Portrait

Karlheinz Essl

Lexikalische Metamorphosen

Vom Lexikon-Roman zum ELEX zur Lexikon-Sonate
zum Lexikon-Orakel und zum Lexikon-Projekt


In diesem Text ist davon die Rede, wie ein vor 30 Jahren geschriebenes Buch - Andreas Okopenkos Lexikon-Roman - im Zuge seiner späteren hypermedialen Ausarbeitung weitere Projekte initiiert hat: das unendliche Klavierstück Lexikon-Sonate, das kryptische Sprachspiel Lexikon-Orakel, und wie diese verschiedenen "Lexika" sich schlussendlich zur multimedialen Rauminstallation des Lexikon-Projektes zusammenfügten.



Lexikon-Roman

Inmitten der Studentenunruhen von 1968 begann der österreichisch-slowakische Schriftsteller Andreas Okopenko mit der Arbeit an einem Buch, dessen Tragweite damals noch niemand abschätzen konnte. Okopenko, der vor allem als Lyriker, Hörspielautor und Herausgeber einer Literaturzeitschrift [1] in Erscheinung getreten war, verfasste hier seinen ersten Roman, der 1970 unter Titel dem Titel


Lexikon

einer sentimentalen Reise
zum Exporteurtreffen
in Druden

Roman


im Residenz-Verlag in Salzburg veröffentlicht wurde. [2]

Das wohl merkwürdigste Charakteristikum dieses Buches ist der Verzicht auf einen fortlaufenden Text. Stattdessen erscheinen seine vielen hundert Kapitelchen in alphabetischer Reihung - ganz wie in einem Lexikon. Und wie in einem Lexikon sind diese Abschnitte mit Verweispfeilen gespickt, die dem Leser die mögliche Richtung seiner Lektüre andeuten und es ihm freistellen, sich seinen eigenen Weg durch das Labyrinth des Textes zu suchen.

Wie es zu diesem hypertextuellen Konzept kam (zu einer Zeit, da dies hierzulande noch völlig unbekannt war), beschreibt der Autor Jahre später:

"Eines unglaublich schönen Apriltages fuhr ich mit der Eisenbahn zu einem Hörspielabschluß nach Saarbrücken. Die Symptome des beginnenden Frühjahrs rührten mich, die (Arbeit und Spiel und Langeweile und Wunsch und Beziehung bergenden) Häuser in der Landschaft, die Möglichkeiten, hier und da und dort herumzuschauen, einzutreten, mitzuleben, und doch auch die Unmöglichkeit, all dieses Mögliche wirklich oder gar gleich zu tun. In der so gelösten wie aufgekratzten wie sentimentalen Stimmung dieses Vormittags entschloß ich mich, meinen ersten Roman zu schreiben: den Roman einer so seltsam als Möglichkeiten-Orgie erlebten Reise. Als Route wählte ich aber (wegen des langsameren Vorbeiziehens der Objekte, wegen der größeren Chance für das Entstehen einer Reisebefangenheit) eine Donaustrecke, als Fahrzeug ein Schiff. Einer der wichtigsten Einfälle kam fast zwanghaft: der Leser müßte Gelegenheit haben, die Möglichkeiten-Struktur der Welt nachzuspielen: in dieser oder jener Stadt auszusteigen, sich von hier oder dort aus weiterzuverzweigen oder aber auf der Donau am Hauptstrang der Handlung bleiben zu können. Als Form bot sich augenblicklich die alphabetische Reihung kleiner Portionen von Innen- und Außenleben an, ein LEXIKON mit Hinweispfeilen von einem Artikel zu manchen anderen, die aber wie in einem echten Lexikon wahlweise beachtet oder ignoriert werden könnten." [3]


Soviel zur Enstehungsgeschichte des Lexikon-Romans. Hier nun eine kurzgefaßte "Inhaltsangabe" des Buches, mit den Worten seines Autors:

