Portrait

Karlheinz Essl

Proliferationen eines kompositorischen Konzepts

Vom Klang-Environment SEELEWASCHEN über das musikalische Kartenspiel Faites vos jeux! und das Klangspiel 7x7 zur Musik-Installation 7x77

Vortrag während des Symposiums Arbeit am musikalischen Werk. Zur Dynamik künstlerischen Handelns
26. März 2011, Universität Mozarteum, Salzburg


Abstracts

english Taking his open air sound installation SEELEWASCHEN as a starting point, composer Karlheinz Essl elucidates how the underlying structural concept was transformed into various instrumental and electronic works. All of them are referring to a similar harmonic structure which allows for an arbitrary combination of pre-defined musical modules. This is achieved by different methods: using the ›shuffle modes‹ of a CD player in SEELEWASCHEN, by shuffling a desk of playing cards in Faites vos jeux!, or by a chessboard-like arrangement of musical motifs in in 7x7 which can be played by following different paths on the same grid. Finally, the computer-generated sound installation 7x77 is combining instrumental and electronic media which are brought into a synthesis.

deutsch Ausgehend von seiner Open-Air-Installation SEELEWASCHEN erläutert der Komponist Karlheinz Essl, wie ein strukturelles Konzept in ganz unterschiedlichen instrumentalen und elektronischen Werken weitergesponnen wird. Sie alle basieren auf einem harmonischen Bezugssystem welches erlaubt, vordefinierte Klangstrukturen beliebig miteinander zu kombinieren. Dies wird mit verschiedenartigen Methoden erreicht: mit Hilfe des sogenannten ›shuffle modes‹ eines CD-Players bei SEELEWASCHEN, durch zufällig gemischte Spielkarten im Klangspiel Faites vos jeux! oder mittels schachbrettartiger Anordnung von Klangbausteinen in 7x7, die von den MusikerInnen in unterschiedlichen Richtungen abgespielt werden. In der computergenerierten Klanginstallation 7x77 verschränken sich schließlich instrumentale und elektronische Medien und führen zu einer Synthese zweier sich oftmals diametral gegenüberstehenden Klangwelten.


SEELEWASCHEN

Als ich im Herbst 2003 begann, meine Klanginstallation SEELEWASCHEN zu konzipieren konnte ich nicht ahnen, welche Dynamik dieses Projekt später entfalten würde. Im Laufe mehrerer Jahre entwickelte sich aus einer strukturellen Idee eine Reihe unterschiedlicher Kompositionen, die sich in verschiedenen Medien ausdrücken.

Im Auftrag des Donaufestivals komponierte ich 2003/2004 ein Klang-Environment für eine Lichtinstallation des Berliner Künstlers Rainer Gottemeier. Im Hafenbecken einer aufgelassenenen Werft in Korneuburg hatte dieser eine große Anzahl von Signalbojen verankert, die bei Einbruch der Dunkelheit zu leuchten begannen. Den BetrachterInnen bot sich ein faszinierendes Schauspiel von sanft an- und abschwellenden Lichtsäulen, deren Spiegelbilder sich im Wasser durch Einfluss von Wind und Wellen ständig veränderten. Eine ruhige und zugleich innerlich sehr bewegte und bewegende Intervention im öffentlichen Raum, die ich in ein Netz von Klängen hüllte. Dafür ließ ich im ehemaligen Werftgelände sieben Lautsprecher aufstellen: vier davon beschallten das Ufer, zwei befanden sich weit entfernt auf der gegenüberliegenden Seite des Hafenbeckens, und einer wurde hoch über den Köpfen des Publikums an einem Kran befestigt.


Installationsansicht SEELEWASCHEN

SEELEWASCHEN in der Alten Werft in Korneuburg
© 2004 by Rainer Gottemeier


Das von Heidegger apostrophierte »Geläut der Stille« [1] stand von Anfang an als Motto über unserer intermedialen Zusammenarbeit und führte mich bald auf die richtige Spur: Auf der anderen Seite des Donauufers liegt meine Heimatstadt Klosterneuburg, die früher – als die Donau noch nicht reguliert war – mit Korneuburg ein zusammenhängendes Stadtgebiet bildete, das über Donaufurten wechselseitig erreichbar war. Ich wollte nun eine Verbindung zwischen diesen beiden nunmehr getrennten Orten herbeiführen und entschied mich, einzig den Klang einer bestimmten Glocke – nämlich jener der Evangelischen Pfarrkirche in Klosterneuburg – als kompositorisches Ausgangsmaterial für meine Klanginstallation zu verwenden.

