Karlheinz Essl

Portrait KHE


FABRIC

sound/video/performance
2017

Commissioned by Künstlerhaus Vienna



Basics | Geschichte | Performances



Karlheinz Essls FABRIC bezieht sich unmittelbar auf den aktuellen Aufführungsort und seine Geschichte, nämlich die von Bernhard Altmann 1915 gegründeten Firma zur Erzeugung und Vertrieb von Woll- und Wirkwaren, kurz Altmann'sche Textilfabrik genannt.

Bereits bei seinem ersten Besuch des eindrucksvollen Loftspace von Künstlerhaus 1050 im 4. Stock der ehemaligen Textilfabrik, hatte der Komponist „Feuer gefangen“ und sich mit Begeisterung in seine Arbeit gestürzt. Neben textlichen und bildlichen Quellen zu Bernhard Altmanns Fabrik ließ sich Essl (selbst Sohn einer bekannten österreichischen Kunstsammler-Familie) von Maria Altmanns „Restituierungskrimi“ rund um Gustav Klimts berühmten Bildnis der Adele Bloch-Bauer (1907) inspirieren, das sich im Familienbesitz der Altmanns befand, bevor es zum nationalsozialistischen Raubgut wurde.


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FABRIC-Kristall FABRIC-GoldKlimt

Video stills of FABRIC
© 2017 by Karlheinz Essl


Essls 20-minütiges Stück übt einen hypnotischen Sog aus. Die Musik entwickelt sich aus zwei gegensätzlichen Klangmaterialien – einem Nähmaschinengeräusch bzw. Fragmenten aus Schuberts Klavierlied „Gretchen am Spinnrade“ – und steigert sich zu hochenergetischer Klangverdichtung, die als „Wall of Sound” mit voller Härte auf das Publikum trifft. Die Klangebene sowie die ebenfalls von Karlheinz Essl als Algorithmus konzipierten Visuals befinden sich während der Live-Performance in einem ständigen, sich langsam verändernden Transformationsprozess. Dazwischen gibt es lyrische Abschnitte mit Klavierimprovisationen, die - ebenfalls bereits den Keim der Veränderung in sich tragend - sich dramatisch zu neuen Gestalten und Erlebnisqualitäten verdichten. Ganz im Sinne der alchemistischen Transmutation verändern sich auch hier die Substanzen: Der „Fabriksdreck“ und die harte Arbeit der Textilarbeiterinnen verbinden sich zu „Gold“ – und vice versa. Dies spiegelt sich auch in den von Simon Essl gesteuerten Visuals wider, wo aus acht vielfältig miteinander verknüpfbaren Bildsujets ein Film in Echtzeit generiert wird. Bild und Ton entstehen in Wechselwirkung und kommentieren sich gegenseitig. Sie erzählen eine vielfältig lesbare Geschichte, die ihre Energie aus dem Spannungsfeld von vermeintlich unvereinbaren Gegensätzen erhält. (Maria C. Holter / Karlheinz Essl)


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User interface of the FABRIC sound generator, written in Max
© 2017 by Karlheinz Essl



Die Geschichte der Altmann'schen Textilfabrik

Das Gebäudeensemble Siebenbrunnengasse-Zentagasse-Stolberggassse wurde in seiner heutigen Erscheinungsform in verschiedenen Baustufen von 1914 bis 1948 im Auftrag des Bauherrn Bernhard Altmann von zwei damaligen Mitgliedern des Künstlerhauses, der Architektengemeinschaft Heinrich Schmid und Hermann Aichinger, errichtet und beherbergte die berühmte Altmann'sche Textilfabrik.

Bernhard Altmann (23.12.1888 Przemysl - 2.12.1969 Zürich) war 1914 in die Siebenbrunnengasse 19-21 eingezogen, wo er 1915 mit einem Garnhandel startete. 1919 errichtete er eine Strickwarenfabrik in der Stolberggasse, die wenig später bereits 1000 Menschen Arbeit bot. 1923 wurde der Erweiterungsbau im Hof errichtet. 1926 wurde die Produktion in Moskau aufgenommen, 1932 in Paris. Sofort nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde sein Bruder Fritz Altmann, verehelicht mit Maria, geborene Bloch-Bauer, in Dachau inhaftiert und Bernhard Altmann – der sich bereits in Paris befand – als Lösegeld für seinen Bruder die Fabrik und das gesamte Vermögen abgepresst, einschließlich einer bedeutenden Kunstsammlung mit vielen Gemälden von Albin Egger-Lienz. Ein Depot der Sammlung befand sich im Fabrikgebäude in der Siebenbrunnengasse.

Über Paris und London gelang ihm die Flucht in die USA, wo ihm innerhalb weniger Jahre mit der ersten Kaschmirproduktion auf amerikanischem Boden ein fulminanter Neustart gelang. 1951 wurde ein Drittel der gesamten US-Produktion an Wollwaren aus Kaschmir von Altmann erzeugt. Seine in Kalifornien ansässige Schwägerin Maria Altmann, geborene Bloch-Bauer, besorgte den Vertrieb und eroberte mit den Produkten auch Hollywood.

Bereits 1945 nahm Altmann die Produktion in der restituierten Fabrik in Margareten wieder auf. 1947 konnten schon wieder 500 Arbeiter vollbeschäftigt werden. 1948 formulierte der Entrepreneur klassischen Zuschnitts seine Vision davon, „der Wiener Geschmacksindustrie auf vielen Märkten wieder zu Weltgeltung zu verhelfen“. Wie die Erfolgsstory seiner Produkte zeigt, ist ihm das auch bis zu seinem Tod 1969 gelungen. Im Jahr darauf musste das Unternehmen den Ausgleich anmelden, 1974 wurde die Produktion von der Vorarlberger Ganahl-Gruppe übernommen. Heutige Eigentümerin der Immobilie ist die S IMMO AG.

Quelle: Presseaussendung des Künstlerhauses anlässlich seines temporären Umzugs nach Wien-Margareten im September 2016



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Updated: 30 Jan 2017