Karlheinz Essl

Portrait KHE

Distance of the Moon

electronic music for a dance performance by Bernd R. Bienert
2002


  Das SCHÖMER-HAUS bietet architektonische Finessen, die Künstler gerne nützen. Schon 1989 hat der österreichische Choreograph Bernd R. Bienert, der sich unter anderem durch seine Jelinek-Inszenierung Wolken.Heim (1988, Schauspiel Bonn) einen Namen machte, den interessanten Treppenturm des Hauses bespielt: „Visions Fugitives“ nach der Musik von Prokofjew. Nun, Jahre später, wird er wieder diesen Treppenturm zum zentralen Element für seine neue Arbeit „Distance of the Moon“ zur Musik des Komponisten und Musikers Karlheinz Essl machen. Bereits als Ballettchef an der Züricher Oper (1991 – 1996) überraschte der Wiener Choreograf das Publikum mit eigenwilligen Kreationen und Bühnengestaltungen, zu denen er renommierte Künstler und Architekten einlud wie zum Beispiel Mario Botta, Aldo Rossi oder Jean Nouvel.

Diesmal aber wird Bienert selbst für Lichtdesign und Bühne verantwortlich zeichnen. Der Treppenturm im SCHÖMER-HAUS wird durch eine Licht-Installation in eine bewegte Skulptur verwandelt, zu der die Tänzerinnen, alle drei aus dem Ensemble der Wiener Gruppe Tanztheater Homunculus, einen interessanten Kontrapunkt bilden werden. Literarischer Ausgangspunkt bildet eine Erzählung des italienischen Romanciers Italo Calvino über die Faszination des Mondes: Eines Tages kommt der Mond der Erde so nahe, dass die Menschen auf das Meer hinausfahren, um ihn zu besteigen. Eine Frau kommt nicht mehr zurück. Ihr Geliebter fährt nun jede Nacht auf die See, um den Mond zu betrachten, da er ihn an seine Geliebte, die ihn verlassen hat, erinnert. (Gabriele Haselberger, jazzzeit 06/2002)


Besetzung

Bernd R. Bienert: Choreographie, Inszenierung, Lichtdesign
Karlheinz Essl: Musik
Amanda Freyer: Kostüme
Peter Rezak: Licht

Martina Haager: Tanz
Kun-Chen Shih: Tanz
Karin Steinbrugger: Tanz


Presse

Maria Rennhofer
DISTANCE OF THE MOON im Klosterneuburger SCHÖMER-HAUS
Ö1 Kulturjournal, 28.06.2002

Das SCHÖMER-HAUS in Klosterneuburg ist heute und morgen Schauplatz einer aussergewöhnlichen Tanzperformance. Der Wiener Choreograph Bernd Bienert, der sich nach seinen Jahren als Ballettdirektor in Zürich und Saarbrücken wieder in der freien Szene bewegt, hat unter dem Titel DISTANCE OF THE MOON - nach einer Erzählung von Italo Calvino - eine knapp einstündige Arbeit geschaffen, in der 4 Elemente wesentlich sind: die Bewegung der Tänzer, das dominante Stiegenhaus im Raum von Heinz Tesar, Musik von Karlheinz Essl jun. und vor allem die spezielle Lichtregie. Maria Rennhofer mit ersten Eindrücken:

Der ganze Raum schwingt mit und spielt mit: Der an einen Käfig erinnernde Turm im Zentrum des SCHÖMER-HAUSES wird zur magischen Lichtskulptur. Zwei Tänzerinnen und ein Tänzer, von Amanda Freyer in schwarz-weiße Kunstfiguren verwandelt, bewegen sich auf und vor den Stufen. Ein Lichtpunkt auf dem Boden nimmt in der Fantasie der Zuschauer die Gestalt des Mondes an, auf den sich Bernd Bienerts Tanzperformance DISTANCE OF THE MOON bezieht und mit der er gewissermaßen an eine frühere Choreografie für den selben Ort anschließt.