"Ein Exportkaufmann fährt allein im ungewohnt beschaulichen Reisemedium eines Donauschiffs zu einem Exporteurtreffen. Die ungewohnte Muße läßt ihn beiläufig sein Leben reflektieren, andrerseits die Schönheiten, Häßlichkeiten und Tiefen der Landschaft wie die Schicksals-Spots der wahrgenommenen Menschen mit großer Intensität erfassen. Vorübergehend schwillt es zu der Erkenntnis an: "Du mußt dein Leben ändern." Die Route verläuft von der Wiener Reichsbrücke die Donau aufwärts noch Dürnstein. Die Orte seitlich der Strecke laden zum imaginären Aussteigen, Weiterwandern und Erleben ein, ebenso gedankliche Nebenwege. Im Schiffsrestaurant vergröbern sich die Gefühle zu sinnlicher Verliebtheit in eine attraktive dicke Dame aus der platt konventionellen Sphäre, kontrapunktisch erahnt der Mann später die anziehende Außergewöhnlichkeit eines überintelligenten kleinen Mädchens. Die Reise zum Wesentlichen scheitert an der konventionellen Gebundenheit des Kaufmanns und der Konsequenzlosigkeit seiner Hochgefühle. Allerdings wird ihm eine Ahnung vom bestrickenden "Überall geht es weiter", "Alles steht mit allem in Zusammenhang", "Überall könnte man neu beginnen", eine Ahnung vom Netzcharakter der Welt, ihrer "Möglichkeiten-Struktur", ihren Freiheitsgraden bleiben." [4]

Im Lexikon-Roman also wird der Leser vom Autor nicht durch eine virtuelle Welt geleitet, sondern muss sich selbst seinen eigenen und individuellen Weg durch die Netzstruktur des Textes suchen. Da das Buch nicht von vorne nach hinten gelesen werden kann (wenngleich diese Möglichkeit auch nicht völlig auszuschließen ist), gibt es weder Ziel noch Ende: die Lektüre wird unendlich und grenzenlos. So betritt der Leser den Roman wie ein Wanderer das Labyrinth, verliert sich in seiner Möglichkeitenstruktur, um sich selbst wieder darin zu finden. Er wird dadurch zum Mitautor, der sich durch die Lektüre seine individuelle Fassung eines "Offenen Kunstwerkes" [5] schafft, das sich bei jedem weiteren Lesen wieder neu formuliert. Dazu der Autor in der sog. "Gebrauchsanweisung" des Lexikon-Romans:

"Daß die Sentimentale Reise ein Möglichkeitenroman ist, wurde nun ausgesprochen. Es ist ein Mobile, wie man es von der Decke herunterhängen hat, damit es in jedem Luftzittern mitlebt und wechselt. Er ist ein Spiel, das nicht nach einmaligem Gebrauch ausgespielt ist. Lesen Sie einmal dem Schiff nach [also dem erzählerischen Hauptstrang folgend] und einmal nach dem Alphabet, einmal durcheinander und einmal Überschlagendes nachholend oder STÄDTCHEN tauschend. Vergleichen Sie Abfahrts- und Anfahrtskater, Aussaat und Ernte, Milchblau und Schweinchenrosig. Legen Sie einmal den Helden beiseite und spielen Sie ohne ihn mit den Ödstättenkindern, gehen Sie von Bord und machen Sie sich in der Au selbständig. Blättern Sie wahl- und gedankenlos in dem Buch oder benützen Sie das Würfelspiel Ihres Kindes." [6]

Das alles hat mit dem Roman klassischer Prägung herzlich wenig zu tun. Das Verfahren erinnert mehr an die Assoziationslogik der Lyrik als an die Diskursivität von Prosa. Ohne es zu wissen hat Okopenko damals Ende der 60er Jahre einer der ersten - vielleicht sogar den allerersten - literarischen Hypertext geschaffen. Eigenen Angaben zufolge hat er erst viel, viel später diesen Terminus kennengelernt, den Ted Nelson etwa zur gleichen Zeit geprägt hat.