Dieser Glockenton erscheint in meiner Komposition in drei verschiedenen Aggregatzuständen:

  1. langsam an- und abschwellende Klangflächen, die aus dem Nachhall des Glockenklanges abgeleitet sind und in verschiedenen Transpositionen auftreten;
  2. der Glockenschlag auf unterschiedlichen Tonhöhen und
  3. Klangtexturen, die aus rasch wechselnden Transpositionen des Glockenklanges in hohen Oberton-Verhältnissen gewonnen wurden.

Diese Klangaggregate sind in ein harmonisches Netz eingebunden, das auf einer siebentönigen Reihe fußt, die alle Intervalle zwischen kleiner Sekund und Tritonus umfaßt:


Allintervallreihe vopn SEELEWASCHEN

Transpositionen der Glockenklänge mit Angabe der Intervalle in Halbtonschritten
© 2003 by Karlheinz Essl


Da die Intervalle nach oben tendenziell immer kleiner werden, ergibt sich daraus eine Art verzerrtes Obertonspektrum mit kleinen Abweichungen [2].

Die drei Klangaggregate treten in unterschiedlichen Häufigkeiten auf, wobei das Verhältnis zwischen Klangflächen, Glockenschlägen und Texturen 4 : 2 : 1 beträgt. In Summe gibt das wiederum die Zahl 7, und aus den 7 möglichen Transpositionsstufen ergeben sich insgesamt 49 Klangobjekte, die ein in MaxMSP geschriebenes Computerprogramms generiert hat.

Diese 49 Klänge wurden zusammen mit 49 unterschiedlich langen Pausentracks auf einer CD gespeichert, und auf jeder der 7 Lautsprecherstationen unabhängig voneinander im shuffle-Modus abgespielt. Dadurch ändert sich die Abfolge der einzelnen Tracks – und damit der Zusammenklang der sieben Quellen – ständig und erzeugt im Zusammenklang unvorhersehbare klangliche Konstellationen und zeitliche Entwicklungen.

Durch die zufallsbedingten Überlagerungen der verschiedenen Klangquellen ergeben sich mannigfache harmonische Zusammenklänge, die jedoch immer auf den virtuellen siebentönigen Grundakkord bezogen sind. Zudem entstehen durch die unterschiedlichen Positionen der Lautsprecher räumliche Beziehungen zwischen den Quellen, wobei witterungsbedingte Einflüsse wie Wind und Feuchtigkeit den Klang wie einen Filter beeinflussen können.


Faites vos jeux!

Diesen ursprünglich für eine Klanginstallation entwickelten modus operandi mit räumlich dislozierten CD-Stationen, deren Tracks in zufälliger Reihenfolge abgespielt werden, habe ich kurze Zeit später in Faites vos jeux! weiterentwickelt. Das als ›Klangspiel‹ bezeichnete Stück entstand 2004 im Auftrag des Steirischen Herbstes und wird von sieben um das Publikum herum aufgestellten Posaunisten aus Einzelstimmen gespielt, die als Spielkarten gestaltet sind:

Karten werden gemischt!   Jedes Kartendeck besteht aus 48 Einzelkarten, auf denen musikalische Motive notiert sind, die sich drei unterschiedlichen Klangtypen zuordnen lassen: an- und abschwellende Liegetöne, kurze sforzato-Impulse und Melodiefragmente . Diese Typen erscheinen in wechselnden Häufigkeiten; das Verhältnis zwischen Liegeklängen, Impulsen und Melodien beträgt 3 : 2 : 1. Bezogen auf die 8 Zentraltöne des Stückes (s.u.) ergeben sich daraus 3x8=24 Liegeklänge, 2x8=16 Impulse und 1x8=8 Melodien; in Summe also 48 Motive, die auf den Spielkarten notiert sind.

Ebenso wie bei SEELEWASCHEN sind die im Stück vorkommenden Tonhöhen in ihren Oktavlagen fixiert und bilden einen Allintervall-Akkord, aus dem alle Klangfiguren abgeleitet sind. Dies wiederum garantiert, dass die Motive beliebig miteinander kombiniert werden können, da sie sich auf die gleiche harmonische Grundstruktur beziehen [3].


Tonreihe von Faties vos jeux!

