Portrait
Karlheinz Essl

Rezension von:

Harald Goertz, Österreichische Komponisten unserer Zeit
hrsg. vom Österreichischen Musikrat
(= "Beiträge der Österreichischen Gesellschaft für Musik", Bd. 9)
Kassel-Basel-London (Bärenreiter 1994), 172 Seiten


Das 1989 erstmals erschienene Lexikon österreichischer Gegenwarts-Komponisten - ursprünglich Teil des von Harald Goertz herausgegebenen und bei Doblinger veröffentlichten Musikhandbuchs für Österreich - liegt nunmehr in seiner zweiten Auflage vor. Abgekoppelt vom Musikhandbuch hat es stark an Umfang zugenommen und berücksichtigt mittlerweile 215 Komponisten, bei einem Zuwachs von etwa 80 Namen.

Die kulturpolitische Absicht dieser Publikation liegt auf der Hand: hier soll deutlich gezeigt werden, daß das Musikland Österreich nicht nur von seinen historischen Ressourcen zehrt, sondern ein lebendiges und façettenreiches Panorama aktuellen Musikschaffens aufweist.

Dies darf nicht hoch genug veranschlagt werden, wofür dem Herausgeber zu danken ist. Dennoch werfen sich bei der Lektüre einige Fragen auf:

1) Es lag nicht in der Absicht des Herausgebers, alle österreichischen Gegenwartskomponisten zu erfassen. Trotzdem stellt sich unwillkürlich die Frage, auf welche Weise die Auswahl der Komponisten zustande kam. Darüber schweigt sich aber das äußerst knapp gehaltene Vorwort aus. Daß etwa Grete von Zieritz, grande dame der österreichischen Komponistinnen mit Wohnsitz in Berlin, nicht aufscheint, obwohl sie in der ersten Auflage noch ausführlich dargestellt wurde, ist unverständlich. Und warum Namen wie Olga Neuwirth, Roland Faber, Wolfram Schurig, Nader Mashayekhi, Mathias Rüegg oder Konrad Rennert - Komponisten, die dank ihrer Originalität nicht nur national, sondern auch über die Grenzen unseres Landes hinaus Bedeutung erlangt haben - vergessen wurden, ist absolut unverständlich.

2) Das Verdikt, wonach jedes Lexikon bei seinem Erscheinen nicht mehr aktuell ist, trifft naturgemäß auch diese Publikation. Diesem Obstakel könnte man allerdings redaktionell entgegenwirken, wenn das Datenmaterial so gut als möglich auf den neuesten Stand gebracht wird. Deshalb wurden die Komponisten zur Mitarbeit eingeladen und aufgefordert, eine aktualisierte Fassung ihres ursprünglichen Lexikonartikels bereitzustellen. Ärgerlich jedoch, daß im Druck diese Angaben nicht oder nur teilweise zur Kenntnis genommen und statt dessen alte und nicht mehr gültige Textfassungen übernommen wurden.

3) Die einzelnen Artikel basieren in erster Linie auf Selbstzeugnissen, die vom Herausgeber überarbeitet wurden. Vergleicht man nun die einzelnen Beiträge, springen einem daher eklatante qualitative und quantitative Unterschiede ins Auge. Hier hätten im Einzelfall drastischere redaktionelle Interventionen nicht geschadet.

4) Schwerer aber noch wiegt die schwankende Zuverläßigkeit der Beiträge. So fehlen etwa bei Beat Furrer alle seit 1991 entstandenen Werke und größtenteils auch die Verlagsangaben, Komponistenadressen sind nicht immer korrekt angegeben, und bei Andrea Sodomka wurde überhaupt auf ein Aktualisierung verzichtet.

So hinterläßt die Neuauflage dieses Komponistenlexikons einen zwiespältigen Eindruck, der der begrüßenswerten Absicht des Herausgebers leider zuwiderläuft.

Abschließend sei noch die Frage aufgeworfen, ob diese Art der Präsentation sich nicht bald überlebt haben wird. Ein Lexikon über lebende Komponisten darf sich sich nicht auf's museale Konservieren beschränken, sondern sollte ständig auf den letzten Stand gebrachte Informationen zur Verfügung stellen. In diesem Lichte erscheinen in Buchform gepreßte Datensammlungen wie Fossilien. Auch wenn heute noch keine besseren Lösungen existieren, sei doch an die Möglichkeit einer digitalen, aktualisierbaren Datenbasis erinnert, die über elektronische Medien jederzeit abgefragt werden kann. Konzepte wie das im Internet existierende World Wide Web werden sich in naher Zukunft soweit etabliert haben, daß sie allgemein zugänglich sind. Außer der Bereitstellung von Informationen würde es - anstelle linearer Texte - zudem den Vorzug der Hyper-Textualität bieten.
© 1995 by Karlheinz Essl / ÖMZ


in: ÖMZ 2/1995 (Wien, Feb 1995)



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Updated: 23 Dec 1998