Karlheinz Essl

Portrait KHE

Chemi(s)e

for electric guitar and two ensemble groups
2009

Commissioned by the Ensemble Reconsil
Dedicated to Stefan Östersjö



Basics | Introduction | Score | Photos | Performances



Karlheinz Essl's Chemi(s)e performed by Stefan Östersjö and Ensemble Reconsil
Schönberg Center Vienna, 24 Mar 2010



Introduction

english
Chemi(s)e for electric guitar and ensemble is yet another offspring of Karlheinz Essl's newly awakened interest in the electric guitar; an instrument which the composer played himself as a teenager and which he rediscovered a few years ago.

The piece is based on the instrumental part of Essl's Sequitur VIII for electric guitar and live-electronics which has been transformed into an ensemble piece. The original solo part is now "clothed" by acoustic instruments which embrace the soloist on stage and which subsititute the original live-electronics.

Piano
Trombone
Bass Clarinet
Viola
Electric Guitar
Percussion
French Horn
Tenor Saxophone
Violoncello

However, the instrumental ensemble is not merely a replacement for the live-electronics; it functions in various ways. By providing comments to the guitar part, it becomes a chamber-musical partner and also functions as a resonator which reflects and modifies the sonic structure of the guitar sound, creating virtual spaces.

On the one hand, the title Chemi(s)e refers to Luciano Berio's Chemins, in which he rewrote some of his Sequenze for solo instruments into larger ensemble pieces. In Essl's composition, the instrumental ensemble can be regarded as a shirt (the English translation of the French word "chemise") which was been tailored around the naked guitar part. Furthermore, it has a double meaning when the letter "s" is being removed: Chemie (the german word for "chemistry") here refers to the alchemistic transformation of matter, and in fact the different sound characters of the acoustic instruments and the electric guitar melt together and the distinctions between the instruments become blurred. In this way, a new sonic entity is developed where the individual parts finally become subordinate to a superior whole, a common "sound".


english

Christian Heindl

Musik der Transformation


Längst gilt er als einer der prominentesten Vertreter der elektroakustischen Musik und daraus weiterentwickelt als Vorreiter des Einbindens aktuellster elektronischer Medien in musikalische bzw. klangliche Prozesse. Leicht übersieht man dabei freilich, dass Karlheinz Essl auch ein ebenso beachtliches Œuvre im mit traditionellen akustischen Mitteln erzeugten Bereich aufzuweisen hat – soll heißen Instrumental- und Vokalmusik, die auch ohne allzu aufwendige elektronische Gerätschaften umgesetzt und aufgeführt werden kann. Dass es dabei oft auch zu Verknüpfungen der beiden musikalischen Zugänge kommt, die er zu einem einzigen verschmelzen lässt, schafft nicht nur spannende Hörerlebnisse, sondern bildet auch einen möglichen Weg bei einem auf „traditionellen“ Hörerfahrungen aufbauenden Publikum allfällige Vorurteile gegenüber den technischen Apparaturen abzubauen – dass, was vorerst als Geräusch empfunden wird, im musikalischen Prozess auch als Musik wahrnehmen zu können.

Mit der Uraufführung von Chemi(s)e ist am 24. März 2010 im Arnold Schönberg Center ein Werk zu hören, das diesem Anspruch ideal entsprechen dürfte, baut es doch auf einem ursprünglich eine Elektrogitarre mit Live-Elektronik verknüpfenden Stück auf, das nun in eine Neuschöpfung für E-Gitarre und Instrumentalensemble transformiert wurde.

