Wilhelm Sinkovicz

Fantasie als Sprengstoff

Fünf Jahre lang präsentiert Karlheinz Essl im Klosterneuburger Essl-Museum bereits Neue Musik –
Klänge experimenteller Art im Kunst-Ambiente, das die Eltern des Komponisten geschaffen haben. Ein Porträt.


Karlheinz Essl live

Karlheinz Essl an seinem Instrument, dem Computer. Dieser beschäftigte den Musiker schon, als seine Kollegen noch nicht mal ein E-Mail versenden konnten.

 
Mit dem Komponisten-Sohn rundet sich die Sammlung Essl, eine der wichtigsten – faszinierenderweise privat gesammelte – Zusammenschau zeitgenössischer Kunst, sozusagen zum Gesamtkunstwerk. Denn während sich der zweitgeborene Sohn der Essls um das Firmenimperium kümmert, pflegt der ältere der beiden, wie der Vater Karlheinz genannt, die Liebe zum Schöngeistigen und zum Fortschrittlichen. Die beiden Dinge, manchen scheinen sie unvereinbar, gehen bei Karlheinz Essl junior stets Hand in Hand. Wie seine Eltern bei der Erstellung ihrer imposanten Kunstsammlung stets in die Zukunft geblickt haben, das Fortwärtstreibende, Innovative der Kunst im Auge und im Herzen, pflegt der Sohn die Musik.


Zu einem Zeitpunkt, als Kollegen noch nicht einmal E-Mails verschicken konnten, betrachtete Karlheinz Essl etwa den Computer bereits als herrliches Instrument zur Verwirklichung seiner kompositorischen Träume. Zwar ist er ein Fanatiker der Kalligrafie, doch gehört er keineswegs zu jenen Musikern, für die ihr Betätigungsfeld dort aufhört, wo sich die Möglichkeiten der "althergebrachten Partitur-Notenschrift" erschöpfen.

Im Gegenteil. In jenem Grenzland beginnt sich die kompositorische Leidenschaft des 45-jährigen Künstlers erst zu entzünden. "Mauern einreißen", ist eine Phrase, die im Gespräch mit Karlheinz Essl des Öfteren zu hören ist, "Wände aufbrechen, wobei die Fantasie der Sprengstoff ist". Der Weg, bis solche Träume realisiert werden können, bis die Mauern wirklich fallen, ist weit. Essl hat ihn konsequent ausgeschritten. Der promovierte Musikwissenschaftler hat nicht nur in der Theorie den Entwicklungslinien der abendländischen Musik nachgespürt, sondern sich ganz praktisch mit dem Entstehen von Musik auseinander gesetzt.


Prückl-Revolution

Wobei sich die Liste seiner Lehrer wie eine logische geistige Leiter dechiffrieren lässt, die vom historisch Gefestigten ins Experimentelle führt. Alfred Uhl, der konservativ-grundsolide Handwerker war sein Tonsatz-Lehrer, Friedrich Cerha, der umsichtig Weitsichtige, sein Kompositionsprofessor.

Doch wichtig für Essl waren, wie er selbst gern bekennt, die Gespräche mit Roman Haubenstock-Ramati, dem Visionär, der einmal gemeint hat, neue Musik, die diesen Namen verdienen soll, also wirklich Neues bringen möchte, sei nur über die Erfindung neuer Formen möglich. "Es waren", erinnert sich Essl heute an die intensiven Dialoge mit dem Meister der musikalischen Mobiles, "gar nicht so sehr Gespräche über Musik, die wir da in Haubenstocks Lieblings-Café, dem Prückl, geführt haben. Es ging um Literatur. Es ging um Politik. Das hat genügt, um auch wichtige musikalische Fragen für mich zu beantworten". Oder zu stellen, je nachdem. Das Suchen, das Experimentieren mit Klängen, mit neuen Klang-Kombinationen war ja für Haubenstock-Ramati essenziell. Essl hat, auf seine ganz eigene Weise, ähnliche Träume geträumt und zu realisieren versucht.

Die legendären Aktionen Haubenstock-Ramatis, der etwa acht Klaviere aus verschiedenen Richtungen und Höhen des Grazer Opernfoyers zeitversetzt dieselben Aktionen ausführen ließ – die Beschreibung ist stark verkürzt, zugegeben, trifft aber vielleicht den Kern der Sache – hat Essl zwar nicht live erlebt, aber der Ansatz beschäftigt auch ihn in Abänderungen seit Jahren.

So erklangen jüngst bei seinem Wiener Abend im Porgy & Bess Werke wie Déviation und ... wird sichtbar am Horizont, Stücke der Neunzigerjahre, in denen es um die Vereinigung von höchst unterschiedlichen Klangereignissen geht, die von im Raum verteilten Musikergruppen erzeugt werden. Essl beschreibt die Klänge, die dabei entstehen, als " "symbiotische Einheit, aus der sich Charaktere heraus differenzieren. Oft weiß man dann nicht: Ist das jetzt ein Klavier, ist es ein Vibrafon, das da spielt, bis die Musik plötzliche Blüten treibt, bis sich einzelne, klare Strukturen aus dem Gemisch kristallisieren." Bei dem "Horizont"-Werk sind es, so Essl, "zehn Instrumentalgruppen, die rund um das Publikum pos­tiert sind. Der Hörer sitzt in der Mitte, wird eingekreist, umspielt, sozusagen".