Bernd R. Bienert: "Die Idee war folgende, dass man nach dieser ersten Arbeit für das SCHÖMER-HAUS, die vor mehr 12 Jahren entstanden ist, ein neues Ballett macht und wieder den Treppenturm - der so prominent in der Mitte thront - in den Vordergrund rückt und das Oben und Unten herausstreicht. Dabei entstand die Idee, die Erzählung von Italo Calvino "Die Entfernung des Mondes" zu nehmen als Metapher für die Entfernung des Menschen zu sich selbst."

Italo Calvino erzählt in einer seiner Geschichten, dass eines Tages der Erde so nahe gekommen sei, dass die Menschen auf das Meer hinausfuhren, um ihn zu besteigen. Ein Mann, dessen Geliebte nicht wieder zurückkam, fährt seither jede Nacht auf's Meer hinaus, um sich an sie zu erinnern. Bernd R. Bienert: "Mir ging's weniger darum, die Geschichte konkret nachzuerzählen, sondern mehr um die zwischenmenschlichen Beziehungen. Für mich war's wichtig, dass die Assoziationen dem Zuschauer selbst überlassen bleiben, und dass nicht konkret vorgegeben ist, was man sich bei welcher Einstellung zu denken hat."

Mit Hilfe weißer Lichtstreifen, die auf die Gitterstäbe des Stiegenhauses projiziert werden und in verschiedenen Richtungen über diese halbtransparente, mehrschichtige Projektionsfläche wandern, werden faszinierende Effekte erzielt, die nicht nur das Licht in seine Spektralfarben zerlegen, sondern auch den Eindruck von Sog, Bewegung und Gegenbewegung suggerieren und die Statik des ganzen Raumes aufzulösen scheinen.

Karlheinz Essl hat dazu eine musikalische Grundlage geschaffen, die aus voraufgenommenen Geräuschen, vokalen und instrumentalen Passagen besteht und vom Computer zugespielt wird, wobei der Komponist mit selbstentwickelter Software quasi live den Musikablauf zum szenischen Geschehen steuert.

Karlheinz Essl: "Die Grundidee besteht aus dem Übergang von Klängen und Geräuschen, die aus der Stimme abgeleitet sind. Diese Stationen sind zunächst das ATMEN selbst, dann die LAUTE bzw. Konsonanten, die - mit Vokalen versehen - zu SPRACHE werden. Diese wird in einem weiteren Schritt musikalisiert und geht in den GESANG über; dieser wiederum transzendiert sich und sich in etwas transformiert, was man vielleicht als MUSIK bezeichnen könnte." Bernd

R. Bienert: "Ich habe verschiedene Dinge in der Musik von Karlheinz Essl gefunden. Zuerst aber habe ich den Tanz choreografiert und dann festgestellt, welche Sequenzen es darin gibt und wie lange diese dauern. Eigentlich entsteht die Musik - live gespielt - jeden Tag wieder neu zu dem Ballett. Das einzige, was fest ist, ist der Ablauf, den ich mit den TänzerInnen erarbeitet habe und der auch sehr viel Improvisation beinhaltet. Die Bewegungen sind nicht bloß Bewegungen, sondern sollen auch etwas mitteilen über diese Person, und daraus entsteht dann dieses homogene Ding, das von Karlheinz dann im Nachhinein sozusagen mit Musik beschenkt wird."

Die drei ProtagonistInnen kommen übrigens vom Tanztheater Homunculus. Insgesamt eröffnet diese Tanzperformance für Bernd Bienert, der nicht nur als Choreograph, sondern etwa mit der Inszenierung von Elfriede Jekineks "er nicht als er" am Wiener Volkstheater auch als Regisseur reüssiert hat, neue Perspektiven auch für seine weitere Arbeit.

Bernd R. Bienert: "Also ich denke, dass dies die Vorstufe zu einer Oper ohne Worte ist: Eine Art Bewegungsinszenierung, die etwas Opernhaftes hat aber kein Ballett ist, weil ich im vom Tanz insofern wegkommen möchte, dass ich entweder - wenn ich Tanz mache - zurückkehre zum klassischen Tanz mit einer großen Kompanie und klassischer Musik. Aber das Tanztheater selbst ist für mich zu ausgereizt."

Bernd Bienerts nächste Arbeit in Österreich könnte übrigens wieder eine Regie sein. Details verrät er noch nicht, nur so viel, dass es sich um ein neues Werk eines österreichischen Autors handelt.


