Portrait KHE

Elke Tschaikner

KLANG.RÄUME - Musik als und für Architektur

ZEITTON-Portrait Karlheinz Essl

30 Sep 2003
Österreichischer Rundfunk


Der Komponist und Elektronikmusiker Karlheinz Essl, seine Musik und seine veranstalterischen Tätigkeiten heute in einem ZEITTON-Portrait. Elke Tschaikner wünscht einen schönen, späten Abend.


à trois - seul (1997/98) für Violine, Viola und Violoncello
Uraufführung im Wiener Konzerthaus am 31.03.1998 durch das Orpheus Trio Wien


Der 1960 geborene Komponist und Computermusiker Karlheinz Essl studierte in der 1980er Jahren Komposition bei Friedrich Cerha und elektro-akustische Musik bei Dieter Kaufmann. Das Studium der Musikwissenschaft schloss Essl mit einer Dissertation ab über "Das Synthesedenken bei Anton Webern". Das abgebrochene Kontrabass-Studium zeugt vom nie bereuten Entschluss, "lieber ein guter Komponist als ein mittelmäßiger Orchestermusiker zu werden". Das Schaffen des Komponisten und Musikers reicht von auskomponierten Instrumentalwerken - soeben war ein kurzes Beispiel dafür zu hören (ein Teil aus à trois - seul, einer Komposition für das Orpheus Trio) - über Mischformen wie Kompositionen mit Live-Elektronik, bis zu Realtime-Kompositionen, Improvisationskonzepten, Klaninstallationen und Internet-Projekten. Das gleichzeitge Interesse für klassische Kompositionstechniken, angewandte Improvisation und die Möglichkeiten der Elektro-Akustik ist eine Konstante in der Biographie des Künstlers, die sich bis zu den ersten musikalischen Gehversuchen des Teenagers zurückverfolgen lässt.

KHE: Ich habe mich damals sehr stark mit Rockmusik beschäftigt und selber in Bands gespielt. Allerdings war das keine Rockmusik, die aus dem Rock'n'Roll herkommt, sondern von anderen Quellen gespesist wird. Das große Vorbild war eine Gruppe namens CAN, die in den späten 60er und frühen 70er Jahren in Köln existiert hat. Das Interessante dabei war, dass zwei Musiker davon [Irmin Schmidt und Holger Czukay] Studenten von Karlheinz Stockhausen bei den Darmstädter Ferienkursen waren. Dadurch wurde meine Interesse an Stockhausen geweckt. Ich habe mir mit etwa 14 Jahren die KONTAKTE (für Klavier, Schlagzeug und elektronische Klänge) gekauft in einer mittlerweiler legendären Schallplattenaufnahme - das war für mich ein totales Schockerlebnis, hat mich aber unheimlich beeindruckt, obwohl ich im Grunde natürlich nichts "verstanden" habe. Seit dieser Zeit - Mitte der 70er Jahre - rührt auch mein Interesse für elektronische Musik her. Ich habe damals auch Elektronik gebastelt und gelötet: ich habe mir kleine Schaltkreise gebaut mit Tongeneratoren und habe daraus so eine Art Synthesizer gemacht, die natürlich ganz einfach waren. Aber mit dem haben wir kräftig herumgequietscht und Aufnahmen gemacht, und dann mit zwei Kassettenrekordern quasi Multitrack-Recording simuliert - ein erster Anfang.

Ein Fundstück aus dem Jahre 1986 Orgue de Cologne. Es war die erste elektronische Komposition des damals 25jährigen Karlheinz Essl.

KHE: Ausgangsmaterial war ein tiefer Orgelakkord, den ich in der Evangelischen Kirche in Klosterneuburg aufgenommen hatte. Dieser wurde mit einem alten Brühl & Kjaer Terzbandfilter (ein Gerät, das in den 50er Jahren auch im Kölner WDR-Studio verwendet wurde) in 7 verschiedene Filterungen transformiert. Diese 7 verschiedenen Sounds wurden dann zufällig in verschiedene Längen geschnitten. Mit diesen Bandschnipseln bin ich dann durchs Studio [Institut für elektro-akustische Musik der Wiener Musikhochschule] gelaufen und habe Leute gebeten, Bandstückchen aus einem Hut zu ziehen, die dann in dieser zufälligen Reihenfolge zusammengeklebt wurden. Durch weitere Bandschnitte-Manipulationen und Zufallsoperationen entstand schließlich ein Stück, das diesen typischen Kölner Sound hat - deswegen auch der Titel "Orgue de Cologne".


