, ungeordneten System durch Anlegen verschiedener Korsette wie Filter, Modulatoren etc. so nach und nach eine Gestalt entsteht."


Demo: Rauschen
demonstriert im Studio kHz am 7 Mar 2006


Karlheinz Essl: "Ich spiel' hier mal das nackerte Rauschen vor - völlig uninteressant. Klingt nach einem Radio, das zwischen den Sendern steht. Jetzt versuche ich durch ein paar kleine Veränderungen dem Rauschen einen Charakter zu geben. Das Erste, was ich mach', dass ich das Rauschen in 7 verschiedene Klangbänder aufspalte und jeden dieser Bereiche durch Zufall verändere (...) - Das war schon so ein kleiner Vorgeschmack auf das Kommende, wo ich in das Rauschen einen Grundton hineinsetze. - Jetzt wird dieser Klang durch ein WahWah-Pedal geschickt, was die E-Gitarristen à la Jimi Hendrix einsetzen, um ihre Gitarren zum Schreien zu bringen. - Jetzt füge ich Obertöne hinzu. - Und jetzt beginne ich diesen Klang zu rhythmisieren. - Und nun wird der Klang im unteren Frequenzbereich mit tiefen Tönen angereichert. - Diese gehen jetzt in den hohen Frequenzbereich hinauf und werden durch einen Hallraum geschickt. (...) Und jetzt sind wir wieder beim Ausgangsklang angelangt.

Das war die Reise des Rauschens, über verschiedene Zwischenstufen, über verschiedene Prozesse, die darauf appliziert sind, und wieder zurück."

Eine Demonstration mit exemplarischem Charakter: Im Grunde arbeitet Essl immer so.

Karlheinz Essl: "Ja, aber immer anders. Die Ideen sind immer ähnlich. Ob das jetzt ein Streichquartett ist oder ein Orchesterstück oder eine Klanginstallation. Es geht mir immer um diese Prozesse, die sich auf verschiedenen Ebenen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten verändern. - Aus der Verschränkung dieser einzelnen Schichten entsteht dann erst das Klanggebilde."


Die Chemie der Klänge

Töne werden in Hallräume geschickt, Frequenzen werden zerhackt, Klangprozesse werden appliziert und vermischt: Die Arbeit des Karlheinz Essl erinnert an jene eines Chemikers.

Karlheinz Essl: "...wie ein komplizierter "Ansatz" (wie man in der Chemie sagt), wenn man in der präparativen Chemie Verbindungen zusammenbaut. Man hat verschieden Ingredienzien als Ausgangsmaterial,und nun beginnt man sie miteinander zu kochen - in einer großen Retorte oder einem Erlenmeyerkolben. Sie werden aber nicht nur miteinander gemischt, sondern auch prozessiert. Es geht ja nicht darum, bloß nur Sachen zusammen zu schütten, die müssen auch vorbereitet sein. Und aus diesem Ganzen entsteht dann die chemische Reaktion, wo dann aus den einzelnen Elementen etwas Neues entsteht, das viel mehr ist als die Summe der Einzelteile."

Essl ist ausgebildeter Chemie-Ingenieur.

Karlheinz Essl: "Ich war total Chemie-wahnsinnig. Ich hatte einen Onkel, der bei uns im Haus gelebt hat, der mich schon als Kind mit kleinen Experimenten versorgt hat: wie man zum Beispiel Weißkreuzkampfstoff - also Tränengas - herstellt. Das hat mich als 12jähriger total fasziniert, und ich hatte keine Mühen gescheut, mir ein kleines Labor einzurichten. Und hab' dann in unserer Garage alle möglichen Versuche gemacht. Es ging nicht nur um das Tränengas, ich wollte eigentlich wissen, was das alles ist mit den verschiedenen Substanzen: dem Kaliumpermanganat, der Borsäure, und dem Acetaldehyd. - Dann hab' ich meinen kleinen Bruder dazu abgerichtet, mir als Assistent zur Hand zur gehen. Der war dann in einen weißen Arbeitkittel verkleidet mit Skibrille und einer Stoffwindel als Mundschutz. So habe ich ihn dann in diesen Raum geschickt und ihn den Auftrag gegeben, frisch destilliertes Brom in einem Erlenmeyerkolben mit kochendem Aceton zu leeren. - Wenn man das tut, entsteht Tränengas. - Das hat dann auch funktioniert, nur hat die Reaktion explosionsartig eingesetzt - im Moment des Zusammenleerens hat sich das Gemisch entzündet und ist explodiert - und die Garage war in einen einzigen Tränengasnebel gehüllt, der sich dann über die gesamte Nachbarschaft gezogen hat. - Und wir waren total glücklich, dass wir das geschafft haben, diese Substanz herzustellen.