Ursula Kneiss
DISTANCE OF THE MOON: Oper ohne Sänger
Bernd R. Bienert: Premiere im Schömer-Haus
in: DER STANDARD 28.06.2002

Klosterneuburg - Vor dreizehn Jahren brachte der Wiener Choreograf Bernd R. Bienert im von Heinz Tesar geplanten SCHÖMER-HAUS in Klosterneuburg als Auftragswerk der Familie Essl sein Ballett Visions Fugitives heraus. Heute gelangt zur Musik von Karlheinz Essl Distance of the Moon zur Uraufführung. In den Jahren dazwischen hat der ehemalige Staatsoperntänzer Bienert internationale Karriere gemacht:

Seine Werke finden sich im Repertoire sämtlicher europäischer Kompanien; er reüssierte als Ballettdirektor der Zürcher Oper (1991-1996), wo er dank seiner überlegten Programmgestaltung, seiner eigenwilligen Kreationen und der Zusammenarbeit mit renommierten Architekten wie Renzo Piano oder Jean Nouvel überregionales Interesse erweckte. Weniger glücklich verlief sein 1999 angetretenes Engagement am Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken, aus dem er wegen Differenzen vorzeitig ausstieg.

Heute schätzt der vielseitige 40-jährige Künstler das freie Schöpfen. Und Distance of the Moon darf man vielleicht als Vorgeschmack auf Zukünftiges betrachten. Bienert: "Von Anfang an habe ich immer wieder literarischen Texte in Szene gesetzt. Was mir heute vorschwebt, ist Oper ohne Sänger zu machen. Texte kann man ja auch durch Computerstimmen, Bewegung und Licht vermitteln." In diese Richtung geht das Stück, wofür sich Bienert von einer Erzählung über die Faszination des Mondes von Italo Calvino inspirieren ließ.

Dabei wird der das ovale Atrium des Bürogebäudes beherrschende doppelseitige Treppenturm zum visuellen Zentrum. Das Stiegenhaus mutiert zur bewegten, verklärten Skulptur, in der Martina Haager, Kun-Chen Shih und Karin Steinbrugger ihre Aktionen setzen. Laut Bienert wird die Geschichte nicht konkret erzählt. "Mich interessiert viel mehr, welche Konstellationen sich da im Raum ergeben. Die Tänzer agieren nach einem vorgegebenen Konzept mit Momenten der Improvisation." Ähnlich verhält es sich mit Karlheinz Essls Musik. Dazu der Komponist: "Es gibt eine Grundstruktur, und doch entsteht die Musik im Moment, in Reaktion auf die Tänzer."


Andrea Amort
Theatralische Sehnsucht im Essl-Stiegengehäuse
KRITIK: Bernd R. Bienert inszenierte "Distance of the Moon" im Schömer-Haus
in: Kurier 30.06.2002

Fast scheint es, als kehre er zurück zu seinen Wurzeln. Bernd R. Bienert hat vor vielen Jahren im kunstvollen Bau des SCHÖMER-HAUSES in Klosterneuburg eine Tanzperformance gestaltet. Nun ist der ehemalige Ballettdirektor der Züricher Oper wieder Gast der Essl-Familie.

„Distance of the Moon“ ist der Titel des 40-minütigen Werks nach einer Erzählung von Italo Calvino, das eine gelungene Gesamtwirkung aus sphärisch-starker Musik von Karlheinz Essl, berauschendem Lichtdesign und der Präsenz der Tänzer Martina Haager, Karin Steinbrugger und dem fabelhaften Kun Chen Shih (alle tanztheater homunculus) erreichte.

Von der Zerrissenheit des Menschen, von der Abspaltung seines wahren Ichs, von Sehnsucht und Verlorenheit mag die Performance erzählen, deren Lichtstrahlen aus dem dekorativen, zentral angelegten Stiegengehäuse einen bewegten Raum machen. Ein gleißendes Gebilde, das die Wahrnehmung verschiebt und das sich anfangs im Zeitlupentempo bewegende Tänzer-Trio zunehmend in sich aufnimmt.