ELEX - Elektronischer Lexikonroman

Ende der 80er Jahre experimentiert der Wiener Soziologe und Kommunikationstheoretiker Franz Nahrada mit Apples HyperCard, einer der ersten Programmierumgebungen für Hypermedien - Jahre vor Erfindung des World-Wide Web und des heute allgegenwärtigen Macromedia Directors. Nahrada entsinnt sich der Lektüre des "Lexikon-Romans" während seiner Gymnasialzeit, der ihn damals schon stark beeindruckt hat und beschließt zusammen mit Freunden und Gleichgesinnten

"ein experimentelles Projekt zu starten, in dem die freie, spielerische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Computer - besser: Hypermedien - im Vordergrund steht. Andreas Okopenkos Roman in Form eines Lexikons (...) stellt für dieses Projekt den idealen Ausgangspunkt dar. Erstens bildet er einen unveränderlichen, abgeschlossenen und zeitlosen Korpus von Informationen, der die Weiterentwicklung der formalen Darstellungsmöglichkeiten in den Vordergrund rückt. Zweitens wird der Inhalt in einem traditionellen Medium dargestellt, so dass Vergleichsmöglichkeiten zu neuen, elektronischen Lesarten gegeben sind. Und drittens birgt der Roman auch das Problembewusstsein, dass es heute vielleicht nicht mehr genügt, seinen Inhalt - das stark emotionale Erleben der Vernetztheit und der <<Möglichkeitsstruktur>> der Welt - mit den traditionellen Mitteln des Buches auszudrücken." [7]

Dieses Projekt verdankte sich ursprünglich weniger künstlerischen Ambitionen, sondern vielmehr spielerischer Experimentierlust und wissenschaftlicher Entdeckerfreude. Die Gruppe "Libraries of the Mind", wie sie sich daraufhin nannte, bestand zu Anfang neben Franz Nahrada aus dem Programmdesigner Wolfgang Biró und der Graphikerin Alfgard Kircher. Gemeinsam machte man sich Gedanken über eine adäquate, und nicht bloß platt verdoppelnden Umsetzung der Buchform in das neue Medium und beschäftigte sich mit Fragen des "user interface". In dieser ersten Phase wurde herausgearbeitet, wie hypertextuelle Navigationselemente die Lektüre des "Elektronische Lexikon-Romans" sinnvoll bereichern könnten: so entstand neben den zu erwartenden "Hyperlinks" (die ein direktes Anspringen von Textblöcken ohne Blättern erlaubte) auch die Idee eines "Logbuches", in dem der Weg des Lesers durch die Netzstruktur des Textes aufgezeichnet wird und ihm erlaubt, jederzeit zu einem beliebigen Knotenpunkt zurückzukehren und von dort aus den Text in eine andere Richtung weiter zu erkunden. Darüber hinaus wurde eine Art Landkarte geschaffen, die die Hauptstationen der Donaureise festhält und somit den erzählerischen Hauptstrang des Buches (nämlich die Schifffahrt auf der Donau, der eigentliche "plot") plastisch herausarbeitet. Zuletzt sorgte ein alphabetischer Index (der im gedruckten Original fehlt) und die Möglichkeit der Volltextsuche für eine komfortable Benutzung des ELEX, die weit über die Möglichkeiten des gedruckten Buches hinausgeht.


Ausschnitt aus der Navigationskarte des Elektronischen Lexikon-Roman
© by Libraries of the Mind (1992-98)


Bereits 1991 wurde der erste Prototyps des ELEX Andreas Okopenko vorgeführt, der fortan als "poetischer Begleiter" der "Libraries" fungiert und die weiteren Geschicke des ELEX maßgeblich beeinflußte. Seiner Initiative ist es zu danken, dass zu der von Anfang existierenden Bilderebene noch weitere mediale Komponenten - Stimme, Musik und Photographie - in den ELEX integriert wurden und zudem für den Leser Möglichkeiten geschaffen wurden, den Text aktiv mit Kommentaren und Randnotizen zu erweitern.

