Portrait KHE

Karlheinz Essl

Titel


Statement zur Frage der Werktitel

Stücke sind für mich wie Kinder: noch bevor sie geboren werden, sind sie schon präsent, anfänglich noch unentfaltet, ein Zellhaufen; eine Idee von etwas, das später einmal entstehen könnte. Stücke sind für mich wesenhafte Gestalten mit eigenen Entwicklungstendenzen, die oftmals in Richtungen gehen, die ich nicht vorausplanen kann. Stücke sind für mich Charaktere mit einer individuellen Persönlichkeit. Ihre Titel stellen für mich Chiffren dar, die ihr Wesen auf den Punkt bringt, ihren Kern und ihr Wesen charaktisiert. Deshalb steht für mich die Findung des Titels im Kompositionsprozess an vorderster Stelle. Der Titel, der zugleich auch ein mehrdeutiges Rätsel darstellt, wird zu einem Wegweiser, der in unterschiedliche Richtungen weist und mich durch ein weites Feld von Möglichkeiten führt.

Meine Titel weisen in vielen Fällen weisen literarische Bezüge auf. upward, behind the onstreaming it mooned heißt mein neues Streichquartett auf ein Zitat aus Borges Erzählung Tlön, Uqbar, Orbis Tertius. Hier analysiert der Autor die Sprache eines in Vergessenheit geratenen Volkes, das keine Substantiva kannte und die aberwitzigsten grammatikalische Konstrukte entwickeln musste, um einen banalen Sachverhalt wie "Über dem Fluss geht der Mond auf" sprachlich ausdrücken zu können. Ähnliches ereignet sich auch in meinem Streichquartett, wo vier gleichberechtigte Individuen aus einer extrem reduzierten Materialbasis eine neue Grammatik entwickeln und schließlich zu einer originären Sprache gelangen, mit einer eigentümlich spröden und zerbrechlichen Poesie.

Karlheinz Essl, 7.3.2001


in: Positionen. Beiträge zur Neuen Musik, hrsg. von Gisela Nauck, Nr. 47 "Titel" (Berlin 2001), S. 12. ISSN: 0941-4711.



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Updated: 6 Aug 2014