Karlheinz Essl

Zungenreden

radiophones Hörstück
1990



Bayblonische Sprachlabyrinthe: Ästhetik der Avantgarde.
"Ein letztes Borges-Projekt" von Karlheinz Essl in Wien (Heinz Rögl)
in: Salzburger Nachrichten (Salzburg, 22.1.1991)

Das Universum ist eine Bibliothek mit einer womöglich unendlichen Anzahl von Büchern, in denen alle möglichen Kombinationen der 25 orthographischen Zeichen versammelt sind. Die Menschen der "Bibliothek von Babel" (so der Titel einer 1941 veröffentlichten Erzählung des Argentiniers Jorge Luis Borges) suchen ach Büchern, in denen sich Zeichenkombinationen finden, die Sinn ergeben. Der Erzähler fand bisher nur einen zusammenhängenden Satz, der da lautet: "Oh tiempo tus piramides".

Im Paradigma dieser Erzählung, eigentlich einem sprach-philosophischen Essay, sieht Karlheinz Essl Entsprechnungen zu seinen eigenen kompositorischen Anliegen, die um die Metaphern Chaos & Ordnung, Zufall & Notwendigkeit, Unendlichkeit, künstliche Sprachen, Kommunikation jenseits von Mitteilung kreisen.

Im Stück Oh tiempo tus piramides (1988) für Kammerorchester ordnen computer-generierte Zufälle das Material. Um das Verfahren auch auf einer sprachlichen Ebene nachvollziehbar zu machen, erstellte Essl für das ORF-Kunstradio zusammen mit der Schauspielerin Eva Linder die Sprachcollage Zungenreden. Dieses "radiophone Hörstück" dekonstruiert das Ausgangsmaterial des Borges-Textes mehr und mehr, um auf diese Weise künstliche Sprachen entstehen zu lassen, wie sie in den Büchern der babylonischen Bibliothek versammelt sein mögen.

In der Performance Sprachlabyrinthe - Ein letztes Borges-Projekt, die Essl und Linder kürzlich in der "Alten Schmiede" präsentierten, wurden diese beiden Stück durch drei weitere live dargebotene Sprachcollagen umrahmt, die zusätzlich biblische Texte über die babylonische Sprachverwirrung und Augustinus' Reflexionen über die Ewigkeit in die Montage einbeziehen, diese in kleinste Bestandteile zerlegen und neu zusammensetzen.

Haftete diesen in extenso ausgebreiteten Sprachspielen auch streckenweise etwas Bemühtes an, erhellten sie andrerseits durchaus gangbare und interessante Wege kompositorischer Verfahren, die zum Bestandteil einer neuen Ästhetik der musikalischen Avantgarde werden könnten, wie Karlheinz Essl sie sucht, wissend, daß die Chance, den "Katalog", die "Rechtfertigung oder irgendeine trügerische Abwandlung derselben" (Jorge Luis Borges) zu finden, "mit Null zu beziffern ist".



Halbleere Gläser - halbvolle (Wolfgang Zinggl)
in: Interferenzen IV. Die Geometrie des Schweigens. Ein Symposium zur Theorie und Praxis einer Kunst im elektronischen Raum. Am Beispiel der Radiokunst, hrsg. von Heidi Grundmann (Wien 1991)

Kein Wind. In der Hörfunklandschaft bewegt sich keine mde Welle. Von der Etablierung immer neuer Fließbandsendungen rund um die Uhr abgesehen - nichts.

Oder fast nichts. Vielleicht ein Lüftlein, ein kleiner Wind, ein Windlein. Das Radiokunstprojekt RP4 vielleicht. Künstler, die mit einem Tonstudio konfrontiert werden, um danach mit dessen Möglichkeiten zu experimentieren.

Essl produziert aus Buchstaben und einem Zufallsprogramm zufällige Kombinationen faszinierender Klänge. Texte zerfallen in Phoneme und werden zu neuen Sprachmelodien. Und obwohl Essl "Syntaktisches vor vordergründig Semantischem" einordnet, "sind alles nur verschiedene Aspekte ein und desselben - alles steht mit allem irgendwie in Verbindung."



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Updated: 28 Mar 2015