Portrait KHE

Wagneriana

Karlheinz Essl im Gespräch mit Rainer Elstner

Zeit-Ton Ö1, 20 Feb 2014



Karlheinz Essl: Es ist eine alte Wahrheit, dass einem die besten Dinge im Leben einfach geschenkt werden und einem zufallen. WAGNERIANA wäre nicht möglich gewesen ohne den Aufruf von Hans-Georg Nicklaus, zum 200. Geburtstags des großen deutschen Meisters eine Neubearbeitung des Walkürenritts zu wagen. Ich habe dies an meine Studierenden weitergegeben und sie ermutigt, sich daran zu beteiligen. Interessanterweise hat das aber niemanden interessiert. Dann kamen die Osterferien und ich habe mir gedacht, ich müsste ja in der Lage sein, so etwas innerhalb eines Tages zu schaffen. Ich habe aber bald gemerkt, dass das doch nicht so einfach ist, und habe einige Wochen dafür gebraucht. Dabei bin ich so richtig in dieses Stück hineingekippt, das ich eigentlich gar nicht so schätze. Die Gründe sind naheliegend: die merkwürdige Rezeptionsgeschichte des Walkürenritts - dafür kann Richard nichts... Seinem Werk habe ich mich in einer sehr respektlosen Weise genähert. Ich wollte es nicht affirmativ behandeln und dem ihm innewohnenden Pathos noch weiter steigern, sondern - ganz im Gegenteil - das Stück zu pulverisieren und aus diesem Pulverstaub neue Dinge entstehen zu lassen.

Rainer Elstner: WAGner DICH hieß die Aktion von Ö1. Das Publikum war aufgefordert, den Walkürenritt neu zu vertonen. Diese Programmidee von Hans-Georg Nicklaus wurde vor Kurzem mit dem Radiopreis für Erwachsenenbildung ausgezeichnet. - Mit seiner Art der musikalischen Dekonstruktion möchte Karlheinz Essl hinter Oberflächen blicken und musikalische Hintergründe freilegen.

KHE: Ich dekonstruiere Wagner nicht, um ihm etwas zuleide zu tun, sondern um draufzukommen, was in dieser Musiker hinter ihrer äußeren bombastischen Wirkung noch drinnen steckt.

RE: Können Sie und da einige Hörhinweise geben? Was sind das für Dinge, die Sie da entdeckt haben?

KHE: Mir ging es darum, das Stück sozusagen aus Atomen neu aufleben zu lassen. Mit verschiedenen technischen Methoden zerlege ich diese Musik in ihrer kleinsten Bestandteile und versuche diese Klangkörner hörbar zu machen. Wenn diese sehr kurz sind, haben sie keinerlei Information über Tonhöhe oder Harmonik - sie treten als unspezifische Pulse oder Knackser in Erscheinung. Durch Veränderung der Korngröße und der Verdichtung dieser "grains" kann ich mit ganz speziellen Methoden den Ausgangsklang immer mehr rekonstruieren. Es war sehr spannend, den Walkürenritt zunächst in seine einzelnen Klangbrösel zu zerteilen und dann mit Hilfe eines speziellen Computerprogramms, das ich dafür entwickelt habe, und einer Live-Steuerung diese Klangkörner in einem performativen Prozess zu größeren Gestalten zusammenzuführen.


Karlheinz Essl performing WalkürenWalk using a grand piano as a loudspeaker
University of Vienna, Institute for Musicology (22 Nov 2013)
Video: Simon Essl


RE: WalkürenWalk - eine elektronische Soundperformance von Karlheinz Essl. Herausgekommen auf seiner CD WAGNERIANA. Für diese Aufführung nutzt Karlheinz Essl eine Klangmaschine die auf Basis der Programmiersprache MaxMSP konstruiert ist und programmiert worden ist. Mittels Regler und Gesten kann Karlheinz Essl die Sounds direkt manipulieren.

KHE: Diese Engine dekonstruiert zunächst den Klang mit Mitteln der Granularsynthese und setzt ihn dann wieder neu zusammen. Mit Hilfe von statistischen Methoden - mit gesteuertem Zufall - die einzelnen Klangatome neu zusammenkombiniert werden. Dieser Verdichtungs- bzw. Auflösungsprozess läßt sich sehr fein parametrisieren. Damit kann ich den Ausgangsklang einerseits vollständig resynthetisieren, aber auch in seine kleinsten Teile zerreissen. Und gleichzeitig etwas sehr Schönes machen, nämlich im Klang verharren im Sinne eines sog. "freeze", der aber im Unterschied zu herkömmlichen Loop-Algorithmen keine Gefühl von Wiederholung erzeugt, sondern den Klang unendlich dehnen oder beschleunigen kann, ohne dass sich dabei die Tonhöhe ändert. Das ermöglicht zum Beispiel, einen ohnehin schon sehr ausladenden Wagnerklang in Zeitlupe abzuspielen, um in die einzelnen Schichten tiefer hineinhören zu können. Das hat etwas sehr Berührendes, wenn man mit diesen Methoden in den Klang eindringt.


Karlheinz Essl performing Tristan's Lament using a grand piano as a loudspeaker
University of Vienna, Institute for Musicology (22 Nov 2013)
Video: Simon Essl




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Updated: 7 Mar 2014