Die Illustrationen wurden von der Graphikerin Alfgard Kircher gestaltet, die auf sehr persönliche Weise Okopenkos Lyrizismen in zurückhaltend pastellhafter Farbigkeit umsetzte. Ihre Bilder tauchen bei bestimmten Kapiteln auf und lassen sich auf Wunsch ein- oder ausblenden.


Alfgard B. Kircher: Illustration zum Stichwort SENF


Jahre später trat - über Vermittlung von Andreas Okopenko - die Schriftstellerin und Photographin Krista Kempinger den "Libraries" bei und bereicherte den ELEX durch tiefgründige und rätselhafte Schwarzweißfotos, die auf sehr "wienerische" Art den Text ironisch und mehrdeutig konterkarieren.


Krista Kempinger: Photographie zum Stichwort STRASSENBAHN


Andreas Okopenko selbst steuerte wiederum seine eigene Stimme bei, die dem Leser auf Verlangen ausgewählte Kapiteln des Buches vorliest.

Auf Musik - die schon erwähnte Lexikon-Sonate - werde ich im Folgenden näher eingehen.

Seit Mai 1998 ist der "Elektronische Lexikon-Roman" - ein Pionierprojekt im Bereich Hypermedia - nun endlich auch als CD-ROM erhältlich, die auf Apple Macintosh Computern läuft.


CD-ROM-Cover des Elektronischen Lexikon-Romans


Lexikon-Sonate

Im Herbst 1992 gelangte ich über Vermittlung von Franz Nahrada zu den "Libraries" und wurde eingeladen, den noch ausständigen Musikpart für den ELEX zu komponieren. Nach der ersten Lektüre des Buches erkannte ich, dass die ursprünglich vorgesehene Aufgabe - kurze Musikclips für die einzelnen Kapitelchen zu schreiben - nicht zielführend ist. Die Struktur des Buches selbst fordert (so schien es mir) einen gänzlich anderen Weg. Seine potentielle Unendlichkeit und Freiheit der "Wegfindung" - seine explizite Prozessualität - stehen im krassen Widerspruch zur Komposition kleiner, abgeschlossener Einheiten. Ausserdem wurde mir bald klar, dass ein Kapitel auf die verschiedensten Arten gelesen werden kann (andächtig meditierend, flüchtig überschlagend, vor- und zurückblätternd etc.), dass - mit einem Wort - die Verweildauer des Lesers ein unkalkulierbarer Parameter blieb.

Die ideale Lösung stellte sich mir folgendermaßen dar: ein Komponist, der während der Lektüre ein interaktives Musikstück schreibt, das sich jedesmal verändert, sobald der Leser ein neues Kapitel aufschlägt. Oder - mit anderen Worten: ein Computerprogramm, das einen Komponisten simuliert, der während der Lektüre Klaviermusik improvisiert, die wiederum vom Verhalten des "Lesers" abhängt. Wie lange auch immer die Verweildauer in einem Kapitel sein mag: während dieser Zeit ertönt eine charakteristische Klangwelt, die sich jedoch verändert, wenn ein anderer Abschnitt aufgesucht wird. Dieser Wechsel sollte jedoch nicht abrupt erfolgen, sondern Teilaspekte des Vorangegangenen weiterführen. Ebenso wie in einem Lexikon, wo der Verweis auf ein Stichwort immer einen semantischen Rückbezug aufweist. Okopenko hat dieses "lexikalische Prinzip" im Vorwort des Lexikon-Romans wunderbar illustriert:

"Wer hat nicht schon im Lexikon, GOLDSCHMINKE nachschlagen wollend, erst einmal den Artikel über GOLDONI, dann den über GOLDREGEN gelesen, dort auf LABURNUM verwiesen, die Einrichtung von LABORATORIEN gestreift, Interesse an der Herstellung eines Chlorkalziumröhrchens gefaßt, das Glasblasen erlernt, dabei einen Wangenriß erlitten, pflasterbeklebt einem Clown geähnelt, nachgedacht, was zum Clown noch fehlte, dabei Blanc und Rouge aufgefunden und so den Gedanken zurückgewonnen, dass er ja GOLDSCHMINKE nachschlagen wollte - was er nun endgültig tat." [8]

Die Lexikon-Sonate wurde 1992 als "work-in-progress" begonnen und stellte ursprünglich einen musikalischen Kommentar zum Lexikon-Roman dar. Sie ist ebensowenig eine Sonate, wie Okopenkos Lexikon-Roman dem klassischen Roman entspricht. Es gibt nicht einmal einen Notentext, der von einem Pianisten interpretiert werden kann, und die Dauer des Stückes ist unbegrenzt. Jede Aufführung ist einmalig und nicht reproduzierbar.

