Karlheinz Essl

Gold.Berg.Werk

Reviews on the CD release


Karlheinz Essl: CD Gold.Berg.Werk



Bach in zeitgenössischem Gewand (Stefan Drees)
Goldberg-Variationen von J. S. Bach für Streichtrio und Live-Elektronik von Karlheinz Essl
in: klassik.com (22 Aug 2008)
Reprint: DIE TONKUNST, Oktober 2008, Nr. 4, Jg. 2 (2008), ISSN: 1863-3536

  Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Bach in zeitgenössischem Gewand

Wer sich schon einmal mit der Rolle des Computers im zeitgenössischen Musikschaffen befasst hatte, dürfte seinen Namen schon einmal gehört haben: Karlheinz Essl, 1960 geborener Komponist, Performer und Entwickler, gehört zu den Pionieren auf dem Gebiet der Computermusik. Was für viele auch heute immer noch ungewohnt sein mag, wird von Essl seit den Neunzigerjahren kontinuierlich praktiziert und weiterentwickelt: die Benutzung des Computers als Werkzeug während des Kompositionsprozesses sowie die Verwendung des computerbasierten Metainstruments m@ze°2 bei Aufführungen und Performances. Ein Blick auf die eindrucksvolle Website des Österreichers (www.essl.at) lässt wichtige Einblicke in diese Arbeit und ihre theoretischen Fundamente zu; eine CD von Preiser Records vermittelt darüber hinaus das Ergebnis eines aktuellen, im Mai 2003 uraufgeführten Projekts mit dem klangvollen Namen ‚Gold.Berg.Werk’, im Untertitel exemplifiziert als ‚eine Interpretation der Goldberg-Variationen BWV 988 von Johann Sebastian Bach für Streichtrio und Live-Elektronik’.

Modifikation der Vorlage

Konkret setzt Essl hier nicht etwa an Bach selbst, sondern – beauftragt von den Musikern des Orpheus Trios (Christina Neubauer, Violine; Martin Kraushofer, Viola; Eva Landkammer, Violoncello) – an der von Dimitry Sitkovetsky erstellten Streichtrio-Bearbeitung der Goldberg-Variationen an. Obgleich diese mehr und mehr im Konzertsaal zu hören und mittlerweile auch auf CD erhältlich sind, erweisen sie sich im Hinblick auf ihre Faktur als höchst problematische Transkription des Originals. Denn allzu offensichtlich verrät ihre Machart, dass hier jemand Hand angelegt hat, der ein prominentes Werk zwecks Repertoireerweiterung umzugestalten suchte, ohne sich indessen im geringsten um die unterschiedlichen Erfordernisse von Tasteninstrument und Streichern Gedanken zu machen. Die Konsequenz hiervon ist, dass gerade Bachs Variationen im Toccatenstil, die sich stark an den spieltechnischen Möglichkeiten eines zweimanualigen Cembalos orientieren, in Sitkovetskys Übertragung überhaupt nicht funktionieren und sich als höchst fragwürdig erweisen.

Essl begegnet diesem Umstand mit dem Mut zur Lücke, streicht die entsprechenden Teile (Variationen 1, 5, 8, 11, 14, 17, 20, 23, 26, 28 und 29) aus dem Kontext der Trioversion und fasst die verbleibenden 19 Variationen unter jeweils zwei mal zwei thematischen Blöcken als ‚Charaktervariationen I’ (Variationen 2, 4, 7, 10 und 13), ‚Canones I’ (Variationen 3, 6, 9, 12 und 15), ‚Charaktervariationen II’ (Variationen 16, 19, 22 und 25) und ‚Canones II’ (Variationen 18, 21, 24, 27 und 30) zusammen. Diese neue, im Vergleich zur ursprünglichen Form der ‚Goldberg-Variationen’ ungewöhnliche Anordnung der Einzelteile, umrahmt von der eröffnenden und schließenden ‚Aria’, gliedert er nun, die strenge Symmetrie des originalen Gesamtaufbaus wahrend, mit insgesamt fünf neu komponierten Teilen (‚Aria Electronica I’, ‚Sarabanda Electronica’, ‚Aria Electronica II’, ‚Fantasia Chromatica Electronica’, ‚Aria Electronica III’), so dass sich letzten Endes eine alternierende Abfolge von Abschnitten mit Streichtrio und Live-Elektronik ergibt.

