Portrait

Karlheinz Essl

Die Zukunft der österreichischen Musik?

1996


Die Feierlichkeiten zum 1000jährigen Bestehen Österreichs bringen es mit sich, daß aller Orten nicht nur über die historische Bedeutung, sondern auch über die Zukunft unseres Landes und seiner Leistungen nachgedacht wird. Unter diesem Gesichtspunkt erlaube ich mir, einige persönliche Gedanken in den Raum zu stellen:

  1. Die Tendenz zur Globalisierung des politischen und künstlerischen Lebens wird sich weiterhin verstärken. Als Reaktion darauf wächst auf der anderen Seite die Ausbildung nationaler Biotope, die gerade von Seiten des Staates eifrig gehegt werden. Ich jedoch meine, daß diese Gegenbewegung den Künstlern mehr schadet als hilft, indem sie diese zunehmend vom internationalen Geschehen abschottet. In Zeiten der Postmoderne erscheint alles möglich: entweder wird sich das österreichische Musikleben soweit lokalisieren, daß es kaum mehr nach außen auszustrahlen vermag, oder es wird so international, daß das nationale Element keine Rolle mehr spielt.

  2. Ob in Zukunft das Etikett "Österreich" in der Musik noch als positives Markenzeichen gelten wird, wage ich zu bezweifeln. International gilt unser Land als Hochburg des 19. Jahrhunderts, indem es eine abgestorbene Kultur bis in unsere Tage hinübergerettet hat. Der Kult des Musealen ist bei uns zu einer unüberbietbaren Blüte gelangt. Wo sich andernorts der Aufbruch ins nächste Jahrtausend selbstbewußt durch architektonische Großleistungen präsentiert, werden solche Bestrebungen hierzulande unter einem falsch verstandenen Denkmalschutz abgewürgt; man verweist nur allzu gern auf die zu bewahrende Tradition. Doch ohne die Manifestation eines Aufbruchs - etwa eines seit vielen Jahren (leider erfolglos) lancierten "Hauses der Musik" - bleiben die mancherorts zur Schau gestellten Innovationsbestrebungen bloße Lippenbekenntnisse. Von einer glorreichen Vergangenheit allein kann das österreichische Musikleben in Zukunft nicht bestritten werden; ohne richtungsweisende Zeichensetzungen wird es früher oder später an Bedeutungslosigkeit zugrunde gehen.

  3. Einem österreichischen Komponisten bleibt es auch weiterhin nicht erspart, sich möglichst rasch außer Landes seine Sporen zu verdienen. Es ist nicht allein die geographische Enge, die einen dazu bringt, sein Betätigungsfeld zu vergrößern. Es erweist sich bald als zu klein, da die einzelnen Pfründe gut abgesteckt sind. Zudem finden Kontakte zwischen Komponisten und Musikern heute zunehmend auf globaler Ebene statt, als Begegnung zwischen den Kulturen. Hier sind es vor allem die digitalen Informationsnetze, die die nötige Infrastruktur, über alle Grenzen und Institutionen hinweg, zur Verfügung stellen. Der eigene Weg, abseits vorgegebener Bahnen, ist mühsam, aber lohnend. Denn im freien Diskurs der künstlerischen Kräfte spielen nationale Prägungen kein Rolle mehr - sie sind bloß eine weitere Façette im schillernden Gewand der Musik.

© 1996 by Karlheinz Essl


in: Die Zukunft der österreichischen Musik, hrsg. vom Österreichischen Musikrat anläßlich des österreichischen Milleniums sowie des 40jährigen Jubiläums des ÖMR (Doblinger: Wien 1996)



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Updated: 26 Dec 2005