Portrait

Karlheinz Essl

Der Komponist ist tot - es lebe der Komponist!

Statement zum 50jährigen Bestehen des Elektronischen Studios in Salzburg


Die gesellschaftlichen Umwälzungen seit dem 2. Weltkrieg und die galoppierende technologische Entwicklung haben die Künste und die Bedingungen ihrer Produktion radikal verändert. Die aus der Romantik stammende Vorstellung des Komponisten als demiurgischen Einzelkämpfer, der im geschützten Umfeld eines Elfenbeinturmes – "in splendid isolation" – an seinen Partituren feilt, ist fragwürdig geworden, ebenso auch das ihm historisch zugewiesene Präsentationsfeld zwischen Konzertsaal und Kirche.

An Stelle der modernen Unifikationstheorie, bei der Alles aus Einem entwickelt wird (was der Integrale Serialismus auf eine unüberbietbare Spitze getrieben hat), treten heute mehrwertige Konzepte, in denen unterschiedliche Sprachschichten und Sprachqualitäten in einen Diskurs treten, der vor den Ohren des Publikums stattfindet. Hohes und Tiefes, U und E, sind Kategorien von gestern; was heute zählt, ist das Hörbarmachen dessen, was uns im Innersten bewegt, ohne sich aber am Mainstream jeglicher Couleur zu bedienen. Dazu bedarf es eines wachen Geistes, der ohne Berührungsängste in entlegeneren Regionen wildert, welche früher tabuisiert worden sind.

Dieser Paradigmenwechsel hat eine neue Spezies von KomponistInnen herausgebildet, die sich bewusst den sich ständig ändernden Herausforderungen ihrer Zeit stellen und weniger von Oben, als von Unten her operieren. Anstatt sich bestehender Strukturen der Förderung und Präsentation zu bedienen, werden eigene geschaffen. Hierbei kommt dem Netzwerk-Gedanken eine entscheidende Rolle zu: Die Kommunikation zwischen KomponistInnen im Sinne einer "community" (die oftmals über das Internet ausgetragen wird) und die enge Zusammenarbeit mit anderen MusikerInnen führen zwangsläufig zu offeneren kompositorischen Konzepten, in denen Aspekte wie Improvisation, multiple Autorenschaft, Zufall, Intermedialität und Algorithmus eine immer stärkere Rolle spielen.

Auch wenn diese Entwicklung von manchen als der Anfang vom Ende der Musik beklagt wird, sehe ich diese als zukunftsweisenden Weg, an dessen Beginn wir uns gerade erst befinden.

© 2009 by Karlheinz Essl


Karlheinz Essl, geboren 1960 in Wien. Komponist, Improvisationsmusiker, Medienkünstler, Software-Designer. Studierte Komposition bei Friedrich Cerha und Musikwissenschaften in Wien. Composer-in-residence bei den Darmstädter Ferienkursen sowie am IRCAM in Paris. Seit 2007 Kompositionsprofessur für Elektroakustische Musik an der Musikuniversität Wien.



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Updated: 5 Sep 2009