Musikalisches Ergebnis

Durch diese Eingriffe schafft Essl zwei zeitlich voneinander getrennte Klangräume, die zwar musikalisch zusammenhängen und sich gegenseitig kommentieren, ohne sich aber jemals klanglich zu vermischen. Ausgangspunkt für die in drei Variationen auftauchende ‚Aria Electronica’ ist ein aus der originalen ‚Aria’ abgeleitetes, in langsamen Viertelbewegungen fortschreitendes harmonisches Gerüst aus Streicherklängen, das durch Anwendung von m@ze°2 in Echtzeit während der Aufführung modifiziert wird (und daher auch wie jeder Notentext in gewissen Grenzen jedes Mal anders klingen kann). Essl spinnt dadurch den Bachschen Variationsgedanken auf einer anderen Ebene weiter, wie er auch in den beiden übrigen elektronischen Teilen variierend auf Materialien der jeweils zuvor erklingenden Variationen – nämlich auf den Sarabande-Charakter von Variation 13 und die chromatische Kontrapunktik von Variation 25 – zurückgreift. Indem er zudem die Lautsprecher vom Streicherensemble weg versetzt, vermittelt er den Eindruck von räumlicher Nähe und Ferne dieser unterschiedlichen Klangräume.

Das auf CD gebannte Ergebnis ist faszinierend, vermittelt einen ganz neuen Eindruck von Bachs Komposition und ist vor allem in seiner Gesamtheit viel schlüssiger als Sitkovetskys ungenügende 1:1-Transkription. Die drei Streicher finden sich sehr gut in den Variationsblöcken zurecht und reagieren – unter Verzicht auf eine barockisierende Vortragsweise – mit sehr transparenter Klanglichkeit auf die so andersartigen Farbwerte der veränderten Abfolge. Essls live-elektronische Teile fesseln durch den Beziehungsreichtum, mit dem sie auf die Streicherebene reagieren, während sie zugleich weit darüber hinausgehen, indem sie ein neues klanglich-musikalisches Gewebe generieren. Hier ist eine sehr ernsthafte und vor allem zeitgemäße Auseinandersetzung mit Bachs ‚Goldberg-Variationen’ entstanden, unterstrichen durch einen ausführlichen Booklet-Kommentar, in dem Essl seine Arbeitsprinzipien detailliert erläutert. Und als Zugabe enthält die CD einen viereinhalbminütigen Videoclip, entstanden anlässlich der Aufnahme von ‚Gold.Berg.Werk’ im Casino Baumgarten Wien, der anhand der ‚Aria’ verdeutlicht, wie Triopart und elektronische Variation miteinander in Beziehung stehen.



Neue Klänge zu alter Musik (Frank Kämpfer)
Werke von Georg Kröll, Michael Villmow, Karlheinz Essl
in: Deutschlandfunk (30 Nov 2008)

Die dritte und letzte neue CD, die ich Ihnen heute anspielen will, führt zurück zu Johann Sebastian Bach. Zugrunde liegen Bach berühmte Goldberg-Variationen, die in Dmitriy Sitkovetskys Bearbeitung ein Wiener Streichtrio spielt. Hier interessieren elektroakustische Bearbeitungen, für die der Wiener Elektroniker Karlheinz Essl einsteht. Essl, Jahrgang 1960, Schüler von Friedrich Cerha und Dieter Kaufmann, analysierte Bachs Werk, reduzierte es auf sein harmonisches Gerüst und lies dieses im Studio aufnehmen. Mit dem so gewonnenen Material begann Essl live-elektronisch zu improvisieren. Bachs Variationskonzept galt es, in klanglichen Bereichen weiter zu denken. Die so entstandenen drei Arie Electronice und zwei elektronischen Variationen führen in eine gänzlich andere, faszinierende Klangwelt, in der zeitliche Dehnungen, Obertonstrukturen, Flageolettklänge und elektronische Sounds vorherrschend sind.

Um seine Ergebnisse darzustellen, entschied sich Essl, Bachs Original und seine elektroakustische Lesart streng voneinander zu trennen. Das Streichtrio hatte demnach frontal vor dem Publikum zu agieren, während die elektronischen Klänge aus dem Notebook zunächst den Weg zur Kirchendecke und hernach erst von oben herab zum Publikum nahmen. Auch auf der in 2008 bei Preiser Records erschienenen CD Gold.Berg.Werk sind die zwei musikalischen Sphären klar unterscheidbar, wie das abschließende Hörbeispiel anschaulich zeigt.



Gold.Berg.Werk (Karsten Zimalla)
in: WESTZEIT (1 Feb 2009)

Bachs Goldberg-Variationen kennen wohl selbst Klassik-Muffel. Der österreichische Klangkünstler Essl verwandte für sein Experiment aber nicht den Cembalo- oder Klaviersatz, sondern die Transkription für Streichtrio von Dmitri Sitkowetzki. Die vom Trio gespielten Klänge editiert er (gerne auch live) im Powerbook und stellt dann der (hier betörend schön eingespielten) Streicherfassung eine Spiegelung/Entgegnung/Neudeutung zur Seite, die Bachs Strukturen mit neuen Klangfarben ausfüllt. Die Entscheidung, die barocke und die elektronische Klangwelt auch auf der CD konsequent zu trennen und den 19 "klassischen" Variationen 5 "moderne" gegenüberzustellen, führt zu hochspannenden Konfrontationen von (zeitlicher) Nähe und Ferne.