Tonmaterial von Faites vos jeux!
© 2004 by Karlheinz Essl


Im Unterschied zu SEELEWASCHEN ist das harmonische Material hier erweitert: Es besteht aus acht Zentraltönen mit drei zusätzlichen Nebennoten, die in Klammern notiert sind. Wiederum lässt sich hier von einer gestauchten Obertonreihe – diesmal auf dem Grundton E – sprechen.

Jeder Musiker erhält einen eigenen Kartenstapel, der vor dem Spiel gemischt wird. Die damit erzeugte zufällige Abfolge der musikalischen Motive ist für den Spieler verbindlich. Er beginnt mit der obersten Karte auf dem Stapel und macht danach eine Pause, deren Länge und zwischen vier und 30 Sekunden liegen soll. Danach nimmt er die nächste Karte und fährt so lange fort, bis der Kartenstapel aufgebraucht oder die vorher festgelegte Gesamtdauer (z.B. 20 Minuten) erreicht ist.

Da es keine von außen gesteuerte Koordination der Musiker gibt, entsteht das Stück aus der momentanen Interaktion der Spieler. Diese sollten darauf achten, ihre musikalischen Beiträge immer im Hinblick auf den sich entfaltenden Gesamtklang zu gestalten. Das betrifft vor allem die frei wählbaren Dauern der Pausen, die Länge der Motive und die Intensität des Ausdrucks.

Das als Kartenspiel gestaltete Stimm-Material ergibt in Faites vos jeux! einen nicht vorhersehbaren musikalischen Ablauf, weil die Reihenfolge der einzelnen Karten dem Zufall unterliegt. Da aber die Spielkarten jedes einzelnen Musikers dieselben Motive enthalten, erklingen diese im Verlauf des Stückes immer wieder und erzeugen durch diese Redundanz einen strukturellen Zusammenhang, der sich – wie es György Ligeti bereits 1966 konstatiert hat – gleichsam »malgrè lui« einstellt [4].


7x7

In dem zwischen 2006 und 2009 komponierten Zyklus 7x7 für verschiedene Instrumentalquartette werden die in SEELEWASCHEN und Faites vos jeux! entwickelten Prinzipien weitergeführt, aber in einen gerichteten formalen Zusammenhang gebracht. Wieder gibt es hier ein verbindliches harmonisches Gerüst mit darauf bezogenen Klangmotiven, die nun aber auf einer Matrix – einer Art Schachbrett – notiert sind. Dieses besteht aus 7x7 Feldern, woraus auch der Zyklus seinen Titel bezieht.


7x7 fo(u)r clarinets - interaktive Partitur [5]
© 2006 by Karlheinz Essl


Die vier Spieler sind so um das Publikum herum aufgestellt, dass sie die Eckpunkte eines gedachten Quadrates markieren. Jeder Spieler beginnt mit einem anderen Kästchen in den Eckpunkten der Partitur. Am Anfang erfolgen die Einsätze gestaffelt: Spieler 1 (links oben) beginnt. Sobald sein Crescendo das Maximum erreicht hat, setzt Spieler 2 (rechts oben) ein. Hat dieser sein Maximum erreicht, setzt Spieler 3 (rechts unten) ein usw.

Jeder Spieler folgt der Pfeilrichtung und spielt jene Abfolge der Klangmotive, die in Form einer Spirale bis zum zentralen Kästchen in der Mitte der Partitur führt. Zwischen den einzelnen Motiven sollen kurze Pausen eingefügt werden, deren Länge aufgrund des musikalischen Zusammenhanges vom Spieler bestimmt wird.

Das zentrale Kästchen in der Mitte beinhaltet das vollständige harmonische Grundmaterial der Komposition, mit dem frei improvisiert werden soll. Alle in dem Stück zugrundeliegenden Klangtypen dürfen verwendet und frei abgewandelt werden. Wichtig ist das Einfügen von Pausen in die Improvisation und das Reagieren auf das Spiel der anderen. Auf ein Zeichen hin wird die Improvisation nach und nach beendet; die Musiker spielen nun die Motive entlang einer Diagonalen bis hin zum schräg gegenüber dem ursprünglichen Ausgangsfeld liegenden Kästchen.

Diese Spielregeln garantieren einen nachvollziehbaren formalen Ablauf des Stückes, der bei jeder Aufführung trotz aller Unwägbarkeiten gleich ist – ganz im Unterschied zu Faites vos jeux! Alle Spieler beginnen in ihren jeweiligen Eckfeldern der Partitur mit dem tiefsten Ton, der in unterschiedlichen Varianten eingeführt wird: als einfacher Liegeton (Spieler 1), erweitert zum Triller (Spieler 2), als Multiphonic und zuletzt als Glissando. Mit denselben Klängen endet auch das Stück, sobald die Musiker in den Eckfelder angelangt sind. Oder anders formuliert: Die Komposition beginnt und schließt auf dem Grundton, gleichsam der Tonika.

