Karlheinz Essl

Portrait KHE


Faites vos jeux!

A musical card game for 4-8 spatially distributed trombones and/or cellos
2004

Commissioned by Mürztaler Werkstätte / steirisc[:her:]bst


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Faites vos jeux! performed by ensemble xx. jahrhundert
Säulenhalle des Österreichischen Parlaments in Wien (22 Jan 2006)


Karten werden gemischt!  

Allgemeines

Faites vos jeux! ist eine Komposition für mehrere Posaunisten, die in weitem Abstand um das Publikum aufgestellt sind. Das Werk sollte vorzugsweise im Freien aufgeführt werden; andernfalls in einem großen Raum, der nicht als Konzertsaal konnotiert ist (Fabrikshalle, Kirche, Museum). Das Werk existiert nicht in Form einer Partitur, sondern als Kartenspiel. Dieses besteht aus 48 Einzelkarten mit unterschiedlichen musikalischen Motiven.

In Innenräumen (am besten mit viel Nachhall) kann das Klangspiel auch mit Violoncelli gespielt werden, aber auch in Kombination mit Posaunen. So geschehen am 24.01.2006 beim Portraitkonzert Karlheinz Essl in der Säulenhalle des Wiener Parlamentes.

Die graphische Gestaltung des Kartenspieles besorgte die Grafikerin Isabella J. Zieritz.


Spielregeln

Jeder Musiker erhält einen eigenen Kartenstapel, der vor dem Spiel gemischt wird. Die so erzeugte zufällige Abfolge der musikalischen Motive ist für den Spieler verbindlich: er spielt die oberste Karte auf dem Stapel und macht danach eine Pause, deren Länge und zwischen 4 und 30 Sekunden liegen soll. Danach nimmt er die nächste Karte und fährt so lange fort, bis der Kartenstapel aufgebraucht oder die vorher festgelegte Gesamtdauer (z.B. 20 Minuten) erreicht ist.

Da es keine von außen gesteuerte Koordination der Musiker gibt, entsteht das Stück aus der momentanan Interaktion der Spieler. Diese sollten darauf achten, ihre musikalischen Beiträge immer im Hinblick auf den sich entfaltenden Gesamtklang zu gestalten. Das betrifft vor allem die frei wählbaren Dauern der Pausen, die Länge der Motive und die Intensität des Ausdrucks.


Videos

Soundtrack für die Performance Kugelkopf ext.4: Sub Divo von Nagl ~ Wintersberger
Internationale Bühnenwerkstatt Graz, Botanischer Garten (13 Jul 2017)


Interpretation von einem Posaunen-Ensemble unter der Leitung von Josef Maierhofer
Festival brücken17, Südbahnmuseum Mürzzuschlag (11 Jun 2017)


Ausführungshinweise

Die musikalischen Motive lassen sich in drei Kategorien einteilen:

Liegetöne mit verschiedenen Hüllkurven; die Länge kann vom Spieler bestimmt werden und sollte zwischen 4 Sekunden und "so lang wie möglich" reichen. Die Gestaltung der Dynamikverläufe kann mit einem WahWah-Dämpfer unterstützt werden, wobei dieser immer kontinuierlich zu öffnen bzw. zu schließen ist, sodass sich langsame Filterungen des Klangspektrums ergeben.

Sforzati erscheinen als isolierte Impulse, als Vorschlagsfiguren oder als Ricochets. Bei Letzteren handelt es sich um rasche, decrescendierende Tonwiederholungen, die accelerando oder ritardando gespielt werden können.

Figuren wie melodische Motive, rhythmische Gestalten oder Triller. Das Tempo kann vom Spieler frei gewählt werden.

NB: Glissando-Bewegungen sind immer ganz gleichmäßig zu spielen.


Credits

Das Werk wurde von der Walter Buchebner Gesellschaft in Auftrag gegeben und wurde am 23.10.2004 am Alten Wehr in Mürzzuschlag (A) im Rahmen des Steirischen Herbstes uraufgeführt. Die Ausführenden sind Mitglieder des Mürztaler Sinfonieorchesters und des Symphonieorchesters Szombathely.


Uraufführung Auwehr Mürzzuschlag

Uraufführung von Faites vos jeux! am Auwehr in Mürzzuschlag


Kritik

Zwischen Geström und Hobelspänen (Andreas Felber)
"muerz werkstatt": Werke von Essl und Ligeti

Mürzzuschlag - Die Sonne hitzte, in den Bäumen ward freudvoll tiriliert, das leise Rauschen des Geströms fungierte als akustische Grundierung. Idyllisch war es am waldig umwipfelten Auwehr am Rande Mürzzuschlags, derart, dass man gar die knallenden Büchslein der Waidmänner vernahm. Die sich dergestalt ins Spiel der Posaunisten einschalteten, die da von Felsen, Dächern und Brücken herab das Wehr beschallten. Karlheinz Essl hatte für diesen Ort das kluge "Klangspiel" Faites vos jeux! ersonnen.

