Evangelische Kirche Klosterneuburg  

KREUZUNGEN

Klangräume für Barockorgel, Kirchenglocken, Computer und Live-Elektronik
Eine Veranstaltung des Festivals musik aktuell

Sat, 29 Mar 2003, 19:30
Evangelische Kirche Klosterneuburg
Franz Rumplerstr. 14, 3400 Klosterneuburg
Tel: 02243-324 11


Programm:

Klaus Lang: Improvisation für Orgel solo
Klaus Lang / Karlheinz Essl: Duo für Barockorgel und Computer
Karlheinz Essl: Sonnez la cloche! (2002) für Computer, Live-Elektronik und Kirchenglocken


Dieses Konzert, das in der von Heinz Tesar erbauten Evangelischen Kirche in Klosterneuburg stattfindet, steht - nicht nur wegen seiner zeitlichen Nähe zu Ostern - ganz im Zeichen des Kreuzes. Neben Computer und Live-Elektronik spielen an diesem Abend Orgel und Glocken die Hauptrollen: beides uralte Instrumente voller Geschichte, die aber ein äußerst unterschiedliches Klangverhalten an den Tag legen. Der archetypische Klang der Orgel ist obertonarm und kann (theoretisch) unendlich lange dauern. Man könnte ihn demnach - trägt man in einem Diagramm die Zeit gegen das Obertonspektrum auf - als horizontale Linie auffassen. Der Glockenklang hingegen ist kurz: nach dem Anschlag klingt er rasch ab, weist aber ein unglaublich reiches harmonisches Sprektrum auf. Man könnte ihn demnach quasi als vertikale Linie darstellen.

Horizontale (Orgel) und Vertikale (Glocke) bilden zusammen ein Kreuz: an dieser KREUZUNG findet die erste Begegnung zwischen den beiden Komponisten und Performern Klaus Lang (Orgel) und Karlheinz Essl (Computer und Live-Elektronik) statt.

KREUZUNG bedeutet aber noch etwas anderes: die Verschmelzung von verschiedenen genetischen Materialien und das Entstehen von neuen Arten. Solche hybrides Gebilde enstehen zuhauf in der Begegnung zwischen den entgegengesetzten Klangwelten von Barockorgel und Computer: die Orgel als analoges Instrument per se, das allerdings von Klaus Lang durch Anwendung von halbgezogenen Registern, halb gedrückten Tasten und Clustertechnik völlig gegen den Strich gespielt wird und dadurch einen abstrakten Klang erhält, der mehr an Elektronische Musik als an Kirchenorgel denken lässt. Ähnliches findet auch von der digitalen Gegenseite statt, wenn Karlheinz Essl selbstentwickeltes Computerinstrument m@ze°2 so gar nicht nach "Elektronik" klingt, sondern eher instrumentale Klangqualitäten aufweist.

Überlagert sind diese vielfältigen KREUZUNGEN durch einen teleologischen Prozess: der Abend beginnt mit einem Orgelsolo von Klaus Lang. Danach entfaltet sich eine Improvisation zwischen Karlheinz Essl (Computer) und Klaus Lang (Barockorgel). Den Abschluss findet der Abend in Karlheinz Essl's Computerperformance Sonnez la cloche!, in dessen Verlauf auch die realen Glocken der Evangelischen Kirche zum Einsatz kommen.


Klaus Lang   Klaus Lang: geboren 1971. Studierte Komposition, Musiktheorie und Orgel an der Musikhochschule in Graz. Weitere Studien bei Beat Furrer, Peter Michael Hamel und Younghi Pagh-Paan. 1996 - 1999 Lehrbeauftragter für Musiktheorie an der Grazer Musikhochschule. Lebt seit 1999 als freischaffender Komponist in Berlin.

Karlheinz Essl   Karlheinz Essl: geboren 1960 in Wien. Studierte dort Musikwissenschaft sowie Komposition bei Friedrich Cerha. Unterrichtet Computer Aided Composition in Linz. Arbeitet als Komponist, Medienkünstler und Musikkurator. Tritt als Elektronik-Improvisator in Erscheinung.


Kritik

Mit offenen Ohren
musik aktuell / Die Veranstaltungen des Festivals für Neue Musik bieten faszinierende Hörerfahrungen jenseits gewohnter Bahnen
in: NÖN Klosterneuburg, 2.4.2003 (Ewald Baringer)

Wie eine Barockorgel klingt, meint bald jemand zu wissen. Wie sie noch klingen kann, demonstrierte Klaus Lang in der Evangelischen Kirche beim "musik aktuell"-Konzert unter dem vielschichtigen Motto KREUZUNGEN. Nach einer einleitenden Soloimprovisation mischte sich fast unmerklich Karlheinz Essl mit dem m@ze°2-Computer hinzu, um - nach ebenso unmerklichem Übergang - den Abend mit "Sonnez la cloche!" im wahrsten Sinne des Wortes auszuläuten. Für das Publikum eine faszinierende Hörerfahrung, zugleich eine spannende Entdeckungsfahrt in die Tiefen und Weiten des Unterbewusstseins, in die Schichten der Klänge und Teiltöne, meditativ und energiegeladen, frei nach dem Bonmot "Open your ears, your mind will follow."

Eine eruptive Begegnung fand da statt zwischen zwei kongenialen Musikern, die einander und den ZuhörerInnen eindrucksvolle Klangräume erschlossen, die sich ihrerseits im stimmigen Innenraum der Kirche wunderbar entfalten konnten.



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Updated: 4 Jan 2007