Portrait

Karlheinz Essl

Meine zehnundeins Lieblingsbücher (1976-1993)

2018


lieblingsbuecher2



Auf Anregung der Autorin und Künstlerin Andrea Maria Dusl habe ich im August 2018 auf Facebook über jene zehn Bücher gepostet, die meinem Leben eine neue Richtung gegeben und meine kompositorische und künstlerische Entwicklung maßgeblich beeinflußt haben:

  1. Die Wiener Gruppe (1976)
  2. Karlheinz Stockhausen: Texte Bd. 1 (1977)
  3. Alexanders poetische Texte (1979)
  4. James Joyce: Ulysses (1983)
  5. Ilya Prigogine: Order Out of Chaos (1985)
  6. Umberto Eco: Das offene Kunstwerk (1985)
  7. Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel (1985)
  8. Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? (1986)
  9. John Cage: Silence (1987)
  10. Andreas Okopenko: Lexikon-Roman (1992)
  11. Georges Perec: La disparition (1993)



1_wiener-gruppe Nummer #1 (1976):
Die Wiener Gruppe, hrsg. von Gerhard Rühm (Rowohlt: Hamburg 1967)

Ein Buch, das wir (eine verschworene Gemeinschaft literatur- und kunstbesessener Rosensteiner) von unserem Deutschlehrer unter der Hand geliehen bekamen. Während andere mit auffrisierten Mopeds durch die Gegend glühten, vertieften wir uns in die von HC Artmann proklamierte Theorie des „poetischen actes”, streiften den Wiener Aktionismus und erfanden dabei den Klaperatismus. Dabei wurde mir bewusst, dass ich nicht Chemiker, sondern Musiker werde muss.

Ein Vierteljahrhundert später entstand gemeinsam mit der Autorin Sabine Scholl die Text/Musik/Performance BREAKAWAYS über die Wiener Gruppe, die wir 2001 zur Eröffnung des Austrian Cultural Forums in New York aufführten.


3_stockhausen Nummer #2 (1977):
Karlheinz Stockhausen: Texte zur elektronischen und instrumentalen Musik, Bd. 1 (Aufsätze 1952-1962 zur Theorie des Komponierens), hrsg. von Dieter Schnebel (Dumont: Köln 1963)

Entdeckt hatte ich diesen Schinken 1976 in der Hauptbücherei Skodagasse, als ich mich auf die Suche nach einem Namensvetter begab, auf den ich durch die hoch geschätzte Krautrockband CAN gestoßen war. Damals wusste ich nichts von elektronischer oder serieller Musik, war aber so fasziniert von diesen kryptischen Texten, dass ich mich sogleich in die Theorie der Gruppenkomposition vertiefte. Frucht dieses fragwürdigen Unterfangs war ein Gitarrenstück namens Nebenniere, das ich als 17-jähriger zusammengeschustert hatte.

1989 schrieb ich für das Festival WIEN MODERN einen Aufsatz über die Aspekte des Seriellen bei Stockhausen, wo ich versuchte, seine kompositionstheoretischen Konzepte zusammenzufassen und zu ergründen, welchen Stellenwert sie heute noch haben.


2_alexander Nummer #3 (1979):
Alexanders poetische Texte, hrsg. von Leo Navratil (dtv: München 1977)

Schon während meiner Schulzeit hat mich diese Buch nicht losgelassen. Und auch heute haben die Gedichte eines Schizophreniepatienten (dessen Anonymität später auf aufgehoben wurde), nichts von ihrer rätselhaften Wirkung eingebüßt: lyrische Psychogramme einer sensiblen Seele, die zwar schreiben, sich aber aufgrund einer Behinderung sprachlich kaum artikulieren konnte.

35 Jahre später hörte ich die brüchige Stimme Ernst Herbecks (so hieß der Autor) zum ersten Mal, als mir Johann Feilacher eine Tonbandkassette überreichte mit dem Auftrag, daraus ein Stück zu machen. Daraus entstand 2014 die Soundperformance Herbecks Versprechen und danach das Hörstück Herbeck extended für ORF KUNSTRADIO.


