Portrait

Karlheinz Essl

12. Dezember 1983: Begegnung mit Anton Webern

Der Musikprofessor und Komponist experimenteller Musik berichtet von dem Tag, an dem er Anton Webern begegnete.


Foto: Ronnie Niedermeyer 2013

Foto © 2013 by Ronnie Niedermeyer


Als Claudio Abbado am 12. Dezember 1983 Anton Weberns Orchesterstücke op. 6 mit dem London Symphony Orchestra im Wiener Konzerthaus aufführte, hatte ich meine erste Begegnung mit seiner Musik. Wie ein Blitz hat sie mich getroffen und ein wahres Damaskuserlebnis ausgelöst. Ich hatte damals gerade mein Kompositionsstudium bei Friedrich Cerha begonnen, interessierte ich mich aber vornehmlich für Alte Musik und war besessen von kontrapunktischen Künsten. Der Neuen Musik stand ich eher ablehnend gegenüber, und von Computern und Elektronik wollte ich schon gar nichts wissen.

Weberns Musik in ihrer konzentrierten, sinnlichen Klarheit hat mich zutiefst erschüttert. Ich erkannte, dass ich kompositorisch von Neuem beginnen musste. In der Folge begann ich mich intensiv mit der Wiener Schule zu beschäftigen und dissertierte 1989 über Anton Webern. Parallel dazu setzte ich mich mit dem Serialismus auseinander und schrieb meine ersten Computerprogramme, die ich beim Komponieren einsetzte. Damit wurde ich 1997 bei den Salzburger Festspielen als Vertreter einer "Next Generation" präsentiert.

Danach fiel ich in ein tiefes Loch. Die Arbeitsteilung zwischen Komponisten und Ausführenden bereitete mir immer größere Probleme. Ich wollte - wie zuvor in meiner Zeit als Rock- und Jazzmusiker - wieder als Interpret auf der Bühne stehen und nicht länger in meiner Schreibstube vereinsamen. Die Zeit war gekommen, mich von meinem musikalischen Übervater zu befreien...

So begann ich, mein eigenes Computerinstrument für elektronische Musik zu entwickeln und verbrachte die folgenden Jahre damit, das Terrain zwischen Komposition und Improvisation, zwischen Elektronik und Instrumentalmusik, zwischen Konzert und Klanginstallation nach allen Richtungen hin auszuloten.

Schließlich fand ich eine befriedigende Balance zwischen Konstruktion und Spontaneität und lernte, meiner Intuition zu vertrauen. Dies führte mich wiederum zurück zur himmlischen Musik Anton Weberns, deren spiritueller Gehalt mir immer wichtiger wird.

© 2014 by Karlheinz Essl / DATUM Verlag GmbH


in: DATUM - Seiten der Zeit, 3/2014 (Wien 2014)



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Updated: 26 Nov 2014