Karlheinz Essl

Portrait KHE

colorado

for saxophone quartet, live-electronics and 4-channel sound projection
2005-2008

Kompositionsauftrag des Wiener Saxophon-Quartetts


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colorado (2005-2008) for saxophone quartet and live-electronics
Performed by students of Lars Mlekusch & Karlheinz Essl
Recorded live on 9 Mar 2013 at MUK Vienna


Der Fluss des Wassers

Auf einer Länge von 2300 km fließt ein gewaltiger Strom durch die Vereinigten Staaten: der Colorado River. Er entspringt im Gebirge der Rocky Mountains, durchzieht weite Wüstengebiete und das gigantische Schluchtensystem des Grand Canyons, um schließlich im Norden von Mexiko in den Pazifik zu münden.

Auf seiner langen Reise vom Ursprung bis zur Mündung ist der Fluss mannigfachen Veränderungen unterworfen: er nimmt unzählige kleinere und größere Wasserläufe in sich auf und ändert - je nach geologischer Beschaffenheit der Landschaft - immer wieder seine Farbe: Sattes Blau, schillernde Türkistöne, trübes Braun. - "Colorado" ist nicht nur der Name eines Flusses und eines amerikanischen Bundesstaates, sondern bedeutet auf Spanisch auch "gefärbt".


Farben des Colorado Rivers   Farben des Colorado Rivers   Farben des Colorado Rivers


Der Strom der Klänge

Auf einer USA-Reise im Jahr 2005 war dieser Fluss für einige Tage unser Wegbegleiter und hat mich von Anbeginn in den Bann gezogen. Sein unbeirrtes Weiterströmen, seine chamäleonartige Farbigkeit und sein ungeheure Kraft (von dem das Grand Canyon ein berührendes Zeugnis ablegt) erschienen mir als naturgewordene Metapher für eine Komposition, die zu jener Zeit in meinem Kopf herankeimte: ein Werk für Saxophonquartett und Live-Elektronik, dem ich den Namen "colorado" gab.

Bei der Aufführung des Werkes sitzen die vier Musiker des Quartetts in der Mitte des Saales; vier Lautsprechern umgeben das Publikum. Die Instrumente (Sopran-, Alt-, Tenor- und Baritonsaxophon) werden von Mikrophonen abgenommen, in Echtzeit von einem interaktiv gesteuerten Computerprogramm verarbeitet und über die Lautsprecher ins Auditorium abgestrahlt, das wiederum als Resonanzkörper und Hallraum fungiert.

Die Live-Elektronik basiert auf einer Art „Teilchenbeschleuniger“, der die live eingespielten Klangpartikel der Saxophonisten durch vielfältige Manipulationen im Zeit- und Spektralbereich komplex miteinander überlagert und über ein quadrophones Klangverteilungssystem im Raum verwirbelt. Die Parameter dieses „Teilchenbeschleunigers“ werden von einem fünften Musiker - im Idealfall dem Komponisten selbst - während der Aufführung kontrolliert.


Der Gang der Musik

Der formale Prozess des Stückes reflektiert den oben beschriebenen Flussverlauf: aus rudimentären Hauch- und Atemgeräuschen (die durch die Resonanzen von Mundhöhle und Instrument gefiltert werden) bilden sich allmählich prägnantere Gestalten, die unaufhörlich zu einem massiven Klangstrom anschwellen, der immer wieder aufgerissen, gestaut und entladen wird.

Die anfänglichen geräuschhaften Klänge werden durch Hinzunahme von Multiphonics und konkreten Tonhöhen immer mehr eingefärbt und lösen sich schließlich in bunt-bewegte Klangschlirren auf, die pulsierend im Raum verklingen.


Videos


colorado performed at Vienna Saxfest
Music Conservatory of Vienna, 9 Mar 2013


Einführungsvortrag zum Saxophonquartett colorado
Offene Probe anläßlich des Saxfest Vienna
Konservatorium Wien Privatuniversität, 9.3.2013


Einführungsgespräch zum Projekt Saxophon und Elektronik

Karlheinz Essl: Der Ausgangspunkt von colorado war das Saxophonquartett als "klassisches" Kammermusik-Ensemble, das in der Regel einen ganz spezfischen Klang hat, der zum Teil ziemlich mächtig ist und dazu tendiert, einem die Ohren zu verstopfen. Ich wollte nun die Saxophone hier nicht als jene Instrumente sehen, wie man sie in der Tradition des Jazz und der klassischen Musik verwendet, sondern zunächst einmal nur als Blechröhren begreifen, mit Klappen und einem Mundstück - und Menschen dahinter, die diese Blechröhren bedienen.

Die Grundidee des Stückes: Aus einer Ursituation des Atmens entwickelt sich über viele Zwischenstufen ein Prozess, wo sich aus diesen Atemklängen nach und nach Konsonanten bilden. Später kommen dann Vokale hinzu; es entwickeln sich dann so etwas wie Wortfragmente, Worte und schließlich Sätze. Am Schluss endet das Stück in einer Art Vokalise.