Ein Kartenset mit 48 Motivmodulen diente als Spielvorlage, welches, vor Beginn durchmischt, in unvorhersehbarer Reihenfolge Material für die zeitlich frei zu gestaltende Klangdiskussion vorgab. Tatsächlich ergaben sich so mitunter überraschungsreiche Klankonstellationen, mitunter bedauerte man freilich, dass diese nicht in größeren Bögen weitergeführt werden konnten: Die Trombonisten hatten schließlich die nächste Karte zu beäugen. (...)

in: DER STANDARD, Wien 25.10.2004



Karlheinz Essl im Gespräch mit Silvia E. Pagano

Silvia E. Pagano: Gibt es Sachen, die mit dem Computer möglich sind, die mit Instrumenten nicht möglich wären, oder andersherum?

Karlheinz Essl: Ich habe gerade eine interessante Erfahrung gemacht: Ich schreibe ein neues Stück für sieben Posaunen, das in einem Open-Air-Konzert aufgeführt werden soll. Das findet im Oktober in Mürzzuschlag statt, bei einer Wehranlage, wo ein Bach aufgestaut wird. Da ist ein kleiner Bach, da ist Landschaft und Wald und ein kleiner Stausee... und dort sind auch die Posaunisten verteilt, und das Publikum befindet sich darunter.

SEELEWASCHEN   Dieses Stück ist der Versuch, ein Konzept, das ich zuvor für elektronische Musik entwickelt habe (nämlich für die Installation Seelewaschen in Korneuburg), mit Instrumenten umzusetzen. In Korneuburg war das eine Klangbegleitung zu einer Lichtinstallation von Rainer Gottemeier. Da waren auf einer ehemaligen Werft in sehr großem Abstand Lautsprecher aufgestellt, zum Teil auch jenseits des großen Hafenbeckens. Jeder Lautsprecher war eine autonome Spielstation, auf der eine CD im Shuffle-Mode gelaufen ist. Auf der CD waren Pausentracks und Tracks mit Sound drauf, die mit dem Shuffle-Modus immer neu zusammengewürfelt worden sind. Aus dem klanglichen Zusammenspiel zwischen den sieben Lautsprechern entstand ein sich ständig erneuerndes musikalisches Gebilde, das nicht vorhersehbar war. Nach einer gewissen Zeit kennt man zwar das Material, aber das, was jeweils zusammentrifft, ist unvorhersehbar und wirkt dabei immer spannend.

Der Versuch war, ein ähnliches Konzept zu verwenden, allerdings mit Livemusikern. Die Posaune wird eingesetzt, weil sie ein Instrument ist, das gut im Freien klingt und weit trägt. Ein Streichinstrument braucht einen Raum um zu klingen (das würde Open-Air nicht funktionieren), aber Posaunen tragen gut und klingen schön und haben auch ein breites klangliches Spektrum.

Ich habe lange überlegt, wie das Stück funktionieren soll: Die Idee von dem Stück ist nicht, dass es eine Partitur gibt, dass da ein Dirigent wachelt und das Ganze åfoch obigspü’t wird, sondern jeder Musiker ist sozusagen eine autonome Spielstation, die für sich funktioniert. Erst durch die Überlagerung dieser sieben Schichten entsteht das ganze Stück. Das funktioniert so, dass die Musiker Noten haben, allerdings nicht gewöhnliche Stimmen, wie man sie kennt: Ich wollte ein Notationssystem entwickeln, das mobil ist – dass die Musiker nicht einen Ablauf, den sie sich vorher überlegt haben, realisieren, sondern dass dieser jedesmal anders ist.

Das Stück besteht aus insgesamt 48 verschiedene Klangmodellen, die sich in drei Kategorien einteilen lassen: Liegeklänge, die schön an- und abschwellen, oder von niente auf forte gehen, oder laut beginnen und leise werden. Dann gibt’s sogenannte Punkte, kurze, laute Attacken, und zuletzt noch so etwas wie rhythmisch-melodische Motive.


LIEGETON PUNKT MOTIV


Zunächst hatte ich mir gedacht, man könnte den Musikern ein Blatt mit den 48 Klangmotiven in die Hand geben und sagen: „Jetzt spielt’s einfach irgendeine Abfolge durch.“ Ich habe mir überlegt, vielleicht eine Art graphisches Labyrinth einzubauen, wo man mit Verzweigungen arbeitet. Aber dann ist mir klar geworden, dass die Musiker solche abstrakten Konzepte vielleicht nicht gewohnt sind; sie würden sich allenfalls einen einzigen Weg zurechtlegen und diesen dann jedesmal reproduzieren. Und dabei ist mir die Idee gekommen mit dem „Shuffle“ von den CDs. Wo „shuffelt“ man denn noch? Im Wirtshaus! Bei der Blåsmusik. Erst wird gspü’t, dann geht man ins Wirtshaus, dann trinkt man und dann werden Karten geshuffelt (= gemischt), und dann wird wieder gspü’t (diesmal mit Spielkarten). Ich habe mir gedacht: die adäquate Notation ist eigentlich ein Kartenspiel.

