Karlheinz Essl

Sterbebett mit Pappendeckeln

Musik zu einem Theaterstück von Andreas Okopenko
2010/2011


Okopenkos kühne Theatervision wird endlich Wirklichkeit (Willi Sinkovicz)
in: DIE PRESSE, 27.05.2011

Karlheinz Essl und Michael Cerha realisieren ein Projekt, das für den „steirischen herbst“ einst als irreal galt

Der „Spielraum“ in der Wiener Kaiserstraße wird ab heute, Freitag zum „Klangraum“. Ein visionäres Theaterprojekt der frühen Siebzigerjahre kommt zur Uraufführung. Eigentlich war Andreas Okopenkos „Sterbebett mit Pappendeckel“ für den „steirischen herbst“ 1973 geschrieben worden, konnte aber nie realisiert werden. Zu kühn waren des Dichters Fantasien über die Verbindung von Literatur, Musik, Klang, Geräusch, optischen Medien und Bühne.

Die Vorarbeiten für die heutige Premiere begannen bereits zu Lebzeiten des im Vorjahr verstorbenen Dichters. Michael Cerha gelang es, in gemeinsamer Arrangeurs- und vor allem Kürzungsarbeit eine Spielfassung herzustellen.

Karlheinz Essl macht dazu die Musik. Er war für Okopenko bereits ein willkommener Partner bei der Erstellung eines Hörbuchkonzepts für den 1970 publizierten, aufsehenerregenden Lexikon-Roman. Gemeinsam schuf man die ELEX-Version, und der Komponist erinnert sich: "Okopenko wollte alle medialen Möglichkeiten nutzen. So habe ich die unendliche Echtzeit-Komposition Lexikon-Sonate entwickelt und den Bösendorfer-Computerflügel entsprechend programmiert. Bei der Präsentation im Funkhaus konnten die Hörer dann die Performance beeinflussen."

Im freien Klangraum

Wobei Essl nicht einfach von Jingle zu Jingle wechseln ließ, wie einst bei der Lesung des Romans in Ö1 durch Ernst Meister von Kapitel zu Kapitel gesprungen werden konnte. Vielmehr erlauben die modernen Technologien raffinierte Überblendungen. Essl: „Der Computerflügel behält bei Richtungsänderung jeweils schon komponierte Entwicklungen bei, verzichtet auf das eine oder andere Element und nimmt ein neues auf.“

Reaktionsgeschwindigkeit im Kompositionsprozess ist Trumpf. Sie wird auch die heutige Premiere prägen, denn Essl sitzt selbst an seinem elektronischen Instrumentarium und reagiert auf die szenischen und sprachlichen Vorgänge. So entsteht eine im höchsten Maße improvisatorische Umsetzung eines nach Zielrichtung vordefinierten, aber offenen Konzepts. „Die Schauspieler“, freut sich Essl, „konnten zuletzt schon gar nicht mehr ohne Musik proben.“ Okopenkos erträumte künstlerische Einheit bei größtmöglicher Freiheit scheint heute endlich herstellbar.


Der Sprachingenieur (Sebastian Gilli)
in: DER STANDARD, 27.05.2011

Der Dichter Andreas Okopenko, im Juni 2010 80-jährig gestorben, gilt als wichtiger Vertreter der experimentellen Literatur im Nachkriegsösterreich. Er führte, ähnlich wie Ernst Jandl und Friederike Mayröcker, ein Einzelgängerdasein im Literaturbetrieb. Parallel zur Wiener Gruppe entwickelte er ab den 1950er-Jahren seine Sprachexperimente, beschritt mit ihnen einen eigenwilligen Poesie-Weg.

Im Schreiben war er radikal und zukunftsweisend: Der 1970 erschienene Lexikon-Roman nahm Hypertext und Netzliteratur vorweg. Okopenko suchte neben Lyrik und Prosa auch im Drama immer neue Ausdrucksformen. Anfang der 1970er-Jahre entstand das opulente, kunstübergreifende Stück Sterbebett mit PappendeckelN, das nun, 38 Jahre später, im Wiener Theater Spielraum durch die Gruppe theaterhimmel zur Uraufführung gelangt; das Auftragswerk für den Steirischen Herbst 1973 war nie realisiert worden.

Für das Zustandekommen dieses besonderen, aufwändigen Projekts zeichnen Regisseurin Sandy Tomsits und Dramaturg Michael Cerha verantwortlich. "Dass es nun klappt, ist immens wichtig für den Kulturbetrieb", freut sich Cerha. Er hat die kolossale, von Okopenko überarbeitete "Originalpartitur" reichlich gekürzt und die Hauptfigur, den 50-jährigen Ingenieur Matthes, in die Gegenwart geholt. Dieser liegt monologisierend im Sterbebett und versucht, einen Lebensbericht zu geben, der zu einem Abenteuer wird, in dem es darum geht, wie weit Erlebnisse und Zustände mitteilbar sind. Drei Frauen treten in Matthes' Erinnerungsprozess.

Der Untertitel, Fuga in 3 Dekorationen, weist auf Klangwelten hin, die der Komponist Karlheinz Essl auf einem extra angefertigten Instrument live auf der Bühne erzeugt. "Das Stück war zu seiner Zeit schon modern und bedient so viele Kunstebenen", sagt Tomsits, die es reizte, "das Zusammenspiel von Sprache, Musik, Malerei, Video und Tanz auf die Bühne zu bringen".



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Updated: 22 May 2011