Karlheinz Essl

Portrait KHE

>expanded voice<

Workshop für Stimme und Elektronik
Hochschule für Musik Mainz
1 - 6 Sep 2008


Im Rahmen des Singing Summer 2008 hat der Komponist Karlheinz Essl (Professor an der Musikuniversität Wien) in einem Kurs für SängerInnen und Komponisten die Möglichkeiten der Stimmerweiterung durch Live-Elektronik aufgezeigt und gemeinsam mit den TeilnehmerInnen bühnentaugliche Konzepte erarbeitet.

Dieses Workshop wurde von der Wiener Gesangsdozentin Margarete Jungen begleitet, die Standard-Werke mit erweiterter Stimmtechnik – wie Luciano Berio's Sequenza III mit den TeilnehmerInnen einstudierte. Die erarbeiteten Werke wurden am 05.09.2008 bei einem Abschlusskonzert in Mainz präsentiert.



Netzwerk Neuer Musik
Auszüge aus einer Radiosendung von Magdalene Melchers
Deutschlandfunk
2 Nov 2008


Peter Kiefer: Was ich ganz besonders wichtig finde ist, dass sich die Studierenden und KursteilnehmerInnen improvisatorisch der Neuen Musik näheren und auch mit den Neuen Technologien arbeiten können, ohne dabei gleich zum Programmierer zu werden. Und das ist wirklich etwas ganz Neues, dass wir live einen Laptop anschalten können und dort Stimmen verdoppeln, manipulieren, in den Raum schicken können - auf einmal singen 10 Leute - und der Sänger selber ist nicht darauf angewiesen, dass der Komponist da was macht, sondern kann selbst mit eingreifen und interagieren und sich ein Stück erarbeiten, dass nicht nur so mal improvisiert ist, sondern ein wirkliches strukturiertes Stück ist. Das sind wirklich neue Möglichkeiten, die haben wir noch gar nicht so lange!

Unter der Anleitung eines Experten für Elektronische Musik, von Karlheinz Essl aus Wien, entstanden Klänge und vor allem Klangerlebnisse, die Viele zuvor nicht erwartet hätten.

Peter Kiefer: Kollege Essl ist grad einer der einzigen international auf der Welt, die Workshops in dieser Art überhaupt geben kann. Er ist ein hervorragender Komponist für elektronische und instrumentale Musik und er hat fantastische Möglichkeiten, das zu vermitteln. Er ist aber auch so generös, dass er sagt, dass er seine Computerprogramme, die er "instruments" nennt, dann auch Leuten im Netz zur Verfügung stellt. Er sitzt nicht wie so ein alter Alchemist auf seinen Programmen und betrachtet sie als sein Eigentum, sonder ist da ganz offen und ermöglicht so den Sängern, damit auch weiterzuarbeiten.


Kathelijne Wagner & Karlheinz Essl: ESG-Kirche Mainz, 5 Sep 2008

Kathelijne Wagner & Karlheinz Essl bei der Uraufführung von Open Ogen für Stimme und Live-Elektronik
Abschlusskonzert des Workshops: ESG-Kirche Mainz, 5 Sep 2008


Karlheinz Essl: In Ihrem Stück Open Ogen verwendet Kathelijne Wagner einen holländischen Text als Ausgangsmaterial. Dafür habe ich ihr ein "Instrument" gebaut, das sie mit einem Stift bedient; sie benutzt dafür ein Zeichentablet, auf dem sie während ihrer Performance zeichnet, und dadurch verändert sie den Klang ihrer Stimme. Das kann sie alles ganz alleine machen.


Open ogen
een hartje van goud
een zuiver geweten
zorg dat je het behout

Ehrliche Augen
ein Herz aus Gold
ein reines Gewissen
sorg dafür, dass du das immer behältst


Kathelijne Wagner: Woher habe ich diesen Text gehabt? Es ist ein Gedicht, das mir meine Mutter beigebracht hat, weil die Leute früher immer wollten, dass ich ihnen auf Holländisch etwas ins Poesiealbum schreibe, weil ich eben aus Holland komme. Diese Gedicht ist mir nie verloren gegangen und es kam auf einmal hoch, als ich da gestanden habe und mit diesem Graphik-Pad arbeiten sollte.
Peter Kiefer: Man muss dann aber auch aufpassen, wenn man plötzlich mit dem Mikrofon arbeitet, dass man mit seiner Stimme nichts falsch macht und nichts schädigt, sondern ein gesichertes Umfeld schafft, indem man sich selber ausprobieren kann. Und dabei Seiten an sich entdecken kann, die man vorher nicht gekannt hat. Und das haben wir hier sehr eindrucksvoll erlebt: SängerInnen, die zum ersten Mal vor dem Mikrofon gestanden haben, noch ein bisschen schüchtern sind - und nach 10 Minuten geht's auf einmal richtig los, es öffnen sich die Räume, auch in den Menschen selber. Das ist ein fantastisches Erlebnis, wenn das gerade die Technologie möglich machen kann.
Kathelijne Wagner: Ich habe ganz neue Seiten an meiner Stimme kennen gelernt - wie ich ganz nasal singen kann, wie ich wie eine Hexe klingen kann, oder wenn ich mich ganz zurücknehme. Von daher habe ich jetzt eine Idee eines ganz erweiterten Spektrums meiner Stimme bekommen. Mal sehen, was ich damit anfangen kann, wenn ich jetzt wieder anfange, klassisch zu singen.