Das diesem Stück zu Grunde liegende Tonmaterial ist eine zwölftönige Erweiterung jener Allintervallreihe, die bereits in 7x7 und SEELEWASCHEN verwendet wurde. Es gibt wieder acht Zentraltöne, die zusammen mit den 4 Zusatznoten ein Zwölftonfeld ergeben.


7x7 - Tonmaterial

Tonmaterial von 7x7
© 2006 by Karlheinz Essl


Dieser Zyklus umfasst derzeit drei unterschiedliche Kompositionen:

7x7 fo(u)r clarinets; bearbeitet auch für Saxophonquartett (2006)
7x7 fo(u)r trombones (2008)
7x7 fo(u)r electric guitars (2009)

Alle drei Stücke basieren auf demselben formalen Organisationsprinzip mit einer 7x7-Matrix, dem gleichen Tonmaterial und der Aufstellung der MusikerInnen um das Publikum herum. Im Detail sind sie aber ganz individuell auf die jeweiligen Spielmöglichkeiten der Instrumente abgestimmt. So wird etwa in 7x7 fo(u)r electric guitars ein sogenannter E-Bow verwendet, mit dem die normalerweise rasch abklingenden Saiten der E-Gitarre in Dauerschwingung versetzt werden. Damit lassen sich langsam an- und abschwellenden Liegetöne erzeugen. Mit Hilfe eines Lautstärkepedals können die Spieler den Dynamikverlauf sehr fein dosieren und beispielsweise den Anfangsimpuls eines Akkordes abschneiden und nur seinen Nachklang hörbar machen. Außerdem werden Spielweisen wie das tapping verwendet, bei der die Finger beider Hände unabhängig voneinander auf dem Griffbrett aufschlagen, wodurch sich sehr dichte und komplexe rhythmische Texturen erzeugen lassen.

7x7 fo(u)r clarinets wiederum verwendet Multiphonics, und in 7x7 fo(u)r trombones wird ein WahWah-Dämpfer zur Filterung des Obertonspektrums und zur Unterstützung der an- und abschwellenden Liegetöne eingesetzt. Hier treten auch instrumentenspezifischen Fanfaren-Motive und Tonrepetitionen auf, und natürlich auch das bereits in Faites vos jeux! aufblitzende Zitat aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie.



7x7 fo(u)r clarinets
Ensemble Moondog im SCHÖMER-HAUS Klosterneuburg, 9 Nov 2012
Video: Karlheinz Essl


7x77

Die freie Kombinierbarkeit vorkomponierter musikalischer Motive führte mich wieder zurück an den Anfangspunkt meiner Klangreise, die mit SEELEWASCHEN 2003 ihren Ausgangspunkt genommen hatte: Die 49 Klangbausteine von 7x7 fo(u)r clarinets – eingespielt auf einer Bassklarinette und als Samples digital abgespeichert – bilden das Ausgangsmaterial meiner generative Klanginstallation 7x77 (2006), die den musikalischen Kontrapunkt zu einem Animationsvideo von Jürgen Messensee darstellt. Mithilfe eines in MaxMSP geschriebenen Computerprogramms wird die Kombination der musikalischen Grundbausteine algorithmisch in Echtzeit durchgeführt und über vier im Raum verteilte Lautsprecher wiedergegeben.

Aus einem ursprünglich zeitlich limitierten Ablauf, der sich beim Abschreiten eines 49-teiligen Schachbretts herausbildet, entwickelt sich hier nun ein unendlicher, nicht wiederholbarer und nicht vorhersehbarer Prozess, dessen Grundmotive sich zu immer neue Gestalten zusammenfügen.

Die Verwendung des Computers erlaubte hier komplexere Gestaltungsmöglichkeiten: Jedes Klangmotiv wurde mehrfach eingespielt, um eine größere Variabilität des Klangmaterials zu erhalten. Zudem werden die zufällig ausgewählten Samples zur Laufzeit unterschiedlich gestreckt oder gestaucht. Die Kombination der Motive wird von einem »conductor« genannten Unterprogramm bewerkstelligt, das vier autonome Klangschichten ansteuert und zwei verschiedene Operationsmodi kennt: homophon oder polyphon. Im homophonen Modus werden zwischen 1 und 4 Klangschichten gemeinsam ausgelöst und erzeugen so deutlich wahrnehmbare formale Akzente. Im Unterschied dazu laufen im polyphonen Modus die 4 Klangschichten unabhängig voneinander, jede in ihrem eigenen Rhythmus. Zwischen diesen beiden Modi wird nach einer zufällig ausgewählten Zeit alternierend hin- und hergewechselt.


