Karlheinz Essl

Portrait KHE


AKZENTE 2004

Brucknerhaus Linz

Brucknerhaus Linz


Einleitung

Das Programm der AKZENTE 2004 thematisiert unterschiedliche Methoden, wie heutige Musik im Spannungsbereich zwischen spontaner Improvisation und präzis notierter Komposition entstehen kann.

Neben intimen Kammermusikwerken, die sich durch klangsinnliche Finessen auszeichnen, stehen raumgreifende Werke für Schlagzeug-Ensemble, welche die Hörer als intensives Klangkino erleben können. Daneben erwarten sie freie Improvisationen jenseits der Genres Avantgarde, Jazz und Elektronik sowie computergesteuerte Spielsysteme, in denen Musiker als Teil eines rückgekoppelten Systems agieren. Live-Elektronik, Räumlichkeit und Vielschichtigkeit des Klanges spielen in allen Konzerten eine entscheidende Rolle, wo auch der Computer als eigenständiges Instrument zum Einsatz kommen wird.

Die Rolle des Komponisten beschränkt sich nicht allein auf das Verfassen von Partituren; wie schon hunderte Jahre zuvor steht er zugleich auch als Performer auf der Bühne.

Dieses Programm, das in Zusammenarbeit mit exzeptionellen Musikerpersönlichkeiten und Ensembles entwickelt wurde, verspricht spannende und kulinarische Hörerlebnisse jenseits der überkommener Stilkategorien.

Karlheinz Essl (Januar 2003)


Konzerte


Mo, 19.04.2004
Die Nacht des Schlagzeugs
Studio Percussion graz

Groß- und kleinbesetzte Werke von Ives, Sciarrino, Hall und Essl für räumlich verteilte Schlagzeugensembles und Live-Elektronik, gespielt vom Ensemble Studio Percussion graz.

Teil I „small is beautiful“: 19.30 - 20.15

Salvatore Sciarrino: un fruscio lungo trent anni für 6 Schlagzeuger
Karlheinz Essl: Rudiments (1989) für 4 räumlich verteilte kleine Trommeln
Lukas Ligeti: Stroboscope für 4 Schlagzeuger (ÖE)

Teil II „space“: 20.45 - 21.30

Karlheinz Essl: ex machina (2003) für 6 um das Publikum aufgestellte Schlagzeuger
Larry Austin / Charles Ives: Life Pulse Prelude für 20 im Raum verteilte Schlagzeuger

Teil II „in & out“: 22.00 - 22.45

Karlheinz Essl: el-emen' (2004) für Schlagzeug-Solisten, Computer, Live-Elektronik und mehrkanalige Klangprojektion
Steve Reich: Drumming (2004) für 9 Schlagzeuger, 2 Stimmen und Pikkoloflöte


Oberösterreichische Nachrichten 21.04.2004

BRUCKNERHAUS: Die Nacht des Schlagzeugs
In den Raum komponiert

Dass räumliche Positionierung musikalischer Klänge ein zentrales künstlerisches Ziel sein kann, wussten bereits die Meister der Hochrenaissance. Seit den experimentellen Tagen der Neuen Musik ist dieses Konzept wieder von Interesse. So auch im ersten der drei von Karlheinz Essl programmierten Konzerte in Rahmen der Akzente-Reihe im Brucknerhaus. Mit dem Ensemble Studio Percussion Graz präsentierte er drei Blöcke einer spannenden Auswahl an zeitgenössischer Schlagzeugmusik.

Mit Salvatore Sciarrinos "Un fruscio lungo trent anni" gleich zu Beginn ein Stück dynamischer Extreme - vom fast nicht wahrnehmbaren Zweige-Rascheln bis hin zu gewaltigen Hammerschlägen. Den Raum durchmessend Essls Komposition Rudiments, in der kleine Trommeln die Klangfarbe des Trommelwirbels in einzelne Impulse auflösen. Weniger überzeugend gelang es Studio Percussion die schwierigen Abläufe in Lukas Ligetis "Stroboscope" zu entwirren.

Wieder Raumklang mit Essls ex machina, einer fast wienerisch verraunzten, zunächst im gemächlichen Dreiertakt dahinwurstelnden Maschine, deren sich zum Kollaps steigernden Geräusche von im Raum verteilten Schlagzeuggruppen zum Bersten gebracht wurden. Von Charles Ives war das "Life Pulse Prelude" für 20 Schlagzeuger zu erleben, die in 14 (!) unterschiedlichen Tempi faszinierende Endlosigkeit vorexerzierten.

