Karlheinz Essl

In Girum. Imus. Nocte

for large orchestra
1991



Im Konzertsaal - Musikprotokoll 1991 (Lothar Knessl)
in: Ö1 (Sendung vom 14.10.1991)

Essl Musikdenken bewegt sich in durchaus strukturellen Bahnen, wobei er den aus heutiger Sicht zu definierenden Chaos-Begriff mitunter zum Ansatz musikalischer Entwicklungen nimmt. Essl beschäftigt sich auch mit computergenerierter Musik. Zwar hegt er, wie er kürzlich formulierte, ein gewisses Misstrauen gegenüber dem Computer, benützt ihn aber doch für Grundlagenmaterialien. Etwa für das Errechnen von Zeitstrukturen oder für gewisse musikalische Basissituationen, aus denen er dann Klangfelder und anderes mehr erarbeitet.

Sein am vergangenen Freitag abend uraufgeführtes Stück für großes Orchester heißt „In Girum. Imus. Nocte”. Diese lateinischen Worte sind ein Palindrom von „et consumimur igni”; das heißt: „wir werden vom Feuer verschlungen”. Diesen Titel verwendete Essl für ein 1989/90 geschriebenes Stück, das sich durch drei verteilt postierte Ensemblegruppen im Raum artikuliert. Jetzt also gleichsam das Spiegelbild davon, einem großen Klangkörper übertragen. Der Titel lautet nun zu deutsch in etwa „wir irren des Nachts umher” womit das Motto des heurigen Musikprotokolls angesprochen ist - nämlich die Nacht. Ein im Grunde recht ergiebiges Motto, da ja heutzutage wieder eine erstaunlich Menge an Nachtstücken entsteht oder kürzlich entstanden ist. Was darauf schließen lässt, dass das Komponieren nicht nur in ausgeklügelter Ordnung wurzelt, sondern auch Nachtbild-Erinnerungen wieder erweckt, Nachtträume klanglich umsetzt, jedenfalls also zulässt, dass Imagination auch aus dem Unbewussten oder dem Unterbewusstsein kommt. Kreativität aus dem Chaos, sozusagen - im kompositorischen Prozess ans Licht mannigfacher Ordnungen gelangend.

Zurück zu Essls „In Girum. Imus. Nocte”. Drei Stadien von Entwicklungen. Exposition des undurchschaubar verflochtenen Materials, dann variatives Ordnen desselben, schließlich dessen Etablierung oder Festsetzung. Oder anders gesagt: Beginn in dunklen Zonen, Verunsicherung durch das Schlagwerk, kreuz und quer wandernde Phrasen und Floskeln. Ein Abtasten des Klangraums. Später lichtet sich das Bild und schließlich scheint es, als könnten sich homogenere Klangfamilien behaupten.


Viele neue Nachtmusiken (Wolfgang Fuhrmann)
in: Der Standard (Wien, 14.10.1991)

Für die Tagesverfassung des "ORF-Symphonieorchesters" dagegen ließen sich weniger druckfähige Vokabeln finden. Daß die Uraufführung von Karlheinz Essl's In Girum. Imus. Nocte völlig verzerrt geriet, ist allerdings in erster Linie Mario Venzago anzulasten, der sich schon in der Probenarbeit nicht nur durch Verachtung, sondern auch weitgehende Unkenntnis der Partitur ausgezeichnet hatte. Ein Orchester im Tutti ohrenbetäubend drauflos knallen zu lassen, sollte nicht als hinreichende Qualifikation für heikle Uraufführungen angesehen werden.



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Updated: 7 Jan 2016