Das Stück existiert einzig als Computerprogramm (implementiert in der am Pariser IRCAM entwickelten Computersprache MAX), das in Echtzeit Klaviermusik komponiert und ohne jegliche spieltechnische Einschränkungen auf einem Player-Piano spielt. Ursprünglich war dies der von der Firma Bösendorfer entwickelte Computerflügel SE (von dem es weltweit nur wenige Exemplare gibt); heute steht dafür auch das weitverbreitete Disklavier von Yamaha neben verschiedenen Klavier-Samplern und Software-Synthesizern zur Disposition.

Längst schon hat sich die "Lexikon-Sonate" als eigenständiges Werk verselbständigt und fristet auf ungezählten Festplatten und ftp-Servern eine autonome Existenz, die völlig der Kontrolle ihres Urhebers entzogen ist und - wie ich immer wieder höre - auch von Komponisten als Generator für musikalische Strukturen eingesetzt wird. Das Stück existiert als Freeware für Apple Macintosh Rechner, daneben aber gibt es auch spezielle Web-Versionen, die für HTML-Browser optimiert wurden.


Esprit Joyce Gruppen Scala Fermata Ricochet Clouds MeloChord BrownChords Dependance Orgelpunkt SoloPlay Arpeggio Figuren Triller Glissando Generalpause RePlay User-Interface der Lexikon-Sonate

Benutzeroberfläche der Lexikon-Sonate
vs. 3.2 (released: 11 Jan 2007)

Clickable Map: Mit einem Doppelklick auf eines der Kästchen (z.B. "Esprit")
erhält man weitere Informationen über dieses Strukturgenerator und außerdem noch ein Hörbeispiel.


Im Unterschied zur mobileartigen Struktur von Okopenkos Roman gibt es in der "Lexikon-Sonate" keine vorab ausformulierten musikalischen Phrasen. Die Musik entsteht hier nicht durch Kombination von vorgefertigten Teilen (wie dies etwa John Cage, Earl Brown und Roman Haubenstock-Ramati betrieben haben), sondern durch das Ineinanderwirken unterschiedlichster Kompositionsgeneratoren, die aus der Analyse der Klaviermusik seit Johann Sebastian Bach gewonnen wurde. In der Absicht, ein unendliches Lexikon der Klaviermusik zu schaffen, begann ich in jahrelanger Arbeit, die historischen Klaviertopoi zu analysieren, um daraus ihre jeweilige "Essenz" herauszudestillieren: das Strukturmodell eines solchen Topos, das dann als Computerprogramm implementiert wird, und aus dem durch Veränderung der Systemparameter und dem Wirken von miteinander verkoppelten, oftmals zufallsgesteuerten Kompositionsalgorithmen immer neue Varianten entstehen.

Die ursprünglichen Topoi treten jedoch niemals als wörtliche Zitate, sondern höchstens in Form von Allusionen in Erscheinung. Wie in einem Lexikon verweisen diese verschiedenen musiksprachlichen "Module" durch unterschiedliche Grade von Verwandtschaften strukturell aufeinander und bilden so ein Geflecht von Beziehungen und Differenzen. Schließlich aber ist der Hörer selbst, der sich beim aktiven Hören seine persönliche Fassung der Lexikon-Sonate (ganz im Sinne des "Radikalen Konstruktivismus") komponiert. Und wie beim Lesen eines Lexikons Erinnerungen an das zuvor Nachgeschlagene noch wirksam bleiben, verändert sich die Musik der Lexikon-Sonate nicht sprunghaft, sondern bewahrt etwas von ihrer eigenen Erinnerung in sich auf, das sich in den weiteren musikalischen Verlauf integriert.