Im von Günter Meinhart uraufgeführten Essl-Stück el-emen' begannen live produzierte Klänge analog zu chemischen Vorgängen durch ausgeklügelte Elektronik aufeinander zu reagieren. Trotz des langen Programms schaffte es das Publikum, sich noch für Steve Reichs Klassiker "Drumming" zu begeistern. (wruss)


Karlheinz Essl: el-emen (2004)
für Solo-Percussion und Live-Elektronik
Video-Ausschnitt von der Uraufführung
Brucknerhaus Linz, 19 Apr 2007



Mo, 26.04.2004
P.H.E.M
Polisoidis.Hollinetz.Essl.Mütter

Improvisationsensemble der besonderen Art zwischen hochkomplexer elektronischer Klangerzeugung und oft frappierend nahe liegenden rein akustischen Instrumenten. Eine lustvolle und offene Begegnung zeitgemäßer Elektronik mit (auch elektronisch verfremdeten) Streichinstrumenten und dem urtümlichsten aller Instrumente, der menschlichen Stimme (und deren analoger Verstärkung mittels Posaune bzw. Euphonium). Aus den Liveklängen der drei Instrumentalisten wird der Klangkünstler Klaus Hollinetz eine sich im Raum bewegende Klangskulptur schaffen.

Bertl Mütter: trombone, voice, euphonium
Dimitrios Polisoidis: viola, violin, electronics
Karlheinz Essl: computer, electronics
Klaus Hollinetz: sound projection


Oberösterreichische Nachrichten 28.04.2004

Echtzeit-Klangskulpturen

Dass Improvisation eine wichtige Funktion in der Ausdruckstiefe unserer Musik hat, und weit davon entfernt ist, anarchistisches Nichtskönnen zu vertuschen, bewiesen Dimitrios Polisoidis (Bratsche, Violine), Klaus Hollinetz (Klangprojektion) und Bertl Mütter (Posaune, Stimme, Euphonium), in Karheinz Essls AKZENTE-Reihe im Brucknerhaus.

Essl liebt Zahlenspiele und teilte jeden der drei Blöcke in je drei Solobeiträge, drei Duos in variabler Besetzung und drei klangvolle Trios, die den Rahmen für die Reise in einen unendlich vielfältigen Klangraum bildeten. So entwickelte sich das erste Duo zwischen Bratsche und Posaune zu einem filigran verschlungenen Dialog zweier fremder Klangsphären, der sich durch das feinnervige Reagieren der Protagonisten zu einem mitteilsamen, anregenden Diskurs wandelte. Essls Solo am Computer action rituelle operierte mit religiösen Musikpraktiken aus der ganzen Welt, die zu einem friedlichen Miteinander verschmolzen. Virtuos und mit orientalischen Elementen gespickt das Bratschensolo von Polisoidis, ebenso wie die den ganzen Körper unter Hochspannung zum Sprechen bringende Performance von Mütter ein Höhepunkt des Abends.

Hollinetz war der Meister der Klangregler, der die Klangbestandteile derart im Raum platzierte, dass tatsächlich lebendige Klangskulpturen entstanden.

Neues Volksblatt 28.04.2004

Überraschende Hörerlebnisse

Der zweite Abend der im Brucknerhaus laufenden Montag-Konzertreihe mit Karlheinz Essl brachte nach der "Nacht des Schlagzeugs" nun ein Improvisationskonzert, das im Titel "P.H.E.M" die Namen der Akteure verriet: "P" Dimitrios Polisoidis zauberte Rhythmen und Tonspiele aus seiner Viola und Violine, "H" Klaus Hollinet schickte die Musik seiner drei Kollegen mit seinem Klangprojektor mit gut situierten Verstärkern durch den Raum; als elektronischer Klangerzeuger agierte "E" Karlheinz Essl auf seinem präparierten Computer und "M" Bertl Mütter stand als Posaunist und Euphoniumspieler mitten im Geschehen und versuchte mit Blas-, Klopf- und Stimmgeräuschen sowie intensiven Körperbewegungen in den Improvisationsablauf einzugreifen. So entstanden aus eigens gestalteten Zuständen und Momentsituationen außerordentlich fantasievolle Hörerlebnisse. (grub)



Mo, 03.05.2004
Eine Reise durch Klang und Raum
Ensemble Recherche (Freiburg)

Sublime Kammermusik von Rihm, Murail, Pesson und Essl, garniert mit Live-Elektronik, gespielt vom legendären Ensemble Recherche aus Freiburg.

