Kurier vom 10.8.1997 PORTRÄT

Hingerissen von der Alchemie der Klänge

Komponist Karlheinz Essl läßt Computer Musik generieren, die nicht nach Computer klingt


VON WERNER ROSENBERGER

Komponist Karlheinz Essl läßt Computer Musik generieren, die nicht nach Computer klingt. Von Jimi Hendrix kam er über die Schriften von Karlheinz Stockhausen in der Direttissima zur elektronischen Musik. Während des Vaters Passion das Kunstsammeln ist, lebt Karlheinz Essl junior, Jahrgang 1960, bald in der Welt der Töne, spielt zunächst viel Jazz am Kontrabaß, studiert Komposition u. a. bei Friedrich Cerha und zählt neben Stockhausen Anton Webern, György Kurtag und John Cage zu seinen kompositorischen "Vätern".

1987 gelingt der Durchbruch. Essl: "Das ORF-Symphonieorchester spielte im Konzerthaus mein op. 2 - Met him pike trousers nach einer Wortverdrehung aus James Joyces ,Ulysses`. Mit den in anderer Gestalt immer wiederkehrenden Klangaggregaten bin ich plötzlich aufgetaucht in der Szene." Seither war er bei Festivals wie "WIEN MODERN" und den Wiener Festwochen vertreten und mit Kompositionsaufträgen bei Pierre Boulez' Pariser IRCAM. Und heuer war Essl in der Reihe "Next Generation" bei den Salzburger Festspielen zwei Porträtkonzerte gewidmet.

Stets an der "alchimistischen Veränderung der Klänge" und an den Möglichkeiten des Computereinsatzes in der Komposition interessiert, hat er zwei Klanginstallationen geschaffen: Amazing Maze (1996 ff.) - ein Klangrausch aus acht Lautsprechern für den Mirabellgarten - und eine Endlos-Sonate für Computerklavier, die Lexikon-Sonate (1992 ff.): hier füttert er ein Computer-Klavier mit einem Vorrat an Bausteinen , die dann die Maschine quasi unendlich, aber in sich ständig verändernder Form abgespielt. Befriedigend für den Komponisten, der nur noch zuschaut oder auf Knöpfe drückt? "Auf die Dauer nicht, aber die ,Lexikon-Sonate` war für mich so etwas wie ein Joker", erklärt Essl. "Ein Paradoxon: Einerseits habe ich das Stück durch das Computerprogramm gestaltet, andererseits kann ich es mir anhören und bin doch jedes Mal überrascht, wie es sich neu konstruiert."

Das Hören ist für Essl ein aktiver Prozeß: "Wenn Musik sehr fremd oder bedrohlich erscheint, kann man entweder die Ohren schließen und sich verweigeren, oder aber man läßt seine Kriterien beiseite und ist offen für neue Eindrücke. Daraus kann eine Art Katharsis entstehen."


in: Kurier (Wien 10.8.1997)



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Updated: 23 Dec 1998