Orgue de Cologne (1986) - tape music


KHE: Was mich seit meiner Teenagerzeit, wo ich als E-Gitarrist Rockmusik gespielt hatte, bis heute fasziniert ist die Erzeugung von psychischen Grenzzuständen mit Hilfe von Musik. Ekstase und Trance haben für mich immer eine gewisse Bedeutung gehabt als etwas, das ich auch mit musikalischen Mitteln zu erreichen versuche. Nicht im vordergründigen Sinn - Musik sollte eine Kraft entfalten, der man sich nicht entziehen kann, die einen vielleicht von innen her verändert oder neue Wahrnehmungen zeigt und sogar bis hin zur Ekstase führt. Das ist mir sehr wichtig in meinen letzten Arbeiten, die von diesen Vorstellungen geprägt ist; eine Musik, die aus einer spirituellen Kraft heraus kommt, uns ergreift und uns packt. Beeinflusst ist dies auch durch meine Beschäftigung mit Improvisation, wo ich oftmals die glückliche Erfahrung gemacht hatte, dass dabei Dinge passieren, die man als Komponist niemals notieren oder planen könnte. Daraus entstand in letzter Zeit ein starker Interesse an Grenzerfahrungsbereichen, die durch Musik ausgelöst werden können.

Ein Stück, dass in diesem Zusammenhang für mich ein wichtige Rolle spielt ist Sonnez la cloche!, das ich unlängst in Parma aufgeführt habe. Dieses Stück basiert auf einem ganz reduziertem Material: ein einzelner, isolierter Glockenschlag. Daraus entfaltet sich ein ganzer Kosmos - wie ein monolithischer Block, aus dem heraus eine Form gemeiselt wird. Das Stück hat sich über viele verschiedene Stationen weiterentwickelt und stellt so etwas wie einen Klangorgasmus dar.

Der Klangorgasmus "Sonnez la cloche!" ist ein ganz neues Werk aus dem Jahr 2003. Die folgende Aufnahme ist vor zwei Wochen in Parma entstanden, wo Karlheinz Essl beim Festival TRAIETTORIE im Teatro Farnese mit seinem Instrument, dem Laptop, gastierte.


Sonnez la cloche! (2002/2003) - realtime generated sound environment
Live-Mitschnitt vom Festival TRAIETTORIE 2003 im Teatro Farnese (Parma, 16 Sep 2003)


Im Gespräch mit Karlheinz Essl fällt immer wieder der Begriff Klang-Raum. Die vielen Interpretationsmöglichkeiten dieses Wortes sind ganz wichtig für sein kompositorisches Selbstverständnis. Also z.B. die Beschäftigung mit Architektur, auch im Rahmen der veranstalterischen Tätigkeit mit Musik im Raum und für bestimmte Räume. KLANG.RÄUME war auch das Thema, das Essl als "artist-in-residence" bei der heurigen Ausgabe der niederösterreichischen Serie musik aktuell als Motto ausgegeben hat. Aus dem Jahr 1995 stammt die Komposition Intervention - geschrieben für das RSO Wien und einen Raum, in dem sie allerdings nie erklungen ist.

KHE: Dieses Orchesterstück ist ein Paradebeispiel für Musik im Raum: ein Auftrag des RSO Wien anläßlich der 50-Jahr-Feier der Zweiten Republik. Die Uraufführung sollte damals aus der Säulenhalle des Parlamentes live im Radio übertragen werden im Zuge eines großen Festaktes. Alles war fertig: das Stück abgeschlossen, das Orchester und der Dirigent gebucht. Zwei Wochen vor der geplanten Aufführung wurde das ganze Projekt abgesagt, weil das Parlament im Zuge einer Regierungsumbildung überraschend aufgelöst wurde. Das Fest wurde abgesagt und bis zum heutigen Zeitpunkt nicht nachgeholt. Ein Stück, dass ursprünglich für 4 im Raum verteilte Orchestergruppen und einen unglaublichen Hallraum mit 12 Sekunden Nachhall komponiert worden ist, wurde im ORF-Studio aufgenommen und von Anton Reiniger als Tonmeister zusammengesetzt und mit künstlichem Nachhall versehen, um den ursprünglichen Raum zu simulieren. Diese Aufnahme hat später sogar den Preis der Österreichischen Tonmeistervereinigung gewonnen...


Intervention (1995) - für vier räumlich verteilte Orchestergruppen und Hallraum
RSO Wien, Dir. Olivier Cuendet


Seit vielen Jahren ist der Komponist und Musiker auch intensiv als Veranstalter tätig, und zwar im SCHÖMER-HAUS und in der Sammlung Essl in Klosterneuburg - also in den Häusern seines Vaters, des Kunstsammlers und Unternehmers Karlheinz Essl sen. In der Sammlung Essl kuratiert er ca. ein Konzert im Monat, im SCHÖMER-HAUS sind es im Schnitt vie große Projekte im Jahr.

