Christian Scheib

Abweichungen am Horizont


Vor mehr als fünfzehn Jahren betrat der Komponist Karlheinz Essl mit einem kleinen Schwerpunkt, den ihm das Festival Wien Modern widmete, die große Bühne des Konzertlebens. Seine Instrumentalwerke ließen eine Vorliebe für Aufbrüche in Klangschattierungen und auch Stückdramaturgien hörbar werden, die ohne die gleichzeitige Vorliebe für tragende, konstruktiv, wenn nicht konstruktivistisch ausgedachte Strukturen nicht erreichbar gewesen wären.

"Konstruktion als solches ist ja nicht mein Interesse", sagt Karlheinz Essl auch heute noch, "sie dient mir, um in Regionen zu gelangen, in die ich sonst nicht vordringen könnte". In den Jahren seither intensivierte sich Karlheinz Essls Interesse an der Arbeit mit dem Computer - und zwar sowohl im Sinne konstruktiven Berechnens von musikalischen Parametern als auch im Sinne von klangverändernder oder raumverteilender live-Elektronik.

In Wien schien sich die Präsenz seiner Musik auf diese sehr eigenen elektronischen Wege zu fokussieren, aber genau dieser Entwicklung setzt nun ein Konzert mit dem Titel "Im Fokus" ein Ende. Das ensemble xx. jahrhundert mit Peter Burwik als Programmgestalter wie auch als Dirigent präsentiert einen Abend mit zwei Instrumentalwerken von Karlheinz Essl, darunter das 1996 im Auftrag der Salzburger Festspiele komponierte Werk: ...wird sichtbar am Horizont für vier räumlich verteilte Ensemblegruppen.

Eine Art Raumklang zu erfinden sei ihm wichtig, merkt Karlheinz Essl an, die nicht auf schnelle Surround-Effekte abziele, sondern die eine Musik in den Köpfen der Zuhörer entstehen lasse, die nur aufgrund der im Raum verteilten Klangquellen so und so subtil entstehen könne.

Ausgehend von Andreas Okopenkos Lexikon-Roman und seiner auf stets weiterführende Stichworte hin angelegten Struktur, entwarf Karlheinz Essl eine computergenerierte Klavierkomposition, die sich ähnlich verhält, wie sich ein Leser des Romans verhalten muss: Erzählungen zu Stichworten führen zu weiteren Erzählungen, klangliche Strukturklischees der Klaviermusik führen in ein Labyrinth weiterer ebensolcher. Außerdem steht auf dem Programm noch eine weitere Aufführung von der in ihrer Struktur offenen, jedes Mal sich selbst neu komponierenden Lexikon-Sonate.


in: Ö1, Online-Ausgabe 30.03.2005


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Updated: 3 Apr 2005