Entrée

Karlheinz Essl


fLUMEN
Process for sound scape, live musicians, computers, live-electronics, and spotlights
Part of the work-in-progress fLOW (1998/99)


Brucknerhaus
A-4010 Linz, Untere Donaulände 7
Tel: +43-732-76120

Sat, 24 April 1999, 19:30



fLUMEN ist die nunmehr siebente Realisation des work-in-progress fLOW und wurde speziell für das Linzer Brucknerhaus konzipiert. Eine Lautsprecherinstallation geleitet die Besucher von den Garderoben über die Stiege hinauf zum Foyer, von wo aus sie die direkt am Brucknerhaus vorbeifliessende Donau betrachten können. Die elektronischen Klänge schaffen so ein Verbindung zwischen der außen befindlichen Flusslandschaft und der Musikperformance im mittleren Saal des Brucknerhauses.


Photos: © 1999 by Sabine Starmayer


Hochkarätige Musiker aus so unterschiedliche Genres wie Neuer Musik, experimentellem Jazz, Rock, freier Improvisation, New Electronic Music und Klangkunst spielen im Stiftersaal (der über das Foyer betreten wird) eine 140minütige Kollektivimprovisation nach einer von Karlheinz Essl ausgearbeiteten Zeitpartitur. Die Idee des Fließens bezieht sich nicht allein auf die ständig im Fluss befindlichen Klänge und Improvisationsstrukturen: eine Lichtinstallation, die von einem Computer