Im Augenblick bin ich dabei, ein Kartenspiel zu produzieren, wo die musikalischen Modelle auf Spielkarten gedruckt werden. Jeder Musiker erhält einen Kartenstapel, mischt diesen und erzeugt sich so seine verbindliche Abfolge der Motive, die er dann spielt.

Soviel zur Frage, was mit Computern möglich ist und mit Instrumenten nicht, oder schon. Insofern kam diese Lösung aus der Erfahrung mit den CDs. Das Lustige bei den Karten ist, dass ich zunächst gedacht habe, das ist ja einfach, da nehme ich ja einfach ein A3-Papier, teile mir dies in Raster ein, kopiere die Noten drauf, lasse es durch den Xerox laufen, schneide das mit der Maschine in Streifen, habe dann schöne Karten... Das funktioniert aber nicht! Um Karten mischen zu können, brauchen die abgerundete Ecken, es muß ein ganz spezieller Karton sein, der muß griffig sein, der muß beschichtet sein, damit er beim Mischen nicht pickt. Darüber habe ich mit meiner Grafikerin gesprochen, und wir arbeiten jetzt zusammen an der Umsetzung des Kartenspiels.

SEP: Das ist eine gute Idee!

KHE: Und ich glaube auch, das wird total gut funktionieren.

SEP: Und Spaß machen wird das nebenbei auch!

KHE: Genau. Ich habe habe den Aufführungsort zuvor besucht, habe mit den Leuten gesprochen, die das machen, und habe dabei schon eine Vorstellung bekommen, wie das werden könnte. Die Posaunisten stehen dort weit voneinander entfernt, jeder hat sein Instrument. Sie alle spielen relativ wenig reduziertes Material mit verschieden langen Pausen dazwischen, und dadurch entsteht eine Art Klang-Environment. Das funktioniert zwar nicht wie eine Komposition mit Höhepunkt und Entwicklung, sondern läuft in einer Weise ab, die man nicht vorhersehen kann. Dann habe ich eben lange darüber nachgedacht, wie man das notiert könnte, und was das für Klangmaterial ist. Dann kam die Idee, die Töne zu reduzieren: Es gibt in dem Stück eigentlich nur 8 Zentraltöne (mit gewissen Zusätzen und Abweichungen), aus denen alles aufgebaut ist. Diese Tönen lassen sich beliebig kombinieren, so dass alle Zusammenklänge damit gut möglich sind und Sinn machen. Das geht sogar soweit, dass sich da sogar ein Zitat aus der 5. Symphonie von Gustav Mahler ausgeht:

„tam – tatatatam – tatatataaaa – ram.“ Das ist auch schön. Jeder Musiker spielt dieses Motiv genau einmal und während des ganzen Stücks scheint immer wieder dieser Mahler durch. Das ist so ein kleiner Witz, aber der integriert sich völlig in das gesamte harmonische Gefüge.

SEP: Wie ist es denn mit der Improvisation? Das Kartenspiel grenzt ja an Improvisation...

KHE: Im Grunde hat es mit Improvisation nichts zu tun, weil die Musiker keine kompositorischen Entscheidungen treffen. Die Entscheidung, was sie spielen, wird ihnen durch das Mischen der Karten abgenommen. Das einzige, was sie bestimmen dürfen, ist die Länge der Pausen, bis sie das Motiv der nächsten Karte spielen. Sie haben gewisse Freiheiten hinsichtlich des Tempos. Selbst aber dafür gibt es einen Zeitrahmen: Die Pause darf nicht kürzer als vier und nicht länger als dreißig Sekunden sein, aber innerhalb dieses Rahmens können die Musiker frei entscheiden. Weiters können sie entscheiden, wie lang sie die ausgehaltenen Töne spielen: so lang, wie der Atem reicht bis hin zu einer vorgegebenen Mindestdauer. Das hat aber auch nichts mit Improvisation zu tun, das ist Interpretation. Die Idee ist vielmehr, dass die Musiker die Ohren aufmachen, hören, was die anderen machen, und dann entscheiden, antworte ich sofort, oder lasse ich mir Zeit, oder steige ich später ein. Mit Improvisation hat das aber nichts zu tun, weil man beim Improvisieren schöpferisch tätig ist und etwas im Moment erfindet.


Dieses Gespräch wurde am 8. August 2004 im Studio kHz geführt und kann in voller Länge hier nachgelesen werden...


Literatur



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Updated: 16 Aug 2017