Karlheinz Essl & Isabel Ettenauer

CD whatever shall be

music for toy instruments and electronics
2013


Reviews


Karlheinz Essl: Whatever Shall Be. Music for Toy Instruments and Electronics (Stefan Drees)
in: Österreichische Musikzeitschrift, 03/2014 (Böhlau: Wien 2014)

(...) Karlheinz Essls Strategie, sich durch Distanznahme von bekannten Klängen oder Tonerzeugern neue kompositorische Freiheiten zu erschließen, lässt sich auch mithife von Isabel Ettenauers CD erschließen: Die Interpretin versammelt hier eine ganze Reihe von Werken, die der Komponist dem Toy Piano, der Kalimba oder der Spieluhr - Instrumenten ohne nennenswerte Tradition im Bereich der europäischen Kunstmusik - gewidmet hat. Dabei geht es jeweils darum, aus möglichst einfachen musikalischen Voraussetzungen, beispielsweise dem eng begrenzten Tonvorrat der Spielzeugklaviere, unter Verwendung live-elektronischer Klangtransformation und damit verschränkter kanonischer Prozesse eine aus wellenförmigen Verläufen bestehende musikalische Architektur zu schaffen. Wie abwechslungsreich dies sein kann, demonstriert Ettenauer anhand der zum größten Teil für sie geschaffenen Werke, aus denen Pandora's Revelation (2009) und whatever shall be (2010) durch einen eminent theatralische Ansatz bestechen. Ein besonderes Schmankerl ist Listen Thing (2008), ein palindromischer Kanon über das Weihnachtslied Stille Nacht.



Whatever Shall Be. Music for Toy Instruments and Electronics (Dirk Wieschollek)
in: Neue Zeitschrift für Musik, 02/2014 (Schott: Mainz 2014)

Seit John Cages Suite for Toy Piano ist das als Miniaturklavier verkleidete Glockenspiel zweifellos zum beliebtesten Spielzeuginstrument der Gegenwartsmusik avanciert. Neben Margaret Leng Tan widmet sich vor allem die österreichische Pianistin Isabel Ettenauer intensiv dem den Kinderschuhen längst entwachsenen Instrument. Einer der letzten Komponisten, den sie mit dem Toy-Piano-Virus infizierte, ist Karlheinz Essl. Fasziniert von der «Unschuld» einer Materie, die nicht die ganze abendländische Musiktradition mit sich herumschleppe wie das gewöhnliche Klavier, schreibt Essl seit einigen Jahren regelmäßig Stücke für Toy Piano. Den eher eingeschränkten klanglichen Gegebenheiten arbeitet er gezielt mit elektronischen Transformationen und Erweiterungen entgegen, die das Spielzeuginstrument zum Ausgangspunkt und Bestandteil mehr­dimensionaler Klangräume werden lassen. Die Software für seine Echtzeit-Manipulationen hat Essl gleich selbst geschrieben.

In Kalimba (2005) ist die elektronische Ebene per Mini-Lautsprecher im Instrument selber versteckt, sodass Livespiel und «playback» scheinbar derselben Quelle entspringen. Chromatische und diatonische Skalen werden hier hypnotisch in- und übereinandergeblendet, beschleunigt, verlangsamt, verdichtet und ausgedünnt. In Anlehnung an Berios Sequenzas lotet Essl in der Sequitur-Reihe die Ausdrucksmöglichkeiten verschiedener Soloinstrumente aus. Seine Liebe zum melodieträchtigen Metallspielzeug macht dabei beim Toy Piano nicht halt: In Sequitur XIV (2009) ist es – was Essls erstes Toy-Piano-Stück quasi ankündigte – eine Kalimba, die hier, verwickelt in komplexe kanonische Bewegungen und digitale Real-Time-Prozesse, teils in völlige Geräuschhaftigkeit aufgelöst ist; in Pandora’s Revelation (2009/13) ist eine Spieluhr Grundlage der konzentriert-minimalistischen Hybris. Das Schöne an diesen Stücken ist, dass Essl bei aller Auflösung und Entgrenzung der traditionellen instrumentalen Oberflächen immer wieder zum natürlichen Charme des Ausgangsmediums zurückkehrt.

Diese gelungenen Symbiosen von instrumentalem «Low Tech» und digitaler Transformation erreichen ihren Höhepunkt im titelgebenden whatever shall be für Spielzeugklavier, Kreisel, Spieluhr und Live-Elektronik (2010). Da rotieren Kreisel im Innern des «Klaviers», werden per Fingerhut Glissandi auf den Metallstäben fabriziert und überhaupt der gesamte Korpus perkussiv einbezogen, bevor am Ende die Spieluhr "Que sera, sera" anstimmt: Alles Vorige war nämlich bis zur Unkenntlichkeit extrahiertes Material des Filmmusikklassikers...

Es darf hervorgehoben werden, dass Isabel Ettenauer auch das digitale «Spielzeug» perfekt beherrscht, also auch die Live-Elektronik größtenteils selbst bedient – und so zu einer wirklich verinnerlichten Poesie findet...