4_joyce Nummer #4 (1983):
James Joyce: Ulysses, Übertragung von Hans Wollschläger (Suhrkamp: Frankfurt/Main 1981)

Obwohl mir ein literarisch versierter Freund von dieser Lektüre abgeraten hatte, bin ich diesem Buch mit einem Rotring 0.1 Tuschfüller zu Leibe gerückt, um die unzähligen Querverweise und strukturellen Zusammenhänge herauszuarbeiten und an den Rand zu kritzeln: Die strukturellen Komponenten des Buches als eine Art Hypertext herauszudestillieren, was ich erst 10 Jahre später in meiner eigenen Website realisieren konnte. Hilfreich war die Lektüre von Stuart Gilberts Exegese, die mich sicher durch die Klippen und Wirrnisse dieses Leseabenteuers navigiert hatte. Und gelernt habe ich vor allem das Komponieren auf Basis von „constraints”, Strukturen und aberwitzigen Wortschöpfungen. Mein Opus 2, das Orchesterstück met him pike trousers bezieht sich direkt auf Joyce’ Idee der „metempsychosis” - der fortwährenden Verwandlung der Gestalten, die ich von ihm gelernt hatte und die bis heute in meiner Musik eine entscheidende Rolle spielt.

Weitere Ulysses-Bezüge finden sich in meiner Klangperformance Sonnez la cloche! (inspiriert von der "Fuga per canonem" des Sirenen-Kapitels) sowie im Tuba/Elektronik-Stück Si!, das die letzten Worte von Penelope/Molly Bloom (in italienischer Übersetzung) der Tuba in den Mund legt: "si, si voglio, si!"


5_prigogine Nummer #5 (1985):
Ilya Prigogine und Isabelle Stengers: Order Out of Chaos. Man's New Dialogue with Nature (Bantam Books: New York 1984)

Hier beschreiben die AutorInnen, wie in chaotischen Systemen, die sich nicht im Gleichgewicht befinden und nach außen hin nicht abgeschlossen sind, Gegenkräfte mobil werden, die – entgegen den Postulaten der klassischen Thermodynamik – neue Ordnungszustände etablieren können. Die Konsequenzen dieser Einsicht scheinen weiterreichend, als auf den ersten Blick vermutet werden könnte: hier riecht es verdächtig nach Revolution, die nicht nur ein physikalisches, sondern jegliches erstarrtes, obrigkeitshöriges Weltbild in Frage stellt.

Das Faszinierende an Prigogine's Untersuchungen ist der neue, nichthierarchische Ordnungsbegriff. Chaos und Ordnung werden nicht länger als Widersprüche gesehen, sondern als Extrempole, zwischen denen vielfältige Übergänge möglich sind. Diese Erfahrung begegnet uns auch im täglichen Leben auf Schritt und Tritt. So kann einerseits Chaos aus Ordnungsprinzipien entstehen, wenn deren Komplexität so groß ist, daß das Resultat den Charakter von "verborgener Vorhersehbarkeit" annimmt. Umgekehrt aber können im Chaos Bereiche von Ordnung entstehen, wenn innerhalb des Systems Kräfte mobilisiert werden, die dem drohenden Zerfall entgegensteuern.

Als gelernter Chemiker war dieses Buch eine wahre Offenbarung für mich, da es alle Grundsätze meines naturwissenschaftlichen Verständnisses auf den Kopf stellte. Aber die Botschaft war befreiend: auch im Chaos wohnen Tendenzen zur Selbstorganisation, und die vermeintliche Ordnung kann ins Unbestimmte umschlagen. Diese Erkenntnisse deckten sich mit meiner damaligen Auseinandersetzung mit dem Serialismus, wo ähnliche Fragen aufs Tapet gebracht wurden. Kurze Zeit später kaufte ich meinen ersten Computer (einen ATARI ST) und begann, chaotischen und aleatorischen Programme zu schreiben. Doch das war nur der Anfang…

Ausgehend von diesen systemtheoretischen Überlegungen änderte sich - naturgemäß - auch mein kompositorisches Denken: ich schrieb mein erstes "richtiges" Opus 1 - das Streichquartett Helix 1.0 (1986) und später den Aufsatz Klangkomposition und Systemtheorie, die bei den Darmstädter Ferienkursen 1990 präsentiert wurden.


