Karl-Heinz Zarius

Karlheinz Essls Orgelstück unbestimmt

Eine Annäherung
2020


Auch in profanen Räumen haben Orgeln eine Aura des Geistlichen. Das Instrument scheint traditionell prädestiniert für spirituelle Botschaften - oder färbt die Rezeption geistlich ein. unbestimmt sieht nicht ausdrücklich einen Sakralraum als Aufführungsort vor, eine Orgelempore im Hintergrund einer Kirche kommt dem Werk aber durchaus entgegen, zumal bei einer mechanischen Orgel der Spieltisch nahe am Instrument steht und für das Publikum eher unsichtbar ist, was die konzentrierte Wahrnehmung von Klang und Raum unterstützt.

Der Höreindruck von unbestimmt vermittelt einen gleichmäßigen Klangfluss, ein bewegtes Kontinuum ohne scharfe Konturen und wechselnde Charaktere der Melodik, der Rhythmik, der Lage, des Tempos und der Dynamik. Aus dem einstimmigen Anfang wächst ein klingendes Feld zunehmender Dichte und Farbe bis hin zum strahlenden Oktavraum, der bei beendeter Luftzufuhr ins Unhörbare veratmet. Über dem Fundamentton bleibt der Klang ständig in Bewegung: Harmonische Spannungen, zarte Geräuschmixturen und schwebende Vibrationen changieren in fließendem Kommen und Gehen. Diesen instabil bewegten Klangeindruck bezeichnet der Titel unbestimmt.


World premier of unbestimmt, performed by Hiroe Imaizumi & Roman Summereder
Festival WIEN MODERN, 7 Nov 2020, St. Michael Vienna


Die Partitur und die Materialskizzen des Komponisten präzisieren den Höreindruck. Das Pedal-c des Beginns trägt als Orgelpunkt den gesamten Klangprozess von unbestimmt. Alle Tonwechsel in beiden Händen sollen legato gespielt werden. So entwickelt sich in der Auffächerung des Tonbestandes ein zunehmend differenzierter Flächenklang, dessen Ambitus sich kontinuierlich bis zur mehrfachen Oktav der letzten vier Takte erweitert. Die Schlussfermate ist durch das Abstellen des Orgelgebläses, das Verklingen und die folgende Stille definiert. Die sensibel schweifenden Konsonanz - Dissonanz - Mischungen werden durch den Orgelpunkt und Tonwiederholungen in den Liegeklängen der verschiedenen Manuale grundiert und balanciert und erscheinen als überraschende und gleichzeitig vertraute Valeurs eines feinen Farbspiels beweglicher Ruhe.


unbestimmt_harmonik

Materialskizze unbestimmt
© 2020 by Karlheinz Essl


Das Tonmaterial der Komposition - Fundus und ästhetischer Code in Einem - ist definiert durch eine speziell konzipierte Zwölftonreihe. Drei Dreitongruppen haben die gleiche Intervallstruktur: Ein Ganzton wird durch den ausgesparten Halbton ergänzt zu einer latent expressiven Seufzerchromatik, verbunden mit einer stabilen Ganztonfortschreitung:

c - d - des / e - fis - f / b - a - h

Die letzte Gruppe, aufgestockt um das c, lässt B-A-C-H ebenso anklingen wie die diatonische Lösung zum Grundton. Nur zweimal werden die Sekunden durch eine kleine und eine große Terz beredt unterbrochen. In zwei aszendenten und zwei deszendenten simultanen Permutationen strebt die Reihe in quasi pflanzlicher Organik zum oberen bzw. unteren Oktav-c, wobei sich Vierklänge vom Cluster bis zu weiten Prismen farbig entfalten.

