Karlheinz Essl sprengt musikalische Grenzen

Komponist und Performer


Der Komponist Karlheinz Essl gehört zu den führenden Elektronik-Performern Österreichs. Er macht das Unmögliche möglich: Unendliche Musikstücke, strengste Konstruktion, die spirituelle Kraft der Improvisation, das alles - und mehr - findet sich in seiner Musik. Wenn Essl in die Tasten greift, sitzt er vorm Laptop.


Unendliche Musik

Was ist ein Musikstück, wie fängt es an, wie hört es auf und wie ist es strukturiert? Fragen, die den Komponisten und Performer Karlheinz Essl während seiner gesamten Musikerkarriere begleitet haben.

Mit der Lexikon-Sonate hat er ein potenziell unendliches Stück geschaffen. Das seit 1992 entwickelte work-in-progress ist keine Komposition nach Notenblättern. Es ist ein Computerprogramm, das jahrelang auf einem Computer laufen könnte. Und Musik produzieren, die sich nie wiederholt.

"Ekstase und Trance haben für mich immer eine gewisse Bedeutung gehabt als etwas, das ich auch mit musikalischen Mitteln zu erreichen versuche."


Karlheinz Essl - live

Karlheinz Essl - live
Foto: Helmut Lackinger


Jenseits der Tradition

Die Einflüsse auf Karlheinz Essls Schaffen sind mannigfaltig: Rock-Musik, Jazz (Essl spielte selbst Kontrabass), Musik des Mittelalters und der Renaissance, die seriellen Welten eines Webern genauso wie die Klangräume der computergenerierten zeitgenössischen Musik.

Vorderhand Außermusikalisches nutzt Essl, um die normativen Grenzen des Komponierens zu sprengen: "Die künstlerische Begegnung mit Performern, zeitgenössischen Autoren, bildenden KünstlerInnen und Architekten hat Essls Begriff von einer zeitgemäßen Musik jenseits traditionsgebundener Realisationsmuster in die Tat umgesetzt", schreibt Christian Baier in einem Lexikon-Artikel über den 1960 geborenen Komponisten.


Vielfältiges Werk

Das Schaffen Essls reicht von auskomponierten Instrumentalwerken über Mischformen wie Kompositionen mit Live-Elektronik, bis zu Realtime-Kompositionen, Improvisationskonzepten, Klanginstallationen und Internet-Projekten.

Essl ist ausgebildeter Chemie-Ingenieur, Musikwissenschaftler und Komponist. Als Musikintendant der Sammlung Essl leitet er das dortige Musikprogramm.


Komponisten als Interpreten eigener Werke

Meist tritt Essl als Komponist und Performer in Erscheinung. "Es ist heute wieder so, dass diese getrennten Bereiche der Instrumentalisten, der Ausführenden und der Komponisten - also der Erfinder -, sich immer mehr verschränken", erläutert Essl. "Was den Komponisten auszeichnet ist, dass er in der Lage sein soll, nicht nur für sich und sein Instrument zu schreiben, sondern Musik jeglicher Besetzung und Kategorie schreiben zu können."

Die kompositorisch-interpretatorische Personalunion, eine musikgeschichtliche Wiederholung: "Wenn man zurückgeht in die Barockzeit und die Klassik, waren Komponisten in der Regel immer ihre eigenen Interpreten. Beethoven hat wunderbar Klavier gespielt und von Mozart weiß man es auch. Erst in der Romantik hat sich dann, möglicherweise im Zuge der industriellen Revolution, das Prinzip der Arbeitsteilung durchgesetzt."


Ordnung und Improvisation, Ekstase und Trance

Mit den Prinzipien der Ordnung und der Dramaturgie hat sich Essl intensiv auseinander gesetzt. Manche Stücke wurden von Beobachtern gar "konstruktivistisch" genannt. "Konstruktion als solche ist ja nicht mein Interesse", sagt Karlheinz Essl, "sie dient mir bloß, um in Regionen zu gelangen, in die ich sonst nicht vordringen könnte".

Scheinbarer Gegensatz dazu: Improvisation. Auch die spielt im Schaffen Essls eine bedeutende Rolle. Beim Improvisieren habe er oft die Erfahrung gemacht, "dass dabei Dinge passieren, die man als Komponist niemals notieren oder planen könnte. Was mich seit meiner Teenagerzeit, wo ich als E-Gitarrist Rockmusik gespielt hatte, bis heute fasziniert ist die Erzeugung von psychischen Grenzzuständen mit Hilfe von Musik. Ekstase und Trance haben für mich immer eine gewisse Bedeutung gehabt als etwas, das ich auch mit musikalischen Mitteln zu erreichen versuche."


in: OE1@orf.at, 11.06.2006



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Updated: 16 Jul 2016