Kompositionstechnisch fußt die Lexikon-Sonate auf dem Konzept des Strukturgenerators, das wiederum seinen Vorläufer in Goethes "Urpflanzen-Theorie" hat. Dieser schrieb am 17. Mai 1787 an seinen Freund Herder:

"Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt, um welches mich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schlüssel dazu kann man alsdann noch Pflanzen bis ins Unendliche erfinden, die konsequent sein müssen, das heißt, die, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten und nicht etwa malerische und dichterische Schatten und Scheine sind, sondern eine innerliche Wahrheit und Notwendigkeit haben. Dasselbe Gesetz wird sich auf alles übrige Lebendige anwenden lassen." [9]

Die Eigenschaften eines Baumes werden durch ein Modell - ein Inbegriff von Strukturmerkmalen - bestimmt; eine konkrete Form (z.B. Fichte) kann auch als Strukturvariante dieses Strukturmodells >>Baum<< beschrieben werden. Das ließe sich gleichermaßen auch auf Musik übertragen: ein bestimmtes Modell (als Beschreibung einer kompositorischen Gestalt) würde die Generierung tausender verschiedener Varianten, ganz im Sinne der Urpflanze, erlauben.

Wenn wir nun in der Lage sind, einen Baum im Sinne eines Modells zu beschreiben, dann könnte dieses Modell auch als Generator implementiert werden, der zwar keine echten Bäume, aber die verschiedensten Bilder von Bäumen erzeugen kann. Die geeignete Umsetzung wäre ein Computerprogramm, das aufgrund des implementierten Modells durch Veränderung der Parameter neue Baumformen generiert. Solche Software existiert bereits und erlaubt nicht nur die Herstellung pflanzlicher Artefakte, sondern auch von Wolkenformationen, Landschaften und Oberflächentexturen. [10]

Das gleiche Prinzip - nunmehr auf musikalische Komposition angewandt - stellt eines meiner zentralsten Arbeitsmethoden dar. Das Modell beschreibt die strukturellen Verknüpfungen und Steuerparameter, die zur Erzielung einer bestimmten musikalischen Gestalt notwendig sind. Das möchte ich Ihnen nun am Beispiel eines Triller-Generators erläutern:

Ein Triller im traditionellen Sinn besteht aus dem schnellen Alternieren zweier benachbarter Skalentöne. Nun ließe sich das Prinzip des Trillers aber erweitern: es bleibt bei der raschen Bewegung, nur können jetzt aber mehr als 2 Töne auftreten, die zur Vermeidung von repetitiven Mustern jedoch nicht zyklisch durchlaufen, sondern unregelmäßig permutiert werden. Neben der Dauer eines Trillers wäre auch seine Geschwindigkeit als variabel zu denken, und zudem könnten auch Geschwindigkeitsveränderung (ritardandi, accelerandi) auftreten. Als letzter Parameter käme noch der Dynamikverlauf dazu: an- und/oder abschwellend oder eine komplexerer Hüllkurve.

Das Modell dieses Triller-Generators basiert nun auf einem Satz von Systemparametern. Die Auswahl der entsprechenden Parameterwerte könnte durch einen weiteren Steuermechanismus erfolgen, der wiederum von einem anderen, übergeordneten Strukturmodell abhängig ist. Es ließen sich aber - anstelle von determinierter Auswahl - auch Zufallsoperationen einzusetzen, die innerhalb der vorgegebenen Grenzen wirken und so ein weites Feld von Strukturvarianten erzeugen.

Die Lexikon-Sonate besteht nun aus einer Vielzahl solcher Strukturgeneratoren, die jeder für sich spezifische musikalische Eigenschaften aufweisen: neben idiomatischen Typen wie dem eben genannten Triller-Generator gibt es auch Melodie- und Akkord-Generatoren in den vielfachsten Abstufungen und Varianten. Meistens spielen mehrere Generatoren gleichzeitig und bilden in ihrer gegenseitigen Durchdringung neue musikalische Hyperstrukturen.