Die Organisation des Tonmaterials von unbestimmt wird durch komplexe Registrierungsprozesse moduliert und transformiert, wodurch die Wirkung der Komposition wesentlich bestimmt wird: Während der gesamten Aufführung werden, zeitlich genau festgelegt, Register langsam herausgezogen und hineingeschoben. Dadurch wird bei einer Orgel mit mechanischer Traktur die Luftzufuhr zu den Pfeifen beeinflusst und damit zu einem zentralen künstlerischen Gestaltungsmoment von unbestimmt. Für die Verschiebung der Register sind in der Legende der Partitur folgende Positionen angegeben:

0: Register ganz geschlossen – kein Klang ist zu hören
1: Register leicht geöffnet – nur diffuses Rauschen hörbar
2: Register etwas mehr geöffnet – gefärbtes Rauschen
3: Register quasi halb gezogen – inharmonischer Mischklang aus Rauschen und Ton
4: Register fast ganz gezogen – instabiler Ton mit leichtem Geräuschanteil
5: Register ganz gezogen – klarer Ton

Nur in der Position 5 erscheinen die Töne ohne klangliche Modulation. Alle anderen Positionen färben den Klang geräuschhaft, machen ihn instabil oder bewirken in Verbindung mit anderen Tönen vibratoartige Schwebungen mit wechselnden Amplituden und Tempi. Die langsamen Bewegungen der Registermechanik produzieren vielfältige Übergänge. Diese Arbeit erfordert eine besondere vom Ohr gesteuerte motorische Sensibilität der Ausführenden.


Hiroe Imaizumi & Roman Summereder spielen unbestimmt
an der Sieber-Orgel der Wiener Michaelerkirche (7 Nov 2020)
Eine Aufführung im Rahmen von Orgel Modern des Festivals WIEN MODERN


Die Verbindung einer subtilen Orgelkomposition in traditioneller Toncharakteristik mit registrierungsbedingten Klangmodulationen wirft die Frage auf, ob diese Transformationen als dekonstruktiver Eingriff in der älteren avantgardistischen Praxis Mauricio Kagels oder Helmut Lachenmanns einzuschätzen sind, ob also unbestimmt die angestammte Ästhetik der Orgel kritisch in Frage stellt oder eher spezifisch erweitert. Es sei die These gewagt, dass Karlheinz Essl dem traditionellen akustischen Erscheinungsbild der Orgel eine eigenartige Mobilität, ein organisches Leben entlockt, ohne den Respekt vor dem Instrument und seiner Geschichte aufzukündigen. Die Registerfarben und -mixturen nehmen dem Klang alles Mechanische und nähern ihn der menschlichen Stimme mit ihren naturbedingten Modalitäten und Unschärfen an. Wie der Atem psychischen und physischen Einflüssen unterliegt, kann auch die Orgel ein empfindsames Pneuma ausstrahlen, das als Entsprechung zum alttestamentarischen Ruach ein theologisch-musikalisches Zentrum der Vokalkompositionen von Dieter Schnebel darstellt. Indem unbestimmt nicht pulsiert, entsteht ein fluktuierendes Zeitkontinuum, eine Meditation hinein in einen transzendenten Klangraum. Mehr geahnt als affirmativ behauptet oder überwältigend inszeniert bleiben dieser Klangraum und seine Metaphorik unbestimmt, vielleicht ein zaghaftes Gebet, das ausatmend nicht ins Nichts, sondern in die geistige Abstraktion mündet.

© 2020 by Karl-Heinz Zarius


Karl-Heinz Zarius, 1941 in Düsseldorf geboren und dort ansässig. Studium: Schulmusik, Violine, Komposition, Latein, Philosophie in Köln und Düsseldorf. 1977 - 2006 Professor für Allgemeine Musikerziehung an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, Standort Wuppertal. Daneben Schwerpunkt Neue Musik: 1970 - 2008 Zusammenarbeit mit Mauricio Kagel, 1978 Gründung und bis 2006 Leitung des Ensemble Transición Wuppertal für Neue Musik und Musiktheater, 1996 - 2011 Mitarbeit am Institut für Neue Musik und Musikerziehung Darmstadt. Publikationen, Kompositionen, Konzerte, Rundfunkproduktionen, Vermittlungsprojekte, Festivals, Kooperation mit Museen, Galerien, Theatern. Akzente: Cage, Kagel, Schnebel, Stockhausen, Wolff.



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Updated: 28 Dec 2020