KHE: Dazu kam ich wie die Jungfrau zum Kind. 1987 wurde von Heinz Tesar das SCHÖMER-HAUS in Klosterneuburg erbaut. Kurze Zeit später war Claudio Abbado im Haus, war von dem wunderbaren Raum sehr beeindruckt und hat mit beschwörender Stimme zu meinem Vater gesagt: "Diesen Raum müssen Sie der Neuen Musik zur Verfügung stellen!" Mein Vater hat dies sehr ernst genommen und mich gefragt, was man denn da machen könnte. Das war wie ein Sprung ins kalte Wasser: ich habe angefangen, ohne viel Erfahrung in diesem Bereich, als "learning by doing". Die Konzerte laufen mittlerweile schon über 15 Jahre, und damit erhält man natürlich gewisse Erfahrungen. Man lernt immer noch. Bei der Programmgestaltung kann ich mich als Komponist einbringen, auch wenn ich ganz bewusst keinen eigene Werke auf's Programm setze. Ich komponiere sozusagen Konzepte und Programme, ich spreche andere Komponisten oder Musiker an, entwickle gemeinsam mit Ihnen Gedanken. Oftmals sehe mich dabei auch als Coach, der Konzepte hinterfragt und versucht, Menschen in Dimensionen zu bringen, die sich jenseits des Gewohnten und Vertrauten befinden.

Bei der Konzertreihe react_chain_ in der Sammlung Essl hingegen interessieren mich eher die ephemeren Bereiche: Musik-Konzepte, die nicht notgedrungen auf Papier gebracht werden müssen, sondern vielmehr mit Situationen und Räumen arbeiten und mehr in einem Bereich jenseits der Komposition angesiedelt sind.

Nicht verschweigen möchte ich , dass ich durch die Tätigkeit als Veranstalter auch in den Genuss von Stücken komme, die ich sonst nicht hören würde. Ich bin seit vielen Jahren von der Idee besessen, das MANTRA von Stockhausen - dieses berühmte Stück für zwei Klaviere und Elektronik - in einer mustergültigen Aufführung ins SCHÖMER-HAUS zu bringen. Jetzt habe ich endlich die richtigen Musiker gefunden und auch den richtigen Tontechniker - den Leibtechniker von Stockhausen, Bryan Wolff - sodass wir das Stück 2005 machen können.

Die Kuratorentätigkeit ist also auch eine intensive Beschäftigung mit den Räumen, in denen Musik erlebt werden soll. Bei ex machina für Schlagwerk-Ensemble von Karlheinz Essl ist der komponierte Raum ein Thema: Die Interpreten spielen nicht auf einer Bühne, im Raum platziert.

KHE: "ex machina" ist natürlich eine Anspielung auf den "deus ex machina": der Moment in der barocken Dramaturgie, wenn, wo im Drama alles schief geht und plötzlich Gott auf den Plan tritt und die Situation rettet, indem ein großes Wunder geschieht. Angeregt wurde dieses Stück durch einen Besuch im neuen Tinguely-Museum in Basel, wo diese berühmten Maschinen ausgestellt sind, die mich sehr inspiriert haben: Zahnräder, die in verschiedenen Geschwindigkeiten laufen und sich dabei langsam selbst zerstören - das war dann auch die Grundidee von meinem Stück: 6 im Kreis um das Publikum aufgestellte Schlagzeuger, die Klänge in verschiedenen Geschwindigkeiten und Richtungen auf die Reise schicken, wodurch schließlich ein Zustand erreicht wird, der zur Auflösung dieser Maschine führt. Ganz am Schluss wird das Schlagzeug dann abgelöst von Klängen, die nicht aus dem nornmalen Schlagzeug-Instrumentarium stammen: Mundharmonikas, angeblasene Flaschen - das wird dann sehr Transzendent.


ex machina (2002) - für sechs im Kreis um das Publikum aufgestellte Schlagzeuger
Studio Percussion graz, Dir. Günter Meinhart


Am Ende dieser Sendung hören Sie nun noch ein Werk, das er für Garth Knox komponierte und gemeinsam mit ihm aufgeführt hat.

KHE: da braccio ist ein Auftrag von WIEN MODERN und den "Tagen für zeitgemäße Musik" in Bludenz, geschrieben für Garth Knox, den ehemaligen Bratschisten des Arditti Quartetts, der mittlerweile als international gefragter Solist tätig ist. Neben der Bratsche spielt er auch Viola d'amore, ein barockes Instrument, das er mit verschiedenen Tonabnehmern ausgerüstet hat. Es entstand so ein Stück, das weniger eine fixierte Kompositions darstellt als vielmehr eine Art "Klang- Environment". Es gibt darin einerseits vorgegebene Strukturen bzw. Spielmodelle, daneben auch ein von mir entwickeltes live-elektronisches Klangmodifikationssystem (das Garth selbst bedienen konnte) und schließlich einen eigenen Computerpart. In diesem Stück treten wir uns als gleichberechtigte Partner gegenüber, die sich innerhalb dieses "Environments" bewegen und gemeinsam improvisieren.


da braccio (1999/2000) - für Viola d'amore, Live-Elektronik und Computer
Garth Knox: Viola d'amore, Karlheinz Essl: Live-Elektronik



ORF

© 2003 by Österreichischer Rundfunk / Elke Tschaikner



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Updated: 9 Jul 2016