6_eco Nummer #6 (1985):
Umberto Eco: Das offene Kunstwerk (Suhrkamp: Frankfurt/Main 1977)

Mein Interesse für generative Prozesse und offene Formen fand reiche Nahrung in diesem Buch, das sich interessanterweise Diskussionen mit den Komponisten Luciano Berio, Henri Pousseur und André Boucourechliev verdankt.

Ein "Offenes Kunstwerk" kann als unbekannte Landschaft beschrieben werden, die zu eigenen Erkundungsmärschen einlädt. Eine "terra incognita", durch das sich ein Netzwerk von Wegen zieht. Entlang dieser Pfade (und auch abseits davon) gibt es Mannigfaches zu entdecken. Und doch sind die Besucher nicht völlig auf sich gestellt: immer wieder finden sich Orientierungsmarken und Wegweiser, Fluchtpunkte und Richtungspfeile. Das bereits Erlebte wird bestimmend für den weiteren Verlauf der Reise - die Fortführung eines Weges wird fallengelassen, weil sich vielleicht am Horizont eine Fata Morgana ankündigt, der nachgespürt werden will.

Die Offenheit, die ich als Komponist anstrebe, möchte die HörerInnen mit einbeziehen, die gleichsam das Werk zu Ende komponieren und damit als Mitschöpfer aus der gesellschaftlich verordneten Passivität treten; sie "konstruieren" aufgrund ihrer individuellen Voraussetzungen ihr eigenes, "offenes" Kunstwerk. Dieses kann - so Umberto Eco - "auf tausend verschiedene Arten interpretiert werden, ohne daß seine irreproduzible Einmaligkeit davon angetastet würde. Jede Rezeption ist so eine Interpretation und eine Realisation, da bei jeder Rezeption das Werk in einer originellen Perspektive neu auflebt."

Zehn Jahre später schrieb ich ein flammendes Plädoyer für das "Offene Kunstwerk", in dem dich die Dialektik zwischen Werk und Prozess zugunsten einer Synthese von beiden aufzulösen versuchte. Vielleicht ist mir das in einigen meiner Kompositionen geglückt.


7_borges Nummer #7 (1985):
Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel (Reclam: Stuttgart 1974)

Auf dieses Buch hat mich der leider viel zu früh verstorbene Dichter Christian Loidl aufmerksam gemacht: Eine schwindelerregende Parabel über Kombinatorik und Unendlichkeit, die mich immer noch erschaudern läßt. Wie läßt sich in dem Wust der permutierten Zeichen Sinn finden? Um dieser Frage nachzugehen komponierte ich 1988 das Kammerorchesterwerk Oh tiempo tus pirámides, dessen Titel auf eine zufällig gefundene Buchstabenkombination in dieser monströsen Bibliothek verweist.

Später habe ich den Text dieser Erzählung mit Hilfe von Markovketten durch die Computer-Mangel gedreht, in seine Bestandteile faschiert und neu zusammengesetzt. Daraus enstand 1990 das Hörstück Zungenreden für das KUNSTRADIO. Hier verliert die Sprache allmählich ihre logischen und syntaktischen Zusammenhänge und mündet schließlich in eine glossolalischen Hymnus, der sich in reinen Wortklang ohne jegliche Bedeutung auflöst.


8_watzlawick Nummer #8 (1986):
Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? (Piper: München 1976)

Die uralte Frage, was die Wirklichkeit ist und wie sie zu erkennen sei, ist ein zentrales Thema der Erkenntnistheorie und auch für mich als Künstler von Interesse. Wie transportiert sich das, was ich denke und schreibe, wie wird meine Musik von anderen gehört? Gibt es ein objektive Wirklichkeit, oder sehen wir nur Schatten?