Fast überflüssig wirken da die geschminkten Masken und Kostüme (Amanda Freyer), die den Darstellern einen nostalgischen Anstrich verleihen, den weder die Musik noch die Choreografie in sich trägt. Letztere entwickelt sich allmählich und erreicht wie Essls intensiv werdendes Klangrauschen durch die Lichtinterferenzen seine volle Wirkung. Ein knappes, stupend getanztes Solo von Shih verweist auf dichten, choreografischen Gehalt. Scheinbar mühelos zieht sich der Tänzer am Schömer-Gebilde hinauf und entgleitet. Man war doch noch am Mond gelandet.


Ditta Rudle
Gesamtkunstwerk - vom Mond inspiriert
Bernd Bienert inszenierte „The Distance of the Moon“ am 28. Juni im Schömer-Haus
in: tanz.at 09.07.2002

An den Mond zu denken und nicht von romantischen Gefühlen erfüllt zu sein, das gelingt wohl nicht einmal beinharten Weltraumtechnikern. Dem Choreografen Bernd Bienert so wie so nicht. Ist auch gar nicht notwendig, wenn er den Treppenturm im Schömer-Haus (Klosterneuburg) in wechselnde Lichtkaskaden taucht und zur Musik von Karlheinz Essl Mitglieder des Tanztheater Homunculus die Distanz zwischen Erde und Mond überwinden lässt.

„Distance of the Moon“ nennt Bienert seine Choreografie, eine speziell für die Architektur von Heinz Tesar erdachte Performance. Als Ausgangspunkt hat Bienert eine Mond-Erzählung von Italo Calvino gewählt, doch wen scheren die Inhalte in einer Sommernacht, wenn die Musik rauscht, die Lichter glühen und die TänzerInnen zwischen Himmel und Erde schweben?

Der doppelläufige Treppenturm mit seinen runden Durchbrüchen und Ausblicken, von Bienert schon einmal durch eine Choreografie zur Bühne gemacht, verführt zu vertikal angelegten Bildern. Tänzer Kun-Chen Shih gelang es quasi die Schwerkraft zu besiegen und mühelos die Distanz zum metaphorischen Mond zu überwinden. Seine Partnerinnen, Martina Haager und Karin Steinbrugger, bewegten sich als nicht nur in der Größe unterschiedliche fremdartige Wesen ebenfalls auf mehreren Ebenen, lockten und ließen sich verlocken und konnten besonders in den Terzetten zeigen, dass sie auch mit ungewöhnlichen Auftrittsbedingungen zurecht kommen. Vor allem wenn er die Tänzerinnen mit Kun-Chen Shih zum Trio vereinigte, zeigte sich Bienert als einfallsreicher Choreograf, selbst wenn ihn an diesem Abend eindeutig mehr das Spiel des Lichtes fesselte, als das der TänzerInnen. Bernd Bienerts Lichtchoreografie war ein integrierter Bestandteil der Performance, so wie der spezielle Ort. Atemberaubende optische Täuschungen verwandelten das Treppenhaus in ein virtuelles Schloß, versetzten es in Bewegung, als wären die Treppen und Fenster, Gitterstäbe und Etagen ein lebendiges Wesen. Die Effekte ließen die TänzerInnen in ihren schwarzweißen Kostümen (Amanda Freyer) zu unwirklichen Wesen werden, unversehens verschwindend, um ganz anderswo überraschend wieder aufzutauchen. In diesem künstlichen, unwirklichen Raum tat sich ein weiterer auf: die Musik von Karlheinz Essl. Romantisch trotz Live-Elektronik und computerunterstützter Kompositionstechnik und nicht neben, vor oder über dem Tanz herlaufend, sondern in perfekter Einheit.

Nur an zwei Abenden war diese Performance zu sehen, ein festliches kleines Gesamtkunstwerk. Überdies: ausreichend geprobt, nicht sinnlos zerdehnt und das Publikum nicht manipulierend, sondern ihm jenen Freiraum einräumend, den es zum Träumen und Begreifen benötigt. Romantik kann durchaus künstlerisch und durchaus zeitgemäß sein.



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Updated: 17 Dec 2016