Inspiriert wurde das Stück von einer Amerikareise, die ich 2005 mit meiner Familie unternommen habe. Wir sind einen Monat mit dem Auto durch die Staaten gefahren und waren auch eine Zeitlang in der Wüste von Arizona und sind dort immer wieder dem Colorado River begegnet, der unglaublich vielgestaltig ist. Ein sehr langer Fluss, der in den Rocky Mountains entspringt und in den Golf von Kalifornien in den Pazifik mündet. Auf seinem Weg fließt er auch durch das Grand Canyon, das allein schon an die 450 km lang ist. Das Besondere am Colorado River - "colorado" bedeutet "gefärbt" - das sich seine Farbe ständig ändert: von braun, dunkelblau, grün und gelb.

Die Idee des Stückes bestand nun darin, den entstehenden Klangstrom, der von den mit Mikrophonen abgenommen Instrumenten mithilfe eines eigenen Computerprogrammes entsteht, immer wieder neu einzufärben. Dies passiert nun nicht durch eine festgelegte elektronische Partitur. Das Computerprogramm fungiert hier als eine Art Instrument, dass die Klänge der Saxophone als Input benutzt, und ich damit quasi improvisiere. Dadurch, dass ich dieses Stück bereits mehrmals aufgeführt habe, hat sich diese Improvisation mehr oder weniger verfestigt. Es ensteht dadurch etwas, was sich innerhalb gewisser Grenzen reproduzieren lässt.

Das Stück besteht aus einer genau ausnotierten Instrumentalpartitur, die teilweise auch dirigiert wird. Was ich allerdings mit den Klängen mache, ensteht durch Intuition, aus dem Moment, im Zusammenspiel mit den Musikern. Dabei ist es so, dass der elektronische Part derzeit ausser mir von keinem anderen aufgeführt werden kann.

Nun noch ein Wort zur Elektronik: Mir geht es generell nicht bloß um neue Klänge. Die sind für mich nicht so spannend, da sie ohnehin schon da sind. Mich interessieren vielmehr die neuartigen kompositorischen Möglichkeiten. Hier werden Klänge aus dem Ensemble in eine Art Teilchenbeschleuniger eingespeist, ähnlich wie in einem Kernreaktor, wo atomare Partikel - in meinem Fall Klangpartikel - extrem beschleunigt werden, wodurch hohe Energie entsteht, die zur Verschmelzung der Partikel führt. Dabei entstehen nicht nur neue Klänge, sondern auch neuartige kompositorische Strukturen. Ständig kommt es hier zu Rückerinnerungen und Vorausprojektionen. Das ist alles stark selbstreferentiell, ähnlich wie bei einem Fraktal, wo die gleichen Elemente immer wieder erscheinen, allerdings aber in immer anderen Konstellationen. Und dabei weiß man nie so genau, was nun das Gespielte und das Elektronische ist: Das Ganze verschmilzt zu einem einzigen großen Klangstrom.


Probe von colorado mit Studierenden von Lars Mlekusch
Konservatorium Wien Privatuniversität, 21 Jan 2008
Courtesy Society For The Documentaton Of Arts


Fabien Girard: "Wie sehen Sie nun die Zukunft Ihres Stückes? Wie soll es weiterleben, wenn nur Sie als Elektroniker es spielen können?"

Karlheinz Essl: Darüber habe ich mir natürlich schon Gedanken gemacht. Ich stehe aber auf dem Standpunkt, dass es auch Musik geben soll, die vergänglich ist und die nicht unbegrenzt weiterleben kann, die gebunden ist an Situationen und auch an Personen. Damit habe ich auch überhaupt kein Problem. Das Stück wird vielleicht immer nur mit meiner Mitwirkung aufgeführt werden können; vielleicht gibt es später einmal jemanden, der das statt meiner machen kann. Aber selbst wenn es in 10 oder 15 Jahren nicht mehr gespielt werden kann, würde mir das auch nichts ausmachen.

Es gibt hingegen auch andere Werke, die ich als Partituren notiert habe und auch reproduziert und interpretiert werden können. Besonders aber interessiert mich die vergängliche, die ephemere Musik; jene Musik, die aus dem Moment entsteht durch Improvisation aus der Magie des Augenblicks, aus dem Zusammenspiel von Musikern und Menschen, die zusammen etwas Gemeinsames gestalten. - colorado liegt irgendwo dazwischen - ein Hybrid zwischen Komposition und Improvisation.


Frage aus dem Publikum: "Wenn ihr Werk sich zwischen diesen beiden Polen bewegt, kann es dann jedes Mal etwas anderes sein? Ist es dann aleatorisch?"

Karlheinz Essl: Die Partitur ist zwar genau ausnotiert und die Musiker spielen den Notentext, ohne zu improvisieren. Die Improvisation besteht aus dem, was ich mit den Klängen veranstalte. Und das kann sehr unterschiedlich sein. Ich habe das Werk bereits dreimal mit dem Wiener Saxophon-Quartett gespielt, und jede Aufführung war völlig anders. Für das Projekt hier am Wiener Konservatorium habe ich den elektronischen Partitur etwas umgearbeitet. Trotzdem waren zwischen den beiden Proben gestern und heute große Unterschiede zu hören. Zudem auch, weil die Musiker und ich als Team zusammengewachsen sind und das Stück gemeinsam weiterentwickelt haben. Und das ist schön, dass dies Stück wächst und sich ständig verändert.

Einführungsgespräch zum Projekt Saxophon und Elektronik am 25.01.2008 an der Konservatorium Wien Privatuniversität, moderiert von Fabien Girard.


Score

The score of colorado can be downloaded for free. Please note that the music is protected by copyright.


Literatur



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Updated: 15 Jun 2016