Portrait

Christian Lerch

Akustische Innovationen

Karlheinz Essl über neue Klangwelten und -erfindungen


Auszüge aus der 4-tl. Sendung des ORF Radiokollegs über Akustische Innovationen: Von neuen Tönen und neuen Instrumenten von Christian Lerch.
"Die Definition eines akustischen Geräusches, ob Ton oder Sound ist abhängig von der Perspektive: vieles was heute als Ton bezeichnet und in Musikstücken verwendet wird, hätte früher noch als Geräusch gegolten und wäre musikalisch nicht wahrgenommen worden. Musiker wie John Cage oder Karlheinz Stockhausen haben sich vor 50 Jahren avantgardistisch der Welt der Geräusche, vor allem den analog-elektronischen Klangwelten gewidmet. Für neue Sounds benötigt es neue „Instrumente“. Dazu zählen analoge Klangkörper, Alltagsgegenstände, Naturmaterialien oder digitale Prozesse und Programme. Ob aus so einem „Instrument“ ein Massenprodukt wird und dessen Sounds und Töne für Musikstücke zur Verwendung kommen, entscheiden Musiker und Publikum. Oft reicht es einen Ton oder ein Geräusch digital bzw. analog zu verändern, um akustisch Neues zu erschaffen. Postmodern wird diese Praxis als Remix bezeichnet und hat die Musik in den vergangenen 20 Jahren revolutioniert." (Christian Lerch)


Neue Klangwelten

Karlheinz Essl: Komponisten haben zu allen Zeiten versucht, sich Vorstellungswelten zu erlauben - jene von Schönberg angesprochene Luft von anderem Planeten - die ins Jenseitige gehen. Dies läßt sich nicht einfach aus der Vorstellung abschreiben. Dazu bedarf es Instanzen, die außerhalb unserer selbst liegen, wie Algorithmen, Regelsysteme, Mathematik und Naturwissenschaften. Konzepte außerhalb unserer Musik, jenseits unserer eigenen beschränkten Wahrnehmungswelt, die uns auf die Sprünge helfen und uns zu ganz neuen ästhetischen Lösungen führen können.

Nicht nur was wir hören und wahrnehmen ist Ausgangslage für die Erfindung von Klängen, meint Karlheinz Essl. Keine neuen Instrumente, sondern künstlerische Innovationen wie Arnold Schönbergs Zwölftonmusik ab 1908 oder 40 Jahre später die musique concrète von Pierre Schaeffer haben unser Klangspektrum erweitert.

Essl: Pierre Schaeffer hat gefordert, dass es bei aufgenommen Naturgeräuschen nicht um die Geschichte dieser Klänge gehen soll, sondern um das reine akustische Phänomen losgelöst von seiner Herkunft. Dieses "reduzierte Hören" hat nun nicht die anekdotischen Komponente des Klanges, sondern seine Struktur im Visier.

Akustische Innovationen entstehen heute vornehmlich durch Musiksoftware, glaubt Karlheinz Essl. Er verwendet für seine Kompositionen und Auftritte selbstentwickelte Software, denn die vorgefertigten Programme seien nichts anderes als Normen, die ihn in der Klangerfindung beschränken.

Essl: Es geht mir vornehmlich darum, die in der kommerziellen Musiksoftware implementierten ästhetischen Normen extrem kritisch zu hinterfragen und aufzubrechen, wo immer es geht. Man kann natürlich damit in bestimmten Bereichen sehr gut arbeiten, aber es ist immer wichtig zu versuchen, über die Grenzen dieser Software zu gelangen. Das Beste wäre es freilich, jene kommerzielle Software gar nicht mehr zu verwenden, weil man sich seine eigene schreibt.


Neue Zugänge zu alten Instrumenten

Essl: Man sollte einmal die Geige oder das Cello wie ein Kind betrachten. Was macht ein Kind, wenn es ein Cello in die Hand gedrückt bekommt? Klopfen, Streichen, Schaben... Es weiß ja gar nicht, dass es dafür auch einen Bogen gibt. Und dann merkt es, dass das ja unheimlich fein - wie ein Schlagzeug - klingt. Wenn man die angestammten Instrumente einmal mit ganz naiven Augen betrachtet, kann man auf diesen Instrumenten ganz ungewohnte Dinge hervorrufen, indem man sie unkonventionell verwendet.

Aus alten traditionellen Instrumenten wie Geigen, Cello oder Klavier lassen sich neue Töne und Klänge erzeugen. Das Abenteuer, ein Instrument nicht zu kennen, sondern es klanglich neu zu entdecken, ist die Kunst. Ein Komponst wie Karlheinz Essl ist stets auf der Suche nach neuen, unverbrauchten Klängen. Fündig wurde er in der Herangehensweise der musique concrète eines Pierre Schaeffer. Er genauso wie Karlheinz Stockhausen und davor Arnold Schönberg haben die Basis bereitet für die Musik des 21. Jahrhunderts.


Der Computer als Instrument

Ist durch die Digitalisierung von Musik und die Entwicklung von Computersoftware ein universelles Instrument geschaffen worden? Steht der Computer an der Spitze einer Instrumenten-Evolution?

Essl: Früher gab es den Instrumentenbauer. Er hat die Geigen gebaut. Dann den Musiker, der sie gespielt hat. Und schließlich den Komponisten, der hat das Stück für den Musiker geschrieben: Eine schöne Arbeitsteilung. Zwischen diesen drei Bereichen gab es aber auch interessante Querverbindungen. Paganini zum Beispiel konnte als Instrumentalist ganz ausgezeichnet für Geige schreiben, aber selbst keine Instrumente bauen. Dass ein Instrumentenbauer gleichzeit Komponist ist, kam sehr selten vor. Wenn man nun einige hundert Jahre weiter springt in unsere heutige Zeit, werden plötzlich Komponist, Interpret und Instrumentbauer eins in Form der Software, die sie selbst programmieren. Die Software wird in der digitalen Musik zum Instrument, ist aber auch Komposition und das Instrument selbst, auf dem gespielt wird.

Karlheinz Essl programmiert für seine Kompositionen eine eigene Software. Mit dem Programm m@ze°2 kann er vollkommen norm- und systemunabhängig arbeiten. Obwohl klassisch ausgebildet an analogen Instrumenten, ist Karlheinz Essls Werkzeug, sein Hauptinstrument heute der Computer. Dennoch glaubt der nicht daran, dass Instrumente wie Violine, Klavier oder Blasinstrumente durch den Computer ersetzt würden. Gleichwohl übernimmt heute die digitale Klangerzeugung immer mehr instrumentale Züge.

Essl: Es ist ein Hintasten, eine Art interaktives Komponieren. Dabei helfen uns natürlich die digitalen Medien und Computerprogramme, die in Echtzeit den Klang erzeugen, natürlich enorm. Weil wir dadurch sofort in den Generierungsprozess des Klanges eingreifen können, indem wir verschiedene Parameter des Klanges in Echtzeit verändern können. Dies erlaubt uns, unmittelbar in die Gestaltung des Klanges einzugreifen.


ORF   Radiokolleg: Akustische Innovationen
4-teilige Sendereihe von Christian Lerch
Ö1, 25.-28.05.2009


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Updated: 2 Jun 2009