Portrait

Karlheinz Essl

Musik im SCHÖMER-HAUS

2012

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Als das SCHÖMER-HAUS 1987 eröffnet wurde, ahnte niemand, dass dieses Büro- und Ausstellungsgebäude einmal ein prominenter Veranstaltungsort für ungewöhnliche Konzerte werden sollte. Bald nach der feierlichen Einweihung besuchte Claudio Abbado diesen Ort und war von der Architektur und seiner Akustik so beeindruckt, dass er meinen Vater beschwor, das Haus der Neuen Musik zur Verfügung zu stellen. Denn im Unterschied zu traditionellen Konzertsälen, mit ihrer aus dem 19. Jahrhundert stammenden Klang- und Raumästhetik, eignet sich das SCHÖMER-HAUS besonders für unkonventionelle Präsentationsformen zeitgenössischer Musik, bei denen immer mehr mit den Möglichkeiten des Raumes experimentiert wird.


SCHÖMER-HAUS © 2012 by Pez Hejduk

Die zentrale Halle des SCHÖMER-HAUSES
Foto: Pez Hejduk


Ein unkonventioneller Konzertsaal

Das SCHÖMER-HAUS ist aber alles andere als ein konventioneller Konzertsaal. Es gibt hier weder Bühne noch fixe Bestuhlung; die Akustik widerspricht allen gängigen Normen und erinnert eher an die einer gotischen Kathedrale. Die offene, dreigeschossige Halle mit den umlaufenden Galerien erlaubt es jedoch, MusikerInnen und Klangquellen rund um das Publikum in verschiedenen Höhenstaffelungen zu positionieren. Damit lässt sich Musik als bewegtes und bewegendes Klangereignis im Raum inszenieren, wie dies bereits im 16. Jahrhundert in San Marco in Venedig durch Andrea und Giovanni Gabrieli versucht wurde. Auch hier wurde eine unorthodoxe architektonische Disposition mit zwei gegenüberliegenden Emporen zum Ausgangspunkt kompositorischer Experimente; erstmals in der Musikgeschichte wurde hier bewusst "Surround-Sound" eingesetzt.


Kompositionsaufträge

Um das Potential dieses ungewöhnlichen Klangraumes auszuloten, vergeben wir seit 1992 Kompositionsaufträge an international arrivierte KomponistInnen mit der Auflage, ein Stück speziell für die Architektur und die Akustik des SCHÖMER-HAUSes zu schreiben. 20 verschiedene Werke sind bislang dafür entstanden, u.a. von Friedrich Cerha, Roman Haubenstock-Ramati, Isabel Mundry, Richard Barrett, Pascal Dusapin, Jennifer Walshe, Gerd Kühr, Mark Applebaum und Alessandro Melchiorre. Die Uraufführungen der Auftragswerke finden seit jeher im Rahmen von "Wien modern" statt und sind fixer Bestandteil dieses bedeutenden, von Claudio Abbado konzipierten internationalen Musikfestivals.

Dieses Jahr erging der Auftrag an den argentinischen Komponisten Marcelo Toledo, der in Luminous Emptiness das SCHÖMER-HAUS als stellaren Klangraum inszeniert: Konstellationen des Sternenhimmels dienen als Ausgangspunkt einer Komposition, in der nicht nur Instrumente, sondern auch die architektonischen Elemente des SCHÖMER-HAUSes wie die vergitterte Stiege und die hölzernen Handläufe der Galerien von den MusikerInnen des Klangforums Wien zum Klingen gebracht werden.


Luminous Emptiness © 2012 by Marcelo Toledo

Ausschnitt aus Luminous Emptiness von Marcelo Toledo
© 2012 by Marcelo Toledo


Eine äußerst beeindruckende Adaption des SCHÖMER-HAUSes als dreidimensionaler Klangraum entstammt der Feder des belgischen Komponisten Serge Verstockt, der gemeinsam mit dem Architekten Werner Vandermeersch 2006 die kinetische Klanginstallation Voder schuf. Sie bestand aus vier Lautsprechern mit Propellerantrieb, die wie kleine Helikopter an Drahtseilen über den Köpfen des Publikums rotierten. Ein Computerprogramm auf dem Boden setzte die Lautsprecher – und somit auch die Klänge – in Bewegung und erzeugte eine chaotische, flirrende Klanglandschaft.