TOY PIANO. Die kleine Größe (Christoph Wagner)
in: Jazzthetik 03/04-2014 (Münster 2014)

Einer, der die Entwicklung [des Toy Pianos] vorantreibt, ist der Österreicher Karlheinz Essl. Er hat zahlreiche Werke für die Pianistin Isabel Ettenauer komponiert, wobei er die Freiheit genießt, für ein Instrument zu schreiben, das im Gegensatz zum Klavier oder der Violine nicht mit der Bürde eines über Jahrhunderten gewachsenen Repertoires belastet ist.

Essl und Ettenauer dringen tief ins Innere des Toy Pianos vor und übertragen John Cages Idee vom präparierten Klavier auf das Kinderinstrument, indem sie mit Objekten wie einem Kreisel oder Fingerhüten seinen Klang verformen, dazu mit Hilfe von Laptops, interaktiver Software, Ringmodulatoren und Detunern das Toy Piano ins Wunderland der Elektronik entführen. Töne werden verfremdet, Klänge pulverisiert und im Raum zerstäubt oder auf wundersame Weise vervielfältigt. Manchmal wird ihnen die Bodenhaftung genommen, um sie in scheinbarer Schwerelosigkeit durch den Raum schweben zu lassen. Ein anderes Mal werden Töne verlangsamt, beschleunigt oder kaskadenhaft sprudeln gelassen. Buntschillernde Klangballungen können sich nahezu in Stille auflösen, um kurz darauf wieder ihre ursprüngliche Gestalt anzunehmen. In dieser Musik geht die Elektronik mit den akustischen Klängen des Toy Pianos eine wunderbare Symbiose ein.


Spielzeugpianos, Orgeln und dampfplaudernde Stromgitarren (Curt Cuisine)
in: skug - Journal für Musik (1 Mar 2014)

Wo steht die moderne Musik heute? Verwendet sie noch Noten oder kompositorische Prinzipien? Hat sie sich ins Paradies der Spontanität verabschiedet? Wird sie immer noch überwiegend von älteren, noblen Herren gehört und hat sie es auch sonst recht gemütlich im Konzertsaal? Na gut, die letzten zwei Fragen werden wir hier auch nicht beantworten, aber immerhin werden wir in Windeseile durch ein paar Neuerscheinungen galoppieren.

»Whatever Shall Be« versammelt alle Kompositionen von Karlheinz Essl für das Spielzeugpiano. Es handelt sich hier um eine gegenseitige Befruchtung von Interpret und Komponist über den Umweg des exotischen Instruments. Isabel Ettenauer ist ein veritabler Toy Piano-Nerd bzw. natürlich auch entsprechende Toy Piano-Virtuosin. Im Laufe von fünf Jahren hat Essl mehrere Stück dafür – und auch für anverwandte Instrumente wie das afrikanische Daumenklavier Kalimba – komponiert. Außerdem war von der ersten Komposition an die Elektronik im Spiel (erst nur als ein direkt ins Piano eingebautes Feedback via Lautsprecher, danach mit allerhand Elektronik). Dadurch wird »Whatever Shall Be« nicht nur zur erstaunlich abwechslungsreichen Klangreise, sondern auch zu einer beispielhaften Kür, wie man durch die Fokussierung auf ein eingeengtes Setting ein Mehr an kreativen Lösungen findet. Damit haben wir gleich eine Antwort auf eine noch gar nicht gestellte Frage: Wie man heutzutage noch spannende kompositorische Zugänge findet. Die Symbiose von Essl und Ettenauer ist dafür schon mal kein schlechtes Beispiel.


whatever shall be: Isabel Ettenauer plays music by Karlheinz Essl (Markus Stegmayr)
in: freiStil (Januar 2014)

Die musikalische Freundschaft von Isabel Ettenauer und Karlheinz Essl reicht mittlerweile schon bis ins Jahr 2001 zurück. Vor allem das “Geschichtslose" des Instruments Toy Piano hat Karlheinz Essl von Anfang an interessiert. Man sagt ihm eine Art "Klavieraversion" nach, da das Klavier bei jedem Anschlag eine reichhaltige, vielleicht zu reichhaltige Geschichte und Tradition mitklingen lässt. Isabel Ettenauer hat 2005 mit ihrer Aufnahme the joy of toy mit dazu beigetragen, dass das Toy Piano vom Verdacht des Gimmicks befreit und als eigenständiges Instrument betrachtet wurde. Seitdem interessieren sich verstärkt Komponisten für dieses Instrument, und auch die Szene der Toy PianistInnen boomt weltweit.

Das Toy Piano: eine Art Glockenspiel, klanglich dem Xylophon näher und in seinem Einsatz weit perkussiver als das Klavier? Sicherlich all das, aber sicherlich auch eigenständig und eine Klangwelt, in die man sich einhören muss. Ettenauer spielt auf diesen vorliegen Aufnahmen ausschließlich Stücke von Karlheinz Essl. Es ist interessant zu verfolgen, wie sich sein Umgang als Komponist mit dem Toy Piano über die Jahre verändert hat. Er schöpft die klanglichen Möglichkeiten dieses ungewöhnlichen Instruments zunehmend aus und lässt ihm dennoch zunehmend immer mehr Platz und möchte immer weniger den Klang mit Hilfe elektronischer Mittel aufblasen. Man hört den Aufnahmen an, dass hier zwei Menschen, die sich musikalisch sehr nahe stehen, für dieses Instrument Feuer gefangen haben. Und dieses Feuer überträgt sich auch auf die HörerInnen.



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Updated: 26 Jul 2014