Irene Suchy

Auf Weberns Wellen

Ein Besuch beim Klosterneuburger Komponisten Karlheinz Essl



"Am Ölberg" lautet die Adresse. Ein Villen-Kreuzweg, mit Stahlgartentoren und Betonzäunen, undurchsichtig für den Ankommenden. Erst nach dem Gang an einer weißen Betonmauer entlang eine grüne Wiese mit Baum in der Mitte, in seinem Schatten eine Sandkiste, der Aufgang zur Terasse, menschenleer. Der heraustretende Komponist lehnt den Wunsch nach einem Rundgang zu den Lieblings-Inspirationsplätzen ab. Die Verweigerung des Privaten ist für Karlheinz Essl dann freilich doch nicht ganz so streng: In seiner zurückgenommenen, manchmal die Geschwindigkeit der Lippen überrennenden Sprache läßt er Abweichungen vom Gespräch übers Komponieren zu.


Im Elfenbeinturm?

Wir beginnen das Gespräch auf der Terasse mit Kaffee und enden im Studio beim Gespräch übers Essen. Dabei geht es um die verschiedene Zubereitung des immer gleichen Materials und die Veränderung seiner Erscheinungsform. Karotten längs oder quer geschnitten, mit geripptem Messer oder mit glattem. Kochen ist wie Komponieren das Spiel mit dem Material, welches sich mit der Form verändert.

Der Kaffee an diesem frühen Sommermorgen ist Aufwachhilfe. Der Komponist hat am Vorabend [in Lilienfeld] einen Vortrag über seine Musik gehalten. Er ist befriedigt über das Interesse seiner Zuhörer. In die Erzählung mischt sich das Selbstbewußtsein über seinen Wert. "Ich habe nichts - an Honorar oder Zubehör - außer einer Stereo-Anlage verlangt".

Er spricht gerne, aber nicht innerhalb der Konzert-Programme, die er viermal im Jahr, zu der von ihm dramaturgisch betreuten Konzertreihe Musik im SCHÖMER-HAUS veranstaltet. Die Aula des Hauses, die als Konzertsaal wegen der Musik und gleichermaßen wegen der die optischen Sinne befriedigenden Kunstgenüsse einladend ist, verträgt das Wort schlecht, zerstört ihm die Verständlichkeit, umso mehr ladet sie zu einer ganz speziellen Raumkomposition ein - etwas, um das sich der Komponisten-Intendant bemüht.

Beim Aufgang zum Studio - im Stiegenhaus - ein Paris-Plan.

Was ursprünglich zur Orientierung gedacht war, ist jetzt Hinweis zur Erinnerung. Der Komponist hat am IRCAM, dem von Pierre Boulez gegründeten kompositorischen Probierplatz im Pariser Stadtteil Beaubourg gearbeitet.

Das Studio: Über dem runden Schiffsfenster Anton Webern, ein Originalphoto, Webern, der für das "Damaskus-Erlebnis" Verantwortliche. Webern, der anfänglich Abgelehnte wurde zum kompositorischen Hochverehrten und in der Dissertation (im Verlag Hans Schneider, Tutzing, erschienen) Bearbeiteten. Ein Konzertbesuch mit dem Lehrer Friedrich Cerha wandelte die Abneigung und ursprüngliche Hinwendung zum Neoklassizismus zur dominanten Orientierung hin zur Wiener Schule.

Das [von Carmen Wiederin entworfene] Mobiliar des Studios ist geradlinig-gediegen, ungeschwungen, hellholzig übereinander spanngeholzt und dünn-linoleig ausgelegt.

Der Kontrabaß, Teil seiner Musikausbildung, dem der Komponist die Erfahrung der Improvisation und dem Jazz verdankt, ist nicht zu sehen - der steht in einem Studio außerhalb der Wohnung, wohin er sich zum Komponieren zurückzieht. Aber mit seiner Kenntnis hat er unlängst die auf seine Seite gezogen, die am schwersten zu Fans werden: die Orchestermusiker. Erst die Fähigkeit des Komponisten zum Vorführen [einer ungewöhnlichen Kontrabaßstelle in Intervention] hat die Bewunderung und die Kooperationsbereitschaft des RSO-Kontrabassisten geweckt. Auch die E-Gitarre, Dokument seiner Band-Zeit, paßt nicht mehr in die reduzierte Ordnung des Arbeitsraumes.