Karlheinz Essl: blur (2003) für Altflöte, Vibraphon and Violoncello
Wolfgang Rihm: 3 Vorspiele zu einer Insel (2003) für Flöte, Violine und Schlagzeug
Tristan Murail: Feuilles à travers les cloche (1992) für Flöte, Violine, Violoncello und Klavier
Karlheinz Essl: more or less (1999-2003) computergesteuerte Echtzeitkomposition für Flöte, Violoncello, Klavier, Schlagzeug und Computer & Live-Elektronik
Gérard Pesson: Bruissant divisé (1992) für Flöte und Violoncello

Oberösterreichische Nachrichten 05.05.2004

Blitzlichter an konturierten Tönen
BRUCKNERHAUS: Virtuoser Abend beendete Karlheinz Essls Akzente-Reihe

Musik am Puls der Zeit für einen weit gestreuten Publikumsgeschmack brachte der dritte und letzte Abend der Portraitkonzerte mit Karlheinz Essl im Rahmen der Akzente-Reihe im Brucknerhaus. Trotzdem: nur spärlich das Publikumsinteresse ( Lesen Sie dazu auch den Kommentar auf dieser Seite )

Das "ensemble recherche" aus Freiburg ist eines der führenden Ensembles Neuer Musik in Deutschland und genießt - was die umfassende Diskographie belegen mag - seit fast 20 Jahren auch höchste internationale Anerkennung.

Zu Beginn setzten sie mit "Bruissant divisé" von Gérard Pesson einen spannenden Kontrapunkt zwischen Violine und Cello, bei dem aus dem hektischen Streichen im Nichts, das mit dem Säuseln der Klimaanlage konkurrierte, Blitzlichter an konturierten Tönen herausstachen. Ebenso spannend dann die Uraufführung. Essls blur für Flöte, Cello und Schlagzeug spielt mit dem Nachhören soeben verklungener Laute und folgt in "traditioneller" Kompositionstechnik den wechselseitig nachahmbaren Klangvorstellungen nach, die wie Sumpfblüten irreale Schatten im nebeligen Raum hinterlassen.

Höchst gelungene Konzertreihe

Komplett anders strukturiert das zweite Essl-Stück des Abends. more or less arbeitet mit dem von Essl entwickelten gleichnamigen Computerprogramm, das jedem der fünf Musiker (Violine, Flöte, Cello, Klavier und Live-Elektronik) per Zufallsgenerator Spielanweisungen auf den das herkömmliche Notenblatt ersetzenden Laptop sendet.

Die Struktur und der emotionale Gehalt sind weitgehend fixiert, die Ausführung trotz alledem frei, wodurch eine zwar technisch gesteuerte, aber keinesfalls unmenschliche und klanglich sehr beeindruckende improvisierte Echtzeitkomposition entstand.

Zum Abschluss waren dann noch Wolfgang Rihms "Vorspiele zu einer Insel" erstmals in Österreich zu hören - Stücke, bei denen Violine und Flöte klanglich mit den auf unterschiedlichste Arten zum Schwingen gebrachten Becken verschmolzen.

Ein virtuoser Abend, der eine höchst gelungen konzipierte Konzertreihe abschloss. (Michael Wruss)


MANGELWAREN
Kommentar von Michael Wruss

Manchmal fragt man sich schon, weshalb renommierte Künstler höchst kreative Ideen entwickeln, hart proben, von weit her anreisen und... dann sitzen exakt neun Zuhörer im Publikum.

Gut, kann man meinen, "Neue Musik" sei nicht etwas für jedermann - nebenbei bemerkt - Mozart war auch nie für jedermann gedacht.

Doch gibt es in Linz an der neuen Bruckner-Universität und an diversen Musikschulen nicht auch viele Kompositionsklassen, deren Studenten eigentlich danach lechzen müssten, die neuesten Strömungen kennen zu lernen? Ihrer Inspiration dadurch neue Eingebungen zu verschaffen?

Aber vielleicht mangelt es auch an der geeigneten Öffentlichkeitsarbeit...


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Updated: 24 Sep 2008