Andrea Zschunke
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Akustische Kunst im Netz


(...) Eine andere ästhetische Position vertritt Karlheinz Essl, Komponist, Improvisationsmusiker und Computerverständiger. Seine sehr gepflegte Homepage, die dem kreativen Hirn eines Webmasters entsprungen sein könnte, ist eine vielgerühmte und beliebte Anlaufstelle der Online-Avantgarde, gleichwohl ist Essl ein entschiedener Verfechter der Live-Konzert-Situation.


O-Ton Karlheinz Essl: Für mich persönlich ist die Live-Performance und der Ort, wo sie passiert, eine wichtige Voraussetzung. Internet hat große Möglichkeiten, weil es eine Verbreitung hat, die Konzerte und Radio nicht haben. Und eine ganz spezielle Art von Ausdrucksästhetik. Wenn es aber jetzt wirklich um das Klangerlebnis geht, gilt für mich immer nur der Live-Event. Nicht einmal das CD-Hören. Das ist für mich immer nur eine Konserve, ein Abklatsch von etwas anderem. Für mich ist das Live-Situation, der Kontext, der Raum ganz ausschlaggebend.


Nach einer soziologischen Theorie hat es das Internet im übertragenen Sinne immer schon gegeben. Sie besagt, daß wir über maximal sechs gemeinsame Bekannte mit jedem beliebigen Menschen auf der Welt verknüpft sind - Sie und der Papst zum Beispiel. Derzeit läuft im neuen Magazin der ZEIT ein Experiment, das diese Behauptung überprüft.

Ein Global Village nur aus menschlichen Beziehungen gebaut und ganz ohne Glasfaserkabel - diese Sichtweise einer Vernetzung ist Karlheinz Essl sympathisch. Er verwendet das Netz zum großen Teil als Kommunikations- und Vertriebsinstrument seiner Ideen. In bestimmten Foren findet der Austausch mit anderen Musikern statt, der die kompositorische Arbeit begleitet und beeinflußt: Work-In-Progress. Die Öffnung des Elfenbeinturmes findet weltweit statt, erfahrbar ist sie jedoch nur durch wenige Gleichgesinnte. Eine kanalisierte Kommunikation, die durch das Internet neue Möglichkeiten erhalten hat.


O-Ton Karlheinz Essl: Wenn ich z.B. für das Performance-Projekt fLOW Sound-Files ins Internet stelle, sollen die Leute eine Idee von dem bekommen, was das Ganze einmal sein kann. Oder ich gebe den Musiker eine Idee, wie die Klänge beschaffen sind, auf die sie später reagieren müssen. Und da gibt es eine kleine Ebene, eben diese Kunst, die im kleinen intimen Bereich zwischen Computer und Benutzer stattfindet - "Kleinkunst" -, die den Betrachter auf einer gewissen Weise gefangen nimmt. Vielleicht nicht nur über das rein auditive, sondern über die Koppelung von Hören, Sehen, Lesen, daß eine Emergenz entsteht, daß man eintaucht in diese Erlebniswelt und darin aufgeht. Aber: ich kann nur anbieten, will nicht steuern.


Musikbeispiel 1:

Ausschnitt aus einer Solo-Live-Improvisation
von Karlheinz Essl mit m@ze°2 (3'04")


"Kleinkunst" im digitalen Zeitalter: Karlheinz Essl im Dialog mit der Maschine, ein Ausschnitt aus einer Improvisation auf einem, wie Essl es nennt, elektronischen Instrument: m@ze°2 - Modular Algorithmic Zound Enviroment - ein Computerprogramm, das in Echtzeit Klänge produziert. Dieses Projekt, ist in Essls Homepage nachzulesen, ist wie seine Vorgängerin, die interaktive Realtime Komposition Amazing Maze, ein weiterer Versuch, einen alten Traum zu verwirklichen: Der Traum von einer Musik, die sich selbst im Moment ihres Erklingens komponiert, die nicht nur eine Reproduktion eines bereits vorgefertigten Textes darstellt, die auf äußere Einflüsse reagiert und sich niemals selbst wiederholt.

Die Benutzoberfläche von m@ze°2 gibt Essl im Netz preis, nicht aber die dazugehörige Software - diese ist geschützt und dient dem Autor Karlheinz Essl als Instrument für Soloperformances und Improvisationen mit anderen Musikern.


Lexikon-Sonate

Anders die Lexikon-Sonate. Konzipiert als ein Strukturgenerator, als ein Computerprogramm, das mit Hilfe vorgegebener Algorithmen Klaviermusik erzeugen kann, ist die Lexikon-Sonate auch online öffentlich zugänglich, kann vom Benutzer heruntergeladen und als Kompositionsinstrument verwendet werden. Freilich setzt die Nutz- und Genießbarkeit der Lexikon-Sonate bestimmte Erfahrungen des Users voraus.


O-Ton Karlheinz Essl: Wenn ich jetzt ein Stück ins Internet stelle, das in Echtzeit Klaviermusik generiert, dann abstrahieren wir von diesem Klavierklang und konstruieren uns ein viertuelles Orchester. Dis jedoch braucht Erfahrung. Richtig genußvoll kann da allerdings nur rezipiert werden von einem, der sich mit der Musik seit Johann Sebastian Bach beschäftigt. (...)


Musikbeispiel 2:

Ausschnitt aus Karlheinz Essls Lexikon-Sonate (3'20")


Für echte Interaktivität sei Wissen und Erfahrung notwendig, so Karlheinz Essl, im Internet bestünde sie derzeit meist aus nur einigen Wahlmöglichkeiten, die letztlich die User zu Befehlsausführenden degradiere. Essl arbeitet derzeit - mit und durch das Internet - an Konzepten, die ihn als Schöpfer in den Hintergrund stellen und stattdessen die Musiker als eigenständige Persönlichkeiten am künstlerischen Produkt teilhaben lassen, Konzepte, die einerseits durch bestimmte Texte oder Graphiken für eine "kreative Verunsicherung" der Spieler sorgen, andererseits genügend Freiräume der Gestaltung lassen.


fLOW

fLOW heißt Essls aktuelles Performance-Projekt, realisierbar an den unterschiedlichsten Orten mit den unterschiedlichsten Musikern. Das Herzstück von fLOW ist eine in Echtzeit generierte Klanginstallation, die von den Improvisationen der Musiker nach vorher abgesprochenem Zeitplan quasi übermalt wird. Eine Realisation von fLOW hieß fLUMEN und fand im April dieses Jahres im Brucknerhaus Linz statt. Auf die 140minütige Ensemble-Performance konnten sich die Musiker per Mausklick vorbereiten, um dann miteinander Musik zu machen - ganz ohne elektronische Vernetzung.


Musikbeispiel 3:
Ausschnitt aus fLUMEN



© 1999 by Andrea Zschunke / Südwestfunk Baden-Baden


in: Radiosendung des Südwestfunks Baden-Baden, gesendet am Mo, 14.6.99



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Updated: 18 Sep 1999