Chemi(s)e für E-Gitarre und Ensemble stellt ein Ergebnis von Essls neu erwachtem Interesse an der E-Gitarre dar – einem Instrument, das er als Jugendlicher selbst spielte und erst vor wenigen Jahren wieder für sich „entdeckt“ hat. Das Stück basiert nach der Beschreibung des Komponisten auf dem früheren Sequitur VIII für E-Gitarre und Live-Elektronik (2008), woraus nunmehr ein Ensemblestück geformt wurde. Dabei wurde der ursprüngliche Solopart beibehalten, hier aber von akustischen Instrumenten „umkleidet“, die den Solisten auch optisch auf der Bühne umgeben und die ursprüngliche Live-Elektronik ersetzen:

Klavier
Posaune
Bassklarinette
Viola
E-Gitarre
Schlagzeug
Horn
Tenorsaxophone
Violoncello

Um die Differenz zwischen den beiden Versionen nachzuvollziehen, ein kurzer Blick auf die ursprüngliche Funktion der Live-Elektronik in Sequitur VIII: Hier spielt das Instrument (die E-Gitarre) über seinen Tonabnehmer direkt in den Computer, der daraufhin aufgrund von Echtzeitalgorithmen einen sehr komplizierten achtstimmigen Proportionskanon entwickelt, der allerdings immer wieder „durchlöchert“ und „ausgehöhlt“ wird. Bei mehrmaligem Spielen entstehen immer andere Zusammenhänge – der Musiker hört immer Ähnliches, aber nie das Gleiche, und erhält dadurch auch immer andere Gelegenheit zur Reaktion. Durch die Hinzunahme des Ensembles übernehmen nun die anderen Instrumente das von der Gitarre Vorgegebene, führen es weiter, färben es ein und öffnen Räume. Das Instrumentalensemble stellt somit durchaus nicht nur einen bloßen Ersatz für die Live-Elektronik dar. Es erhält eine gewissermaßen multifunktionale Bedeutung. Indem es die „Kommentare“ zum Gitarrepart liefert, wird es auch zum Kammermusikpartner. Zum anderen bildet es einen Resonator, der die akustische Struktur des Gitarreklangs reflektiert und modifiziert und dadurch virtuelle Klangräume entstehen lässt.

Der Titel Chemi(s)e bezieht sich auf Luciano Berios Werkreihe „Chemins“, in der er einzelne seiner für Soloinstrumente komponierten „Sequenze“ in größere Ensemblestücke „umkomponierte“. In Essls Werk kann das Instrumentalensemble – der Bedeutung des französischen Wortes „chemise“ gemäß – als eine Art Hemd gesehen werden, das maßgenau um den in der Mitte stehenden, „nackten“ Gitarrepart herumgeschneidert wurde. Durch die Einklammerung des Buchstaben „s“ ergibt sich im Fall von dessen Entfernung noch eine weitere Bedeutung: Chemie ist hier auf eine alchemistische Transformation des Gegenstands bezogen: Bildlich könnte man sich die Verästelung vorstellen, die entsteht wenn man einen Tropfen Säure in ein Glas mit Lackmuslösung fallen lässt. Die verschiedenen Klangcharaktere der akustischen Instrumente und der E-Gitarre verschmelzen miteinander, und die Unterschiede zwischen den einzelnen Instrumenten verschwimmen. Dadurch entwickelt sich eine neue klangliche Einheit, in der die Einzelstimmen schließlich dem übergeordneten Ganzen, dem „Gesamtklang“ untergeordnet werden.

in: Programmheft zur Uraufführung von Chemi(s)e am 24.03.2010 im Schönberg-Center Wien
Ensemble Reconsil, Dir. Roland Freisitzer; E-Gitarre: Stefan Östersjö


Photos


Stefan Östersjö rehearsing Chemi(s)e by Karlheinz Essl
Stefan Östersjö rehearsing at Studio kHz, Klosterneuburg (21 Mar 2010)
Photo: © 2010 by Karlheinz Essl



Stefan Östersjö rehearsing Chemi(s)e by Karlheinz Essl

Stefan Östersjö & Karlheinz Essl at the Schoenberg Center, Vienna (24 Mar 2010)
Photo: © 2010 by Maria Frodl


Score

Karlheinz Essl: Chemi(s)e - score excerpt

Karlheinz Essl: Chemi(s)e for electric guitar and two ensemble groups
score excerpt (page 6 of 22)
© 2009 by Karlheinz Essl / Apoll Edition

Download the score for free from the publisher Apoll-Edition...


The full score and the instrumental parts can be ordered from Apoll-Edition Vienna.



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Updated: 1 Sep 2012