Ein weiteres Highlight stammt von der irischen Komponistin Jennifer Walshe, die sich als Künstlerpersönlichkeit voll skurriler Fantasie einen Namen gemacht hat. Ihr 2007 geschaffenes Werk My Extensive Relationship with Mr. Steven Patrick M. verwandelte das SCHÖMER-HAUS in einen Theaterraum. Von der Decke baumelten Kassettenrekorder und die Aufzüge wurden von Musikern bedient, die als Liftboys fungierten. Ausserdem wurden das käfigartige Stiegenhaus und die umlaufenden Galerien als Klangkörper benutzt und als Aktionsräume in Szene gesetzt.


Ensemble für Intuitive Musik © 2012 by Karlheinz Essl

Das Ensemble für intuitive Musik (Weimar) spielt Werke von Karlheinz Stockhausen
© 2009 by Karlheinz Essl


Alte Musik

Neben den jährlich stattfindenden "Wien modern"-Konzerten widmen sich die drei anderen Konzerte vor allem neuen Kompositionen sowie aktuellen Entwicklungen, die von hochkarätigen Ensembles und MusikerInnen interpretiert werden. Zusätzlich gibt es immer wieder auch Konzerte mit Alter Musik, wofür sich die kathedralartige Akustik des Hauses besonders gut eignet. Besonders eindrucksvoll waren Abende mit dem Clemencic Consort und dem Vokalensemble NOVA mit selten gehörter Musik von Perotin bis Dunstable; oder ein Konzert des Arnold Schönberg Chores, in dem neben Werken von Giacinto Scelsi und Luigi Nono auch doppelchörige Motetten von Heinrich Schütz gesungen wurden. Die umlaufenden Galerien des SCHÖMER-HAUSES brachten diese Musik besonders plastisch zur Geltung.


J. S. Bach / Karlheinz Essl: Gold.Berg.Werk
SCHÖMER-HAUS, 4 Dec 2011


Konzerte im Essl Museum

Mit der Errichtung des Essl Museums öffnete 1999 ein weiteres Haus der Musik seine Pforten. In den verschiedenen Galerien und Ausstellungsräumen finden monatlich Konzerte statt, die jedoch ganz unterschiedliche Ausrichtungen haben. Wird im SCHÖMER-HAUS vorwiegend komponierte Musik von etablierten Ensembles interpretiert, so widmet sich das Musikprogramm des Essl Museums der Grenzüberschreitung, dem Ephemeren und dem Unvorhersehbaren. Elektronische Musik in ihrer ganzen bunten Vielfalt, Performances, Installationen, Multimedia und Improvisation spielen hier eine wichtige Rolle und schaffen ein vielfältiges Terrain, das neugierig macht und für Überraschungen sorgt. Als programmatische Klammer fungiert ein verbindliches Jahresmotto, auf das sich die einzelnen Projekte beziehen. Themen wie NÄHE UND FERNE, KLANG.RAUSCH, BACK AND FORTH, UTOPIEN, CROSS THE BORDER oder OUT OF THE BLUE geben einen inhaltlichen bzw. assoziativen Rahmen vor, für den gezielt MusikerInnen, KomponistInnen und KünstlerInnen eingeladen werden, eigenständige Projekte zu entwickeln.


Eva Reiter im Essl Museum

Solorecital Eva Reiter im Essl Museum
© 2007 by Peter Kuffner


Die ästhetische Öffnung, die durch die Konzertreihe im Essl Museum ausgelöst wurde, zeigt Auswirkungen auf die Programmgestaltung des SCHÖMER-HAUSes. Zum Format des Konzertes, das die ersten beiden Jahrzehnte dominierte, gesellen sich heute vermehrt unkonventionelle Mischformen, in denen Musik mit Videoprojektionen, Klanginstallationen und Performances kombiniert wird und nicht nur reproduzierbare Werke, sondern auch offene Prozesse mit ungewissem Ausgang in Szene gesetzt werden. So reflektiert das Musikprogramm der beiden Häuser die sich ständig verändernden künstlerischen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungen. Ich freue mich, dass unser Publikum diese Entwicklungen mit Interesse und Begeisterung begleitet.


in: DAS SCHÖMER-HAUS, ed. by Andreas Hoffer and Eva Köhler
Edition Sammlung Essl: Klosterneuburg 2012, S. 151-152.



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Updated: 9 Jul 2016