Kurier vom 28.4.1991 Kultur

Unberechenbare Klänge für mündige Zuhörer

Heute im Konzerthaus: Komponist Karlheinz Essl


VON MONIKA MERTL

Das Wort von der "österreichischen Selbstbewußtseinsmisere", das sein Lehrer Friedrich Cerha geprägt hat, scheint auf ihn nicht zuzutreffen. "Mir geht's gut", sagt der 30jährige Wiener Karlheinz Essl, der sich mit seiner Musik keiner "österreichischen Identität" verbunden fühlt. Seit er beim Festival "Österreich - heute" 1987 quasi entdeckt wurde und 1989 gleich beim zweiten "WIEN MODERN" dabei war, hat er sich in der heimischen Szene einen festen Platz erobert. Der Schritt ins Ausland ist nur mehr eine Zeitfrage, ein prominenter Verlag ist bereits gefunden.

Heute abend wird im Konzerthaus sein Saxophonstück Close the Gap uraufgeführt. am Dienstag ist er mit dem radiophonen Hörstück Zungenreden bei der "Langen Nacht der Neuen Klänge" vertreten. Und für das "Musikprotokoll 91" arbeitet er an einem Stück für großes Orchester [In Girum. Imus. Nocte].

Das reiche Grenzgebiet zwischen Klang und Geräusch will Essl erforschen. Er kommt von der U-Musik, hat sich Jazz befaßt und stand der Zwölftonkomposition lang ablehnend gegenüber. Die Begegnung mit dem Werk Anton von Weberns war sein "Damaskus-Erlebnis". Was ihn heute fasziniert, ist die Unberechenbarkeit von Klangprozessen, die einem modernen Realitätsempfinden entspricht. "Man hat eine spontane Wahrnehmung und erkennt erst hinterher die Zusammenhänge." Das setzt "mündige" Zuhörer voraus. "Man kann als Künstler heute die Welt nicht einfach abbilden."

© by Monika Mertl / Kurier (1991)



Home Works Sounds Bibliography Concerts


Updated: 23 Dec 1998