Paul Watzlawick zeigt auf geistreiche und pointierte Weise, dass Erkenntnis nicht Abbildung einer objektiven Wirklichkeit ist. Zusammen mit Humberto Maturana und Heinz von Foerster stellte er die These auf, dass wir die Welt, in der wir leben, durch unsere Wahrnehmung nicht bloß abbilden, sondern konstruieren. Da es aber bei jedem Wahrnehmungsvorgang zur einer Wechselwirkung zwischen Betrachter und Betrachtetem kommt, kann es keine vom Betrachter unabhängige, "objektive" Welt geben: das Bild entsteht im Auge des Betrachters. Daraus folgt: unsere Weltsicht ist eine mögliche Konstruktion unter vielen, für die wir persönlich verantwortlich sind.

Unsere individuelle Auffassung von Wirklichkeit kann deshalb nie den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Daraus resultiert eine tolerante Haltung gegenüber anderen Wirklichkeitskonstruktionen und eine Abkehr von jeglicher totalitärer Doktrin. Dies scheint mir, in Zeiten wiedererwachender Autoritätsbedürfnisse, wichtiger denn je.

1992 habe ich die Auswirkungen auf den künstlerischen Schaffensprozess in meinem Aufsatz Kompositorische Konsequenzen des Radikalen Konstruktivismus untersucht und dabei auch die Rolle der RezipientInnen beleuchtet. Sie sind nicht mehr bloß da zu verdammt, den verschlungen Wegen des Komponisten zu folgen und seine kryptischen Botschaften zu entziffern. Im aktiven Vorgang des Hörens komponieren sie quasi eine persönliche Fassung des Werkes zu Ende und werden damit zu Mitschöpfern.


9_cage Nummer #9 (1987):
John Cage: Silence. Lectures and Writings (Marion Boyars: London 1987)

Cage war und ist für mich eine Lichtgestalt. Vielfach angefeindet und der Scharlatanerie bezichtigt, war er bis zuletzt ein wacher und offener Geist, der immer neue Wege beschritt. Es war ein großes Glück, dass ich ihn 1988 persönlich kennenlernen durfte. Für ein „Gesprächskonzert” im Wiener Konzerthaus erarbeitet ich mit den MusikerInnen des Ensembles „die reihe” sein neues Stück Music for…

Bei der Generalprobe war Cage auch selbst anwesend: ein zartes Männchen im blauen Mao-Kittel, gütig lächelnd und niemals grob. Kein Wort der Kritik. Abends gingen wir dann ins "Siddharta" auf den Fleischmarkt, zu dieser Zeit das einzige makrobiotische Restaurant in Wien. Aber nichts auf der Speisekarte behagte den Meister: „Das sind ja alles Nachtschattengewächse!”, flüsterte er, „das kann ich nicht essen.” So begnügte er sich mit einer Schale braunen Reis und trank dazu ein Glas Wodka - „to balance Yin and Yang” - während sich die anderen Gäste den Bauch vollschlugen.

John Cages Bescheidenheit und Demut – als gelebter Ausdruck seines Konzepts der Stille – standen in eklatantem Widerspruch zu dem öffentlichen Diskurs um seine Person. Stille war bei Cage keine Attitüde oder kämpferische Antithese, sondern absichtslose Realität. Ebenso wie er die Klänge zu sich selbst kommen ließ, "ohne sie für Gefühle oder Ordnungsvorstellungen zu missbrauchen", lebte er dies auch mit jeder Faser seines Lebens.

Ein Jahr später veranstaltete ich mit meinen Studienkollegen Christian Ofenbauer und Christian Schedlmayer das Cage-Projekt im Wiener Konzerthaus, zu dem uns unser Lehrer Friedrich Cerha ermuntert hatte. In alle Räumen des Konzerthaus ertönten gleichzeitig verschiedene Fassungen seines Klavierkonzerts (1958), das 30 Jahre zuvor einen handfesten Skandal in Wien ausgelöst hatte. Diesmal aber war es ein entspanntes Happening, das in einem gemeinsamen Schwammerlessen gipfelte, zu dem der damalige Konzerthauschef Alexander Pereira Publikum und MusikerInnen eingeladen hatte.