Jazz als Quelle

Die Wurzeln solcher improvisatorisch bedingter musikalischer Prozesse liegen freilich nicht nur in den kühnen Visionen von Meistern der Avantgarde, wie Haubenstock einer gewesen ist, sondern ebenso sehr wohl auch in manchen Ausprägungen des Jazz, dem sich der Komponist Essl als Musikant eine Zeit lang mit Leidenschaft verschrieben hatte. Als ausgebildeter Kontrabassist musizierte er nicht nur in klassischen Kammermusikformationen, sondern auch in Jazzensembles. In Paris hat er dann im Verein mit Gerhard Eckel versucht, dem Geheimnis des kompositorischen Prozesses auf die Spur zu kommen, um mit den gewonnenen Erfahrungen ein Software-Environment für computerunterstütztes Komponieren zu entwickeln.

Damit war bereits Ende der Achtzigerjahre der Computer-Meister Essl etabliert und das neu gewonnene Experiment aus Essls Komponierstudio nicht mehr wegzudenken. Seit 1990 war Essl mehrmals "composer-in-residence" bei den längst legendären Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik. Zu den Aufsehen erregenden Projekten, die er seither immer wieder grenzüberschreitend realisiert hat, gehörte in der Saison 1992/1993 die Performancereihe Partikel-Bewegungen, die er mit dem "Sprayer von Zürich", Harald Naegeli, in mehreren europäischen Metropolen gestaltete.

Das Spontane, unmittelbar Reaktive ist aus seiner Kunst jedenfalls nicht wegzudenken. Freilich hätte man ein ganz und gar falsches Bild von Essls Musik, wollte man sie auf diese Eigenschaften reduzieren. Vieles, was an den Stücken improvisiert, urwüchsig, hingeworfen wirkt, entspringt strengstem Kalkül. Essl, der Kalligrafie-Freund, entwirft zuweilen rigide Formen, klassische Kanons auf Millimeterpapier. Wenn deren Umsetzung dann spontan klingt, freut ihn das selbstverständlich. Doch steckt hinter dem, was ganz frei wirkt, meist harte Arbeit. Getreu Igor Strawinskys Prinzip: Je strenger Kunst gearbeitet ist, umso freier wird sie.


Achtung, radioaktiv!

Entsprechende Erfahrungen hat der Musiker Essl beim Improvisieren und Experimentieren gemacht. Es ist ja eines, in den eigenen vier Studio-Wänden neue Klänge zu generieren und sie sozusagen im Reaktor miteinander zu verschmelzen. Es ist etwas ganz anderes, vor Publikum zu agieren. Eine Live-Performance, in der Karlheinz inmitten des Klanggeschehens an seinen Apparaturen sitzt, um dieses Geschehen aktiv zu beeinflussen, setzt einen strengen Plan, klare Konzepte, eine kompositorische Vision voraus.

"Das war ein Erfahrungs-, ein Lernprozess", sagt er selbst. "Am Anfang ist das natürlich toll, wenn man spontan über alles gebieten kann, was zur Verfügung steht. Da hat man Freude am Spielen. Aber wenn man das Ergebnis dann von der Live-Aufnahme anhört, ist man unzufrieden. Eine Komposition hat doch einen anderen Qualitätsanspruch." Also muss der Komponist sich penibel auf einen Live-Auftritt vorbereiten. Erst dann wirkt dieser frei, ohne ins Chaotische abzudriften, das unter Umständen das Gegenteil von Freiheit bedeuten mag, wenn sich der Akteur im Dickicht des zur Verfügung stehenden Materials verheddert und vielleicht in einer Sackgasse verschwindet.


Sitzen im Zeitkontinuum

"Der wichtigste Unterschied zwischen dem Komponieren und dem Improvisieren ist der Faktor Zeit", erläutert Essl: Wer komponiert, arbeite zwar mit der Zeit, er simuliert sozusagen einen Zeitablauf, innerhalb dessen sich das Stück logisch entwickelt. Wer improvisiert, sitzt selbst mitten in diesem Zeitkontinuum, muss also sorgen, nicht von diesem bewusstlos mitgerissen zu werden. "Die Zeit läuft ja gnadenlos ab", meint Essl und spricht aus Erfahrung. Er versucht heute nur noch Dinge zu realisieren, die vorher genau durchdacht sind – und innerhalb des Improvisierens nach Plan auch "Brücken schlagen zu dem, was schon zu hören war."

Formstiftende Maßnahmen, die er aus Anlass der Österreich-Jubiläumsfeiern am Nationalfeiertag auch in der Säulenhalle des Parlaments treffen wird: "Man hat mich eingeladen, im Verein mit dem Ensemble XX. Jahrhundert unter Peter Burwik ein ganzes Konzert zu gestalten." Samt einem neuen Stück - el-emen' -, das wieder ein echter Essl werden wird: "Musik, in der das Schlagzeug Impulse für die Live-Elektronik gibt, aus dem Zentrum heraus entwickelt, die ihre Dynamik wie ein Teilchenbeschleuniger entfaltet." Fasten your seat belts!


in: DIE PRESSE, SCHAUFENSTER, 08.04.2005


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Updated: 18 Apr 2005