Das interessiert natürlich auch die Gesangsprofessorin von Kathelijne Wagner, Claudia Eder. In ihrem Workshop im Rahmen des Singing Summer standen das barocke Oratorium Jephte von Giacomo Carissimi auf dem Programm. Doch >expanded voice< zu hören, Stimmen, die vertraut sind mit Schubert-Liedern und Mozart-Arien, beeindruckte die renommierte Gesangspädagogin ausserordentlich.

Claudia Eder: Diese >expanded voice< waren für mich persönlich ein ganz besonderes Erlebnis, weil ich das in dieser Form so noch nie erlebt habe. Die Möglichkeiten, die da geschaffen werden - erstmal klanglich - fand ich sehr, sehr interessant. Das größte Erlebnis dieser Woche für mich war, dass junge SängerInnen, die sonst stocksteif stehen und ein Schubert-Lied mit starren Augen grad mal eben noch rüberbringen, sich hier in einer Form exponiert haben, wie sie das noch nie gemacht haben. Auf einmal bricht eine künstlerische Persönlichkeit raus, die ich noch nie erlebt habe. Und das war ganz fantastisch!


Den Leiter des Workshops >expanded voice<, Karlheinz Essl - Kompositionsprofessor an der Musikuniversität Wien - interessiert die Stimme aus vielfältigen Perspektiven. Für ihn bedeutet Gesang, sich auf verschiedenartige Anforderungen einzulassen...

Karlheinz Essl: ...vielleicht auf das Unwägebare, das nicht Kalkulierbare und auch dass die eigene Stimme, die einem so vertraut ist, plötzlich Dimensionen annimmt, die einem vielleicht manchmal in den Himmel oder auch in die Hölle führen. Das muss man aushalten können. Man muss auch wissen, dass alles wieder gut wird. Für mich ist das oftmals ein spirituelles Grenzerlebnis, in was für Tiefen und Höhen man gelangen kann, indem man seine eigene Stimme durch bestimmte Transformationsprozesse erweitert, dass sie eigentlich zu etwas anderem wird - nicht mehr Teil von einem selbst, sondern etwas - Ausserirdisches.


Almerija Delic: ESG-Kirche Mainz, 5 Sep 2008

Almerija Delic bei der Aufführung von inside/out für Stimme und Live-Elektronik
Abschlusskonzert des Workshops: ESG-Kirche Mainz, 5 Sep 2008


Karlheinz Essl: Ich freue mich auch über Leute wie Almerija Delic, die eine super-tolle Opernstimme haben und zugleich eine Offenheit, sich mit anderen Sachen zu beschäftigen. Und dies nicht nur gerne tun wollen, sondern auch können! Das ist etwas ganz Besonderes...
Almerija Delic: Auch für die Klassik ist das wichtig, wenn man die Grenzen seiner Stimme kennenlernt und diese Grenzen überschreitet.
Karlheinz Essl: Mich interessiert die menschliche Stimme also solches, mit und ohne Elektronik, und die Persönlichkeiten, die dahinter stehen. Vor allem interessiert mich die Stimme abseits dessen, was man heute auf den Hochschulen lernt - den Regelkanon des "Bel Canto", der sich seit einigen Jahrhunderten ausformuliert hat, wo Stimmen ganz bestimmte Eigenschaften und Qualitäten haben müssen, die man auch trainieren kann. Vielmehr aber interessiert mich das Überschreiten dieses Kanons.


Beim Singing Summer in Mainz begleitete die Mezzosporanistin Margarete Jungen den Workshop und begeisterte im Abschlusskonzert das Publikum mit der Komposition Sequitur IX für Stimme und Live-Elektronik von Karlheinz Essl:


Sequitur IX (2008) for voice and live-electronics
Margarete Jungen: mezzo soprano / Karlheinz Essl: live-electronics



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Updated: 10 Aug 2015