Gold.Berg.Werk (Carsten Fastner)
in: FALTER 32/2008 (6 Aug 2008)

Trotz allem nicht zu verkennen ist Bach auch auf „Gold.Berg.Werk“ (Preisser), einem Projekt des Wiener Elektronikers Karlheinz Essl mit dem Orpheus Trio: Eine Transkription der „Goldberg-Variationen“ für Streichtrio (D. Sitkovetsky) wird hier mit mathematisch durchargumentierten, musikalisch irritierenden elektronischen Einschüben und Nachklängen unterbrochen.

Auch wenn Essl Bachs ewige Modernität nicht infrage stellen möchte, muss offenbleiben, wie der Alte auf diese Intervention reagiert hätte.


Gold.Berg.Werk (Jeff Kaiser)
in: Jeff Kaiser Blogspot (10 Aug 2008)

Those of you who've known me a while, are familiar with my obsession with Bach's Goldberg Variations, and yes, particularly Glenn Gould's interpretations.

Karlheinz Essl, a compatriot of the Max/MSP community, recently recorded a version of the Goldberg Variations based on an existing string trio arrangement. Essl uses his Max/MSP rig, with a large dose granular synthesis, to create a choral-like call-and-response with the trio. I find it quite beautiful. Here is an excerpt from YouTube:


Gold.Berg.Werk (James Manheim)
in: allmusic (2009)

The large number of experiments inspired by Bach's Goldberg Variations, BWV 988, perhaps reaches its apogee in this Austrian recording (although no doubt someone will find a way to outdo it). It is the stable bass line of the variations that stimulates this kind of thinking: no matter how far the musicians get from the original, they can remain linked to it by that bass line. This Gold.Berg.Werk is packed with ideas that may at times interfere with one another, but you never lose track of what's going on. The chief problem is that programmer Karlheinz Essl does not perform his "electronic interventions" on Bach's music itself, but on another intervening layer: the arrangement of the work for string trio by Russian composer/performer Dmitry Sitkovetsky, which has been recorded by several other ensembles. Then Essl rearranges the variations. He groups them into canons, character variations, and harpsichordistic variations (corresponding to Ralph Kirkpatrick's traditional classification consisting of canons, genre pieces, and arabesques). Instead of performing the variations in sequence, he offers two sets of character variations and two sets of canons, in alternation. The harpsichordistic variations are simply eliminated. After the initial Aria, before its final reprise, and in between each group of variations comes an electronic intervention, variously designated as an "aria electronica," "sarabanda electronica," or "fantasia chromatica electronica." Each of these matches Bach's harmonic structure, but is in more or less free rhythm, and each seems to take off, in some cases without a pause, from the variation leading into it. If this was all not enough, the booklet instructs you in such concepts as the dialectic between nearness and distance, and on top of all this there is a video segment depicting the recording of the work. It's hard to pin down a principle that ties it all together beyond sheer speculation, which is here in abundance for those who like it.


Essl mit Bach in der Maschinenhalle (Leo Lugmayr)
in: NÖN (2.11.2011)

WAIDHOFEN. Ihre Funktion hat die Filterbauhalle längst eingebüßt. Die Inhaber der daraus erwachsenen Firma „duomet“ haben im Wirtschaftspark Ybbstal „das Weite“ gesucht.

Ein letztes Mal war der ausgehöhlte Komplex Bühne für Produktivität: musikalisches Schaffen. Und siehe da: Die Ästhetik der leer geräumten Maschinenhalle machte Staunen, die Akustik überraschte Skeptiker.

Auf Einladung der „duomet“-Geschäftsführer Willibald Hilbinger und Harald Schnetzinger adaptierte „Projekt:natur“-Inten dant Mag. Thomas Bieber den kargen Raum für eine Inszenierung des „Gold.Berg.Werks“. Ein Stück, das nach der Vorstellung des Komponisten und Friedrich-Cerha-Schülers Karlheinz Essl gerade in industriellem Ambiente wohl platziert ist.

Zwischen den neu arrangierten Sätzen von Bachs „Goldberg- Variationen“ spannte Essl elektronische Klangbrücken, deren Tragfähigkeit Klassik und Moderne passieren ließ, und deren Elastizität das Streichertrio „ein. klang.wien“ mit der suggestiven Kraft des Essl-Sphärenklangs zusammenführte. Sorgsam ummantelte Essl die wogende Kammermusikalität mit schwebenden Klangprojektionen, die sich in die Sparren des Dachstuhls einzunisten schienen.


Quer Bach (Mirjam Jessa)
in: Radio Ö1 (29.01.2015)

Karlheinz Essls Aria Electronica III - das Finale aus seinem Gold.Berg.Werk: Eine faszinierende Erkundung der Goldberg-Variationen mit Streichtrio und Elektronik. Die elektronischen Interventionen hat Karlheinz Essl selbstverständlich bei den Aufführungen stets live selbst gespielt, zusammen mit dem Trio Christine Neubauer (Violine), Martin Kraushofer (Bratsche) und Eva Landkammer (Cello).



Home Works Sounds Records Bibliography Concerts


Updated: 30 Jan 2015