Irmgard Schmidmaier

The Tuning of 2002

Jede Welt hat den Klang, den sie verdient. Komponisten entwickeln Soundscapes mit Hilfer selbst entwickelter Computerprogramme. Und dank Internet braucht niemand mehr ausser Haus zu gehen, um in einer Band zu spielen.

Irmgard Schmidmaier über Karlheinz Essl

Karlheinz Essl. Der Star unter den neuen Komponisten lauscht den inneren Klängen.


Der Great Conductor [in Karlheinz Essl's Realtime Composition Amazing Maze] ist ein hellblauer Balken, der sich quer über den Bildschirm zieht. Auf geheimnisvolle Weise steuert dieser Superdirigent ein Orchester, das aus Modulen besteht, die als Kästchen senkrecht an diesem Balken angebracht sind. Die Module sind gewissermaßen die Musiker, heißen "nuages", "chords", "complex" oder "pulse" - und verbergen in ihren unergründlichen Tiefen einen Kosmos musikalischer Möglichkeiten. Zum Klingen gebracht werden die Module über das Keyboard des Laptops. Der Computer ist das Instrument: Das "R" gibt einen punktartigen Klang, das "I" läßt die Töne fließen, das "T" schafft eine Klangwelt, die an Wolken denken läßt.


screen shot

User interface von Amazing Maze (version 1998)


Klangautobahn

Herr über die Töne aus dem Computer ist Karlheinz Essl. Der Komponist aus Klosterneuburg ist einer der Pioniere in der österreichischen Szene für elektronische Musik. Mit seiner Werken bewegt sich der Musikintendant der gleichnamigen Sammlung für Gegenwartskunst genau an der Schnittstelle zwischen Experiment und klassischer Musikwelt. Wie seine Kollegen aus der DJ- Szene oder aus der Abteilung Pop, nutzt Essl das Internet als selbstverständliches Arbeitsmittel. Er verwendet dabei auch Klangmaterial, das andere Musiker nach seinen Angaben für ihn eingespielt haben. Essl übermittelt seine Kompositionen an Freunde oder Auftraggeber per eMail, und viele seiner Stücke sind auf seiner Homepage zu hören.

"Das Internet hat in der Musikwelt viel in Bewegung gebracht", sagt der 41-jährige, der vor 10 Jahren unter den Ersten war, die eine eMail-Adresse auf der Visitenkarte führten. Damals war er gerade Composer-in-Residence am Pariser Forschungsinstitut für Neue Musik IRCAM, das der Komponist Pierre Boulez im Centre Pompidou gegründet hat. Die Offenheit in der Szene der Elektroniker, die sich mit der technischen Entwicklung im Netz gebildet hat, wusste Essl von Anfang an zu schätzen: "Man tauscht nicht nur Ideen und Gedanken aus, sondern auch technisches Know-How oder selbst entwickelte Software."


OpenSource

Neid oder Angst um das Copyright kennt die Szene kaum. "Das ist eine Sache des Vertrauens", meit Essl, "denn in dem Maße, wie ich meine eigenen Ideen zugänglich mache, bekomme ich auch Inspiration und Anstöße zurück". Das Idyll wird allerdings gestört durch Möglichkeiten, wie sie die Tauschbörse Napster bot. - "Das ist eine Einbahnstraße, das gefällt mir nicht", sagt Essl. Und das gilt auch jetzt noch, nachdem die Zeit der kostenlosen Selbstbedienung vorbei ist und Musiktitel nur mehr über Mitgliedsbeiträge an Clubs oder Tauschbörsen zu haben sind. Essl hält die MP3-Kultur bloß für einen anderen Vertriebsweg. Sie hat mit tatsächlichem Austausch von Kreativität nichts zu tun.

Das Glück der Soundtüftler ist anderswo zu Hause. Für die Szene heißt das Stichwort Open Source. Freaks, Spieler und Klangbaumeister treffen sich über Institutionen wie dem IRCAM, auf eigenen Platformen oder privaten Sites. Hier werden eifrig Soundfiles getauscht oder online gemeinsam entwickelt. DJ's wie dieb13 bieten im Cyberspace ihre Samples an, Newcomer der Szene und eben Größen wie eben Essl. Auf diese Weise verschwinden die alten Berührungsängste zwischen den musikalischen Welten. Die einst skeptisch einander beäugenden Vertreter von Klassik, Avantgarde oder Pop geben sich heute im Netz ein Stelldichein. Die Grenzen sind fließend geworden. Was zählt, ist die Qualität als Maßstab.

Man könnte sagen: Die Vorstellung vom Musiker als einzigartigem Genie hat gehörige Kratzer bekommen. Sie macht heute einer Idee vom Kollektiv Platz. Die von Hierarchien freie Kommunikation imm Netz kommt der internationalen Musikergemeinde sehr entgegen: "Das von der Muse geküßte Genie", so Essl, "das mit seiner Kunst die Welt erklärt, ist anachronistisch. Es gehört ins 19. Jahrhundert." Doch zugleich wehrt sich der Komponist aus dem kunstsinnigen Elternhaus gegen die Ansicht, Musik komme ohnehin nur mehr aus der Kiste, Elektromusiker seien nichts anderes als Knöpferldrücker: "Was ist denn ein Pianist anderes?", so Essl. "Da geht es doch auch darum, zur richtigen Zeit in der richtigen Dynamik und mit der richtigen Dauer die richtige Taste in der richtigen Kombination mit anderen zu drücken. Wo ist der Unterschied zwischen Tasten oder Reglern?"


Ideen im Ohr

Am Ende dreht sich zwischen den Files und Sounds alles doch wieder um Kunst. Und die besteht - darauf beharrt der Jungstar unter den zeitgenössischen Komponisten - immer noch im geistigen Anteil an der Bastelei. File-Baukästen hin und her, Komponieren ist und bleibt mehr als ein Aneinanderreihen von Dateien und ein willkürliches Ausprobieren elektronischen Möglichkeiten: "Natürlich habe ich Ideen und Konzepte im Kopf", sagt Essl, "und die entwickle ich aus einer komplexen musikalischen Vorstellung heraus"..


© 2001 by Irmgard Schmidmaier / i:move (Ausgabe 06/01 Dezember)
Coverphoto © 2001 by Wolfgang Zajc



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Updated: 1 Mar 2008