Und doch hat die Kenntnis von Bewegungsabläufen Essls analytisches Denken als Komponist beeinflußt. Sie läßt ihn Bewegungsmodelle - zum Beispiel im Violin-Solostück absence - analysieren und zerteilen und verkehrt wieder zusammensetzen. Er ist stolz darauf, den Musikern das Schwerstmöglichste zu bieten, er arbeitet mit den Interpreten, freut sich mit ihnen über den Erfolg.


"Hören lassen"

Auf dem Regal links neben der Tür befinden sich Wörterbücher in fast allen Sprachen, dann Komponistenbiographien, Fachliteratur und Bücher über Maler. In den Komponisten Studio reden Stockhausen, Cage, Kagel und Lachenmann aus ihren Büchern mit. Der Komponist schlägt Kandinskys Punkt - Strich - Flächen-Theorie auf, um zu zeigen, wie nahe seine Ideen jenen des Malers sind.

Flächen - Kurven - Gitter - Schläge; Flächen, die aus Pulsationen bestehen, deren scheinbare Kontinuität er dem zerlegen, dasselbe in verschiedenen Erscheinungsformen hören lassen will. Hören lassen ist sein Vorschlag an das Publikum - hineingehen ins Musikkunstwerk, jedem seinen Weg gönnen und immer wieder einen neuen.

Am Anfang der Komposition stehen Strukturen, ausgedacht in der Kinderlärm-gebannten Ohropax-Stille, in der Trance der von Außengeräuschen vollkommen frei gehaltenen Innenwelt. Ein Rausch der Enthaltsamkeit. Das Ausdenken beginnt räumlich, mit jenem Ergebnis, das der Hörer wahrnimmt: Vier kleine Trommeln im Raum, die bei Rudiments in den vier Ecken des Saales spielen. Die Lust zur Projektion der mikroskopischen Strukturen in Vergrößerung und Verlangsamung führt den Komponisten zur musikalischen Umsetzung der Strukturen. "Flächen" werden [in Intervention] zu auf- und abschwellenden Klangereignissen für Große Trommel und Posaune, "Texturen" zu Streicherglissandi, "Gitter" zu polyphon geschichteten Kontrabaß-Pizzicati. Der nächste Schritt ist die Umsetzung in Zahlenreihen, die der Idee den Strukturrahmen geben.

Vor uns liegen vier Blätter, die den Verlauf des Komponierens dokumentieren. Nur eines ist maschinell beschrieben, die anderen in der ordentlichsten, feinsten Handschrift, in einer unzeitgemäßen Feinheit. ein Rückschritt, der aus der Angst vor der Verführung durch die notenschreibende Maschine kommt. Der Komponist, der in E-Mails spricht, weicht der Verlockung des computerisierten Musik-Schreibens aus.

Auf dem Tisch suchen wir Photos aus. Von Veranstaltungen des SCHÖMER-HAUSES: der Komponist einmal heiter mit seinem Vater und hellauf lachend mit Hermann Nitsch, dem illustren Maler und leidenschaftlichen Orgel-Improvisator, dessen Werk für sieben Bläser und Orgel er im SCHÖMER-HAUS im Herbst 1996 uraufgeführt hatte; augenscheinlich als einer von zwei von zwei einander gegenüber sitzenden Schreibtischtätern (Computer-)Musik-machend an zwei kleinen Laptops.

Ganz rechts und im Bewegungswinkel der Tür ein Pinboard mit Photos: von der Komponistin Olga Neuwirth, vom Komponisten und seinem Bruder - lächelnd und ähnlich, vom Komponisten und seinen Söhnen.


© 1997 by morgen / Irene Suchy


in: morgen. Kulturzeitschrift aus Niederösterreich, hrsg. von Hans Magenschab, 21. Jg. / Nummer 114 / September 1997



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Updated: 9 Jul 2016