7x7x7 Computerprogramm

Benutzeroberfläche von 7x77
© 2006 by Karlheinz Essl


Diese äußerst differenzierten und sehr genau definierten Strukturierungsmaßnahmen führen zu einem klanglichen Resultat, das – obwohl es ohne menschliche Interaktion automatisch mithilfe von Algorithmen generiert wird – von großer Lebendigkeit, fast möchte ich sagen: Spontaneität, gekennzeichnet ist. Es entsteht fast der Eindruck, als würden hier vier Bassklarinettisten miteinander improvisieren.


Post Scriptum

Nach Fertigstellung dieses Aufsatzes erreichte mich eine Anfrage des Posaunenquartetts Trombone Attraction, die am 10. Juni 2011 gemeinsam mit dem Mobilis Saxophonquartett ein Open-Air Konzert in der Burg Liechtenstein (Perchtoldsdorf) spielen: Ob es sinnvoll und möglich wäre, das für sie komponierte 7x7 fo(u)r trombones gleichzeitig mit 7x7 fo(u)r saxophones aufzuführen.

Beide Kompositionen verwenden das gleiche Tonmaterial, aber in unterschiedlichen Transpositionen: Die Reihe des Posaunenquartetts beginnt auf E, das Saxophonquartett mit dem Ton des; beide harmonischen Grundkonstellationen sind also um eine große Sexte transponiert. Eine elektronische Simulation im Studio unter Verwendung von Tonaufnahmen der beiden Stücke ergab schließlich, dass sich beide Werk-Varianten hervorragend kombinieren lassen. Die instrumentenspezifischen Klangmotive und die transponierten Harmoniefelder erzeugen zwei unterschiedlich wahrnehmbare Klangräume, die sich immer wieder berühren, sich durchdringen und miteinander verschmelzen. Ein unvorhersehbares Vexierspiel, das durch die räumliche Positionierung der beiden Ensembles plastisch in Erscheinung tritt.

Es scheint fast, als würden sich die Proliferationen gleichsam von selbst weiterspinnen...



Fußnoten

[1] Martin Heidegger, Unterwegs zur Sprache (= Heidegger Gesamtausgabe, Bd. 12, hrsg. von F.-W. von Herrmann, Frankfurt am Main 1985), S. 251.

[2] Die Umstellung 4 - 2 - 3 (statt 4 - 3 - 2) war notwendig, um die Oktave g - g1 zu vermeiden.

[3] Ein der Spielkarten – die No. 29 – weist ein Zitat auf, das aus dem 1. Satz der 5. Sinfonie von Gustav Mahler stammt: Ein typisches Blechbläser-Motiv, das sich nahtlos in den harmonischen Kontext von Faites vos jeux! einfügt und wie ein Gruß aus einer fernen Zeit wirkt.

[4] »Jede Art der mit allgemeiner Vorformung arbeiteten Methoden, welche Direktiven auch immer angewandt werden, produziert auf der Ebene der erklingenden Musik außer der Isolation der Einzelmomente auch Zusammenhänge, die von der jeweiligen Methode nicht intendiert waren, sich im Ergebnis gleichsam von selbst einstellen.« György Ligeti, Form, in: Ernst Thomas (Hg.), Darmstädter Beiträge zur Neuen Musik 10, Mainz: Schott 1966, S. 28.

[5] Durch Anklicken der Felder werden die jeweiligen Klangmotive hörbar. Damit kann man sich eine individuelle Version des Stückes erzeugen.


© 2013 by Karlheinz Essl / Rombach Verlag Freiburg i.Br.


in: Arbeit am musikalischen Werk. Zur Dynamik künstlerischen Handelns (= klang-reden, Schriften zur musikalischen Rezeptions- und Interpretationsgeschichte, Bd. 9), hrsg. von Wolfgang Gratzer und Otto Neumaier (Rombach: Freiburg i.Br. 2013), p. 279 - 289. - ISBN: 987-3-7930-9725-9



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Updated: 9 Jul 2016