Portrait

Karlheinz Essl

Mein Mozart

Statement zum Mozartjahr 2006


Wolfgang Amadeus Mozart: Portrait 1782

Joseph Lange: Mozart-Portrait (1782)


Wolfgang Amadeus Mozart: Fantasie c-Moll KV 475 (Autograph)

Fantasie c-moll (Autograph)
  Ganz anders als Ockeghem, Johann Sebastian Bach, Beethoven oder Webern spielt Mozart für mein kompositorisches Schaffen keine besondere Rolle. Seine Person ist mir fremd und rätselhaft: Ein unter enormem inneren und äusseren Druck stehendes Genie, das auf vielen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen hatte und unterschiedlichsten Erwartungen ausgesetzt war, die es gleichermaßen zufriedenstellen wollte - und konnte.

Mein Verhältnis zu Mozarts Musik ist ambivalent: oftmals erscheint sie mir als klanggewordene Affirmation der gesellschaftlichen Verhältnisse, leichtfüßig und virtuos komponiert. Manche seiner Werke hingegen berühren mich im Innersten, weil sie kühn gegen den Strich gebürstet sind und bravourös über den damaligen Zeitgeschmack hinwegfegen.

In der Fantasie für Klavier in c-Moll (KV 475) begegnet mir der gewitzte Improvisator, der sich keinen Deut um harmonische Konventionen schert: Ein Stück voller Brüche und schroffer Gegensätze, in dem ich tatsächlich "luft von anderem planeten" spüre und Potenziale entdecke, die in die Zukunft weisen.

Meine uneingeschränkte Bewunderung verdient Mozarts Fähigkeit, den Fluss der Musik voranzutreiben. In der oben erwähnten Fantasie wird das Hauptmotiv fortwährend wiederholt, durch immer aberwitzigere Modulationen aber ständig neu beleuchtet, sodass es nie redundant wirkt. "Dasselbe immer anders" heißt dies später bei Schönberg. Oder sein nachgerade verschwenderischer Erfindungsreichtum im Einführen neuer thematischer Gestalten, in denen sich ein Gedanke wie von selbst an den anderen fügt.

Dass sich Wolfgang Amadeus Mozart in seinem posthum veröffentlichten Würfelmenuett (KV Anh. 294d) auch noch mit dem Zufall eingelassen hat zeigt, welch enorme Spannweite sein kompositorisches Denken aufweist.


Zufallsgenerierte Version von Mozarts Würfelmenuett

Von dort führt ein direkter Weg zur algorithmischen Musik unserer Tage, in der Computerprogramme den kompositorischen Prozess zu Ende führen und jenes hervorbringen, das in Mozarts Motiv-Fortspinnungen bereits im Keim angelegt ist: Musik, die sich wie ein Naturprozess vor den Ohren der Hörer entfaltet.

In: DIE PRESSE, "Spectrum" (Wien, 31.12.2005)


© 2005 by Karlheinz Essl


Links

Deconstructing Mozart (2006): eine Klang-Performance von Karlheinz Essl für Computer und Elektronik auf der Basis von Mozarts langsamer Einleitung zum Dissonanzquartett KV 465, das als Materialsteinbruch dient. - Uraufführung am 23.09.2006 im Dom von St. Pölten (A).
Mozart-Lamento (2015): in dieser Soundperformance dient Mozarts Musik als Ausgangspunkt einer interdisziplinären Erkundungsreise zwischen Musik und Tanz. Sein Streichquintett g-Moll KV 516 zerlegt Essl mit selbstentwickelten Computerprogrammen in kleinste Partikel, die er zu immer neuen Klanggestalten fügt. Diese Rekonstruktion erfolgt in Echtzeit als spontane Interaktion mit den TänzerInnen des Tanz Atelier Wien - ein Prozess, dessen Entwicklung völlig offen ist. - Uraufführung am 20.05.2015 im Tanz Atelier Wien (A)



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Updated: 17 Apr 2015