Kronen-Zeitung vom 8.11.1987 Kultur

"Ehrlichkeit bewahren!"

"Österreich heute": Karlheinz Essl's Erfolg


VON KARLHEINZ ROSCHITZ

"Eigentlich wollte ich gar nicht Komponist werden. Ich dachte eher an Chemie!" Bescheiden, fast entschuldigend staunt Karlheinz Essl selber ein wenig, wieso "alles so rasch gegangen ist": War er als Komponist bis vor kurzem nur in einem kleinen Kreis von Insidern bekannt, so hat er Wiens Publikum für Neue Musik mitsamt der Kritik erobert.

Lawinenartig kam der Erfolg. Die Aufführung seines Orchesterwerks met him pike trousers und seines Quartetts Helix im Rahmen des Wiener Konzerthaus-Festivals "Österreich heute" bescherten Essl sensationelle Kritiken. Dienstag (10.11.1987) wird im Rahmen des Festivals sein Memento mori (nach Enzensberger, Dürrenmatt und Neulinger) aufgeführt; am Donnerstag (12.11.1987) präsentiert er selbst in der "Alten Schmiede" Kammermusikstücke.

Karlheinz Essl, ein gebürtiger Wiener, ist 27. Er studierte Kontrabaß und Musikwissenschaft, "um den geistigen Hintergrund von Musik zu verstehen." Veranstaltete in Klosterneuburg Konzerte und war gegenüber der "Neuen Einfachheit", die damals als Modetrend der neuen Musik gehandelt wurde, höchst skeptisch. Komponierversuche hinterließen "ein Vakuum, große Unzufriedenheit. Erst das Wiener Webern-Fest [1983] löste einen `Klick' aus. Ich wandte mich der Neuen Musik zu".

Essl studiert bei Alfred Uhl, dann bei Friedrich Cerha. "Die Gestik dieser Musik war für mich aufregend, ich wollte die Aspekte des Klanges und die Elektronik kennen- und manipulieren lernen." Das Streichquartett 1985 entsteht. "Mich beschäftigte die Frage, wie man beim Komponieren jede konventionelle Gestik vermeiden kann, wie man Großverläufe in Musik setzen und zugleich wie in eine Mikroskop hineinschauen kann." Komponisten wie Gottfried Michael Koenig, Iannis Xenakis, Stockhausen, Ligeti, Haubenstock und Cerha bieten ihm Denkanstöße.

Essl's Musik überrascht. Klingt "so selbstverständlich gut", ist brillant instrumentiert, berührt, ohne sich anzubiedern. Man spürt, wie tiefe Zusammenhänge hier zwischen Material, Werk und Umwelt bestehen. "Komponieren heißt persönlich reagieren, Formen für andere sinnlich erlebbar machen", zieht Essl Bilanz, "heißt ganz hinuntersteigen ins Material, das mir den Weg weist. Harmonien und Formen muß man heute von unten her neu aufbauen. Nur das ist ehrlich!"

© by Karlheinz Roschitz / Neue Kronen-Zeitung (1987)



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Updated: 24 Dec 1998