AZ / Tagblatt vom 4.11.1987 Kultur

Über Nacht zur Sensation

Der 27jährige Komponist Karlheinz Essl


VON GERHARD ROSENTHALER

Er macht ein wenig den Eindruck, als könnte er's gar nicht so recht glauben. Karlheinz Essl, 27jähriger Wiener, Schüler von Friedrich Cerha, als Komponist bis vor wenigen Tagen ein eher unbeschriebenes Blatt - und auf einmal: Zwei von Essl's Kompositionen [Helix 1.0 (1986) und met him pike trousers (1987)] wurden beim Musikfest "Österreich - heute" des Wiener Konzerthauses groß herausgestellt; und über Nacht war Essl in die vordere Reihe der ernstzunehmenden Musiker katapultiert. Beim Anhören von Essl's Musik stellt sich ein so ungemein positives, fast schon vergessenes Gefühl ein: So und nicht anders muß es sein, so ist's richtig.

Was hat der junge Mensch eigentlich bisher getan, warum war er vorderhand noch unbekannt? "Ich habe studiert und seit 1981 in Klosterneuburg regelmäßig Konzerte veranstaltet. Mit Neuer Musik, wir waren da eine kleine Komponistengruppe - mit Leuten allerdings, die aus einer Richtung stammten, die mir nicht so ganz geheuer war: Neue Einfachheit, man kennt ja diese Tendenz."

Mit diesen Harmonien konnte Essl auf Dauer nicht harmonieren. Anbiederische und modische Tendenzen sind ihm so fremd wie irgend möglich, und dennoch fängt seine Musik selbst den unvorbereiteten Hörer unvermittelt ein. Worin besteht sein Anliegen? "Ich glaube, das Musik immer das reflektiert hat, was momentan im Gange war. Die Aufgabe jeder Kunst sehe ich heute darin, alles was an neuen Wegen des Denkens in der Luft liegt, aufzugreifen und umzuformen. Mich interessiert in der Kunst das Material in seiner Beziehung zur Umwelt, zur Geschichte, zu mir."

Musik ist für Essl eine philosophische Frage. Müßte man ihr also konstruktive Elemente unterstellen? "Ich muß mich fragen: In welchen Bereich der Kompositionsstruktur möchte ich eindringen? Manche wollen nur etwas Schönes präsentieren, gehen dabei aber nur an die äußerste Ebene, die Oberfläche der sinnlichen Wahrnehmung. Wenn ich aber etwas ausdrücken will, dann muß ich ganz tief ins Material hinuntersteigen und von dort etwas aufbauen. Wenn man in das Verborgene, latent wuchernde hineinsteigt, verdichtet und verstärkt es sich nach oben hin - und die Kraft, die an der Wahrnehmungsebene herauskommt, wirkt stärker und ehrlicher."

Kunst, die sich angebiedert hat, könnte zwar auch Momentanerfolge verweisen, sei jedoch noch allemal der Vergessenheit anheimgefallen, erkennt Essl; und es gehört heute beinahe Mut dazu, solches so freimütig zu formulieren.

"Es ist ein ungeheurer Unterschied, ob ich sage: Schreibe ich Musik, um dem Publikum zu gefallen - oder Musik, die dann auch dem Publikum gefällt. auch Beethoven hat sich in seinen letzten Streichquartetten nicht überlegt: Ist das jetzt toll für den Geiger, und wie kommt es an. Mein Musik ist im gleichen Maße konstruktiv, wie jede Musik konstruktiv sein muß. Das Material weist mir nur den Weg, dann beginnt es Eigenkräfte zu entwickeln."

Ein Kommunikationsprozeß, ist Essl überzeugt und umreißt damit ein Kernproblem der Publikumsakzeptanz Neuer Musik, muß beidseitig sein. "Wenn einer bewußt darauf hinzielt, alles müsse verständlich sein, erklärt er das Publikum zu Dodln. Und daran glaube ich nicht." Das klingt nicht sehr heutig - aber morgig.

© by Gerhard Rosenthaler / AZ (1987)



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Updated: 23 Dec 1998