Ich wollte unbedingt - das war mein größter und sehnlichster Wunsch - in die Rosensteingasse gehen: die einzige Chemie-HTL in Wien zu dieser Zeit. Mein Eltern wollte das aber nicht, die haben gemeint, ich sollte besser eine Handelsakademie besuchen, weil das besser ins kaufmännische Denken passt. Aber ich konnte meinen Vater davon überzeugen, dass es doch gut ist, diese Schule zu machen, weil dann hätten wir einen Techniker in der Familie, und nicht nur lauter Kaufleute. Er hat das eingesehen und gemeint, dass das eine gute Kombination wäre - aber ich müsste dann nach dieser Chemieschule Welthandel studieren, oder Jus."

Hat er dann aber nicht...

Karlheinz Essl: "Daraus ist nichts geworden."

Und auch Chemiker wollte er nicht werden...

Karlheinz Essl: "Ich habe mich schon während meiner Schulzeit sehr intensiv für Musik interessiert, das war meine große Leidenschaft."

Memento Mori (1984). Ein Stück, dass u.a. auch einen Text von Hans Magnus Enzensberger verwendet: "Gespräch der Substanzen". Essl hatte es in einem Lehrbuch der HTL gefunden.

Karlheinz Essl: "Darin gab es Gedichte, die sich mit Technik beschäftigten, und mich hat das unheimlich fasziniert. Es geht um die chemischen Elemente, dass das nicht leblose Substanzen sind, sondern beseelte Natur."

Auch Moleküle haben ein Leben. Enzensbergers Gedicht:


aber das bor, aber in ihren brunnen
die aromatischen öle: wer fragt zink und zyan,
wer kümmert sich um die kolloide, den haß
zwischen kalk und arsen, die liebe der radikale
zum wasser, der transurane schweigende raserei?
niemand liest die manifeste der seltenen erden,
das geheimnis der salze, in drusen versiegelt,
bleibt ungelöst, unbesungen der alte zwist
zwischen links- und rechtsdrehenden aldehyden,
unberufen der klatsch der hormone. hochmut
treibt die kristalle, unter den silikaten
geht die rede von kies, die spaten, die blenden
flüstern, die kleesäuren und asbeste.der äther
in seinen ampullen hetzt gegen den schwefel, das jod
und das glyzerin. feindlich warten in blauen flaschen
bleizucker, phosphor und sublimat. ihr mörder!
ihr boten! ihr wehrlosen zeugen der welt!

warum kann ich nicht konten und feuer löschen,
abbestellen die gäste, die milch und die zeitung,
eingehen ins zarte gespräch der harze,
der laugen, der minerale, ins endlose brüten
und jammern der stoffe dringen, verharren
im tonlosen monolog der substanzen?

Hans Magnus Enzensberger: Gespräch der Substanzen


Eine Flucht vor den Zwängen des Alltäglichen bietet sich an, schreibt Essl in einem Begleittext zu "Memento Mori". Das Eingehen in einen gleichsam kristallinen Seinszustand, in dem keine Fragen mehr gestellt zu werden brauchen: ein Verharren und Lauschen, wo keine Sprache mehr ist.


In der Klang-Küche

Komponieren - das ist, wie chemische Prozesse steuern.

Karlheinz Essl: "Und so ist das auch beim Kochen. - Und das ist auch der Unterschied zwischen der amerikanischen Art zu Kochen und dem, wie es in einem intelligenten europäischen Kontext gemacht wird. - Das Kochen der Amerikaner ist ein additives Kochen, ein Zusammenmischen. Wohingegen das Kochen, das aus der klassischen Kochkunst kommt, sehr viel zu tun hat mit dem Verständnis der Zutaten, die richtigen Formen, Gemüse oder Fleisch zu schneiden - da sind uns wiederum die Chinesen weit überlegen; die haben ganz spezielle Ideen dazu, in welchen - geometrischen - Formen bestimmte Nahrungsmittel geschnitten werden können - weil das dann auch ganz anders schmeckt. - Das ist eher die Art des Klang-Kochens, die ich betreibe, dass ich nicht bloß irgendwelche Zutaten miteinander zusammenschmeiss' und daraus eine Suppe koche, sondern bereits mit den Ausgangsprodukten selbst schon sehr viel mache: sie liebevoll und mit Respekt behandle."

Als ob man beispielsweise Rindfleisch in einer Wokpfanne brät: mit Ingwer, Karotten, Knoblauch, Erbsen, Paprika – und einem geschmacklosen Pilz mit dem geschmacklosen Namen "Judasohr".


Erstsendung: 9.6.2006, 22:15
Wiederholungen: 11.06.2006, 21:15, 01.08.2011, 21:00, 04.08.2011, 16:00

Ö1 - Tonspuren



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Updated: 10 Aug 2015