Die Steuerung dieser Generatoren kann nun über den ELEX erfolgen. Darüber hinaus lässt sich die "Lexikon-Sonate" auch wie ein Instrument spielen, indem über die Computertastatur die verschiedenen Strukturgeneratoren intentional abgerufen und miteinander verknüpft werden können.



Lexikon-Orakel

Als letzte Auswucherung des Lexikon-Gedankens sei kurz noch mein Lexikon-Orakel gestreift, das 1996 entstanden ist: ein zufallsgesteuerter Textgenerator, der über die im Lexikon-Roman und der Lexikon-Sonate aufgeworfenen theoretischen, philosophischen und ästhetischen Fragestellungen reflektiert. Wie ein trunkener raconteur philosophiert dieses Orakel in abstrusester und schonungslosester Weise und wirft dabei mehr Fragen auf, als es Antworten zu geben imstande ist. Und wieder ist es der Hörer, der im Versuch, den "Sinn" zu ergründen, zur eigenen Kreativität und Mitschöpfung aufgefordert wird.

Das Lexikon-Orakel basiert auf englischsprachigen Texten von Gerhard Eckel und mir über die Lexikon-Sonate, die durch einen speziellen Markov-Ketten-Algorithmus dekonstruiert und anschließend mittels gewichtetem Zufall wieder neu zusammengesetzt wurden. Die daraus entstehenden Neukombinationen erscheinen zwar syntaktisch korrekt, verlieren aber ihre ursprüngliche semantische Bedeutung, da sich hier die verschiedenen Ausgangstexte unkontrolliert durchmischen. Dieses so gewonnene Textmaterial wird schließlich in Echtzeit mittels Zufallsoperationen neu zusammengesetzt und - Dank Apple's "Text-to-Speech" Technologie - von einer Computerstimme geflüstert.

Ebenso wie die Lexikon-Sonate existiert auch das Lexikon-Orakel als eigenständige, in JavaScript bzw. Perl implementierte Versionen für HTML-Browser, die im World-Wide Web abgerufen werden können.


Lexikon-Projekt

Die Zusammenfassung der verschiedenen "Lexika" ereignete sich im Sommer 1998 im Klangturm St. Pölten: in dem von Karlheinz Essl in Zusammenarbeit mit der Architektin Regina Freimüller konzipierten "Lexikon-Projekt" wurden die unterschiedlichen Aspekte - Roman, Sonate und Orakel - als multimediale Rauminstallation präsentiert.

"Der Titel LEXIKON-Projekt verweist auf den engen Systemzusammenhang dieser drei Arbeiten, die versuchen, den Begriff der Enzyklopädie in seiner komplexen Struktur auf unterschiedliche Art zu analysieren. Das Lexikon hat im Zeitalter des World-Wide Web seine Funktion als bloßes Nachschlagewerk verloren, durch Suchmaschine, Links und weltweite Vernetzung steht es dem User zur Disposition, in ein Labyrinth von Beziehungen einzutauchen, um womöglich im Meer dieses Wissens zu einer höheren Erkenntnis zu gelangen. Die Dekonstruktivisten, hier besonders Jacques Derrida, betonen, daß Sprache und dadurch auch Sprachwerke ausschließlich im jeweiligen Kontext verstanden werden können und ihre Bedeutung sich mit jeder Lektüre ändert. Jeder Text wird verstanden als Teil eines großen Textes, eines "Intertextes", in dem alle Teile in einem Dialog miteinander stehen. Ergo birgt das erneute Lesen eines Textes, das erneute Hören einer Melodie, das erneute Sehen eines Bildes... für den Rezipienten ein noch nie dagewesenes Erlebnis und führt den Besucher auf eine Reise in die Unendlichkeit." [11]

In vielfacher Vernetzung durchdringen sich die verschiedenen Darstellungsebenen: die Lektüre des ELEX auf den Lesestationen steuert die Generierung der Lexikon-Sonate, die auf einem Yamaha Disklaviers erklingt; zudem läßt sich der Verlauf der Musik auch direkt an einer von Regina Freimüller entworfenen Computer-Stele beeinflussen.

In der zur Bibliothek umgestalteten begehbaren Klangkugel, die - akustisch durchlässig - im sog. Hauptraum schwebt, erklingt das Lexikon-Orakel als im Raum kreisende Klanginstallation; seine Flüsterstimme ist aber auch im Stiegenhaus und im Kassabereich des Klangturmes zu hören und verbindet so Aussen- und Innenwelt miteinander.


Anmerkungen

[1] Zwischen 1951-53 gab Okopenko die publikationen einer wiener gruppe von autoren heraus, in denen Lyrik und kurze Prosatexte u.a. von René Altmann, H.C. Artmann, Helene Diem, Jeannie Ebner, Gerhard Fritsch, Ernst Jandl, Ernst Kain, Elfriede Mayröcker und Wieland Schmied veröffentlicht wurden. Insgesamt erschienen 8 hektographierte Hefte in einer Auflage von ca. 100 Stück.

[2] Andreas Okopenko, Lexikon-Roman einer sentimentalen Reise zum Exporteurtreffen in Druden (Salzburg: Residenz 19701, Frankfurt/M etc: Ullstein 19832, Wien: Deuticke 19963). ISBN 3-216-30264-4.

[3] Andreas Okopenko, Ein Vermächtnis (Erstdruck: KURIER, Wien ca. 1980); in: "NEXT GENERATION - Karlheinz Essl", hrsg. von Margarethe Lasinger, Programmheft der Salzburger Festspiele 1997 (Salzburg 1997), S. 42 f.

[4] Andreas Okopenko, "Lexikon-Roman" - Inhaltsangabe (geschrieben für die Präsentation des ELEX in der Galerie im Weinstadl Wien-Stammersdorf, 5.6.93); in: "NEXT GENERATION - Karlheinz Essl", a.a.O., S. 40.

[5] Umberto Eco, Das Offene Kunstwerk (1962), dt. von Günter Memmert (Suhrkamp: Frankfurt/Main 1977), S. 57

[6] Andreas Okopenko, Lexikon-Roman, a.a.O., "Gebrauchsanweisung", S. 6.

[7] Franz Nahrada, Auf dem Weg zum multimedialen Erzählen. Elektronischer Lexikon-Roman; in: MONITOR 11/91 (Wien 1991).

[8] Andreas Okopenko, Lexikon-Roman, a.a.O., Gebrauchsanweisung, S. 6.

[9] Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise: Brief an Herder vom 17. Mai 1787; in: Goethes Werke (Hamburger Ausgabe), hrsg. von Erich Trunz (C.H. Beck: München 1982), S. 323/324.

[10] Bryce - Kay's Power Tools for Photoshop; Zu erinnern sei auch an die Lucas Film Ltd., die sich auf computergenerierte utopische Szenarien für Science Fiction Filme spezialisiert hat.

[11] Alexandra Viehhauser, Lexikon-Projekt. Eine multimediale Rauminstallation von Karlheinz Essl, Andreas Okopenko, Regina Freimüller und den "Libraries of the Mind" (Klangturm St. Pölten 1998).

© 1998 by Karlheinz Essl


Vortrag und Performance, gehalten am 20.11.1998 bei der Konferenz Softmoderne - Literatur im Netz am Goethe-Institut in Prag.


Presse

Katja Stopka: Softmodernes in Prag. Symposium an der Moldau zum aktuellen Stand der Netzliteratur (Tagesspiegel, 23 Nov 1998)

(...) Höhepunkt dieses Tages war die von dem Österreicher Komponisten Karlheinz Essl vorgestellte CD-ROM der Wiener Künstlergruppe "Libraries of the Mind", die auf kongeniale Weise den berühmten Lexikon-Roman Alexander Okopenkos in das digitale Medium übersetzt hat. (...)



ELEX Interview Kritik CD-ROM Lexikon-Sonate


Updated: 17 Aug 2012