10_okepenko Nummer #10 (1992):
Andreas Okopenko: Lexikon-Roman (Ullstein: Frankfurt/Main 1983)

Mit seinem in Form eines Lexikons geschrieben Roman hat Andreas Okopenko 1970 den ersten literarischen Hypertext geschaffen, noch bevor Ted Nelson diesen Begriff geprägt hatte. Die aberhundert Kapitelchen dieses Buchs sind wie in einem Lexikon alphabetisch sortiert und über Verweisepfeile („Hyperlinks”, würde man heute sagen) miteinander verbunden. Diese Buch ist ein „offenes Kunstwerk” par excellence; eine lineare Lesart wäre unsinnig und langweilig. Stattdessen ist die geneigte Leserschaft ist aufgefordert, sich ihren eigenen Weg durch den Textapparat zu suchen, um - wie bei einem Lexikon - vom Hundersten ins Tausende zu kommen und sich in darin zu verlieren. Diese individuelle und nicht reglementiert Lesart macht einen zum Mitgestalter des Buches.

1992 hat eine Gruppe von MedienkünstlerInnen und Informatikern begonnen, eine elektronische Fassung dieses Buches (genannt ELEX) in Angriff zu nehmen, das auf einem Computer gelesen werden kann. Das World-Wide Web und der Internetbrowser steckten damals noch in den Kinderschuhen; also begann man, das Projekt mit Hilfe der Programmiersprache HyperCard umzusetzen. Es wurde später auf CD-ROM veröffentlicht und hat - als frühes Beispiel von Netzliteratur - einiges Aufsehen in der Literaturwelt erregt.

Von Anfang an war Andreas Okopenko in dieses Projekt mit eingebunden. Er verlangte allerdings, dass bei diesem Vorhaben das ursprüngliche Buch erweitert werden müsste mit Medien wie Illustrationen, Fotos und Musik. Dafür entwickelte ich mein generatives Klavierstück Lexikon-Sonate, das weder Partitur noch einen Pianisten benötigt, sondern als Computerprogramm während der Lektüre eine jeweils neue Fassung der Musik komponiert, gesteuert vom Verhalten der Leserin: Bei jedem neu aufgesuchten Kapitel des Romans änderte sich auch die Musik.


11_perec Nummer #11 (1993):
Georges Perec: La disparition (Denoël: Paris 1969)

Mein Interesse an kompositorischen Algorithmen und kybernetischen Regelsystemen führte mich schließlich zur Gruppe Oulipo, der Werkstatt für potentielle Literatur. Ihre Absicht, neue Literatur durch Anwendung formaler Zwänge („contraintes”) hervorzubringen, hat George Perec in seinem Roman La disparition virtuos auf die Spitze getrieben. Auf 300 Seiten fehlt der Buchstabe „e” zur Gänze, der häufigste Vokal im Französischen und Deutschen. Auch die kongeniale deutschen Übersetzung von Eugene Hemlé muss ohne diesen Buchstaben auskommen.

Die daraus resultierende Sprache hat etwas Eisiges, beinahe Liebloses, wie Hemlé anmerkt. „Die Handlung treibt fast automatisch ins Düstere und Ausweglose“. Trotzdem ensteht durch dieses Verfahren eine Literatur, die sonst nicht denkbar gewesen wäre, denn der Zwang ist nicht nur Einschränkung, sondern beflügelt auch die Phantasie.

Ein charmanter Gegenentwurf zu Perecs Roman ist Brigitta Falkners Prinzip i, ein als Comics gestalteter lipogrammatischer Text, bei dem alle Vokale bis auf das „i” ausgespart sind. Eine skurrile Story voll grotesker Komik, die zuletzt gar ins Heideggerische abgleitet: „hinsichtlich Nichts ist Nicht-Nichts wirklich, sprich: sichtlich nicht wirklich wirklich, mithin sinnwidrig richtig, irrsinnig diffizil.”



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Updated: 20 Aug 2018

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