Portrait

Karlheinz Essl

Neue Musik

Statement zu den Tagen der Neuen Musik 2012


Es wurde noch nie so viel Musik gehört wie heute. Aus allen Ecken werden wir mit Klängen beschallt. Musik ist zu einer allgegenwärtigen Klangtapete geworden, die nicht mehr bewusst wahrgenommen, sondern hauptsächlich passiv konsumiert wird. Die Allgegenwart von zumeist industriell gefertigter und ästhetisch normierter Musik führt – wie wir alle wissen – zur Abstumpfung und Desensibilisierung, und nicht selten zur emotionalen Gleichschaltung. Musik als Mittel der Manipulation...

Dabei kann Musik doch viel mehr sein als ein permanentes Hintergrundgeräusch, dem wir uns kaum entziehen können. Und häufig wird sie bloß als feierlicher Rahmen für ein kollektiv konsumiertes Ritual missbraucht.

Ja, was kann Musik denn überhaupt? Worin besteht ihre vielbesungene Macht?

Entwicklungsgeschichtlich betrachtet ist das Hören der stärkste und am besten ausgeprägte Sinn. Schon im Mutterleib hört das Kind die Geräusche seiner Umgebung und wird mit ihnen vertraut. Sie geben ihm Geborgenheit oder weisen auf Gefahren hin. Die auditive Wahrnehmung läuft nicht über den Cortex, sondern ankert in ganz tiefen und basalen Schichten unseres Bewusstseins: Noch bevor wir der drohenden Gefahr ins Auge sehen, springen wir bereits reflexhaft zur Seite, wenn wir das herannahende Auto gehört haben.

Diesen Umstand kommt der Musik zugute, denn sie spricht - im Unterschied zu den analytisch konstruierenden Sehwelten - direkt zu unserer Seele. Deshalb kann Musik auch so unmittelbar berühren, uns entfesseln, ängstigen oder trösten. So hat sich im Laufe der Musikgeschichte eine Reihe von Mustern und Topoi herausgebildet, mit denen fast wie auf Knopfdruck bestimmte Emotionen hervorgerufen werden können. Dies wird seit jeher im Film benutzt, und nicht nur in Hollywood. Gerne wird in die vertraute Mottenkiste gegriffen, um rasch eine bestimmte Wirkung zu erzeugen.

Musik aber, die sich als "neu" bezeichnet, verweigert sich solchen Klischees. Indem sie sich frei macht von solchen Vordergründigkeiten postuliert sie den Anspruch, wahrhaftig sein. Der gute alte Adorno hat bereits 1955 festgestellt, dass damit die Neue Musik schon in kürzester Zeit gealtert ist und unfähig, zu sprechen. Sie ist genauso zum Klischee geworden wie jene Musik, von der sie sich zu distanzieren versuchte.

Musik, die uns heute etwas zu sagen hat, appeliert wieder an unseren Hörsinn. Sie rekurriert nicht auf eine bestimmte Ideologie, sondern stellt das Abenteuer des Hörens wieder in den Vordergrund: Das aktive Eintauchen und Erkunden fremder, wenngleich faszinierender Klangwelten kann Zugänge in die unzugänglichen Winkel der eigenen Seele verschaffen.

Dabei aber ist der Rahmen, in denen solche Hörerkundungen stattfinden, wichtiger denn je. Traditionelle Konzertsäle evozieren eine bestimmte Erwartungshaltung und zwingen die Hörwilligen in einen Kontext, der mit gewissen Ausprägungen aktueller Musik nicht kompatibel ist. Als Kurator von Konzerten und Interpret eigener Werke habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein nicht eindeutiger als Konzertsaal konnotierter Raum (sei es eine Kirche, eine Fabrik oder ein Museum) nicht nur Hemmschwellen abbauen kann, sondern auch Publikumsschichten erreicht, die niemals den Fuß über die Schwelle des Musikvereins setzen würden. Ausserdem musste ich feststellen, dass das Etikett "neu" oder "zeitgenössisch" nicht gerade publikumsaffin ist. Ihm haftet etwas durch und durch Verstaubtes und Lustfeindliches an. Sollten wir nicht besser auf diese Etikettierungen verzichten und stattdessen unser Publikum zu ungeahnten Klangerlebnissen verführen?

© 2012 by Karlheinz Essl


Impulsreferat, gehalten am 22. Oktober 2012 bei den Tagen der Neuen Musik im Audimax der Donau-Universität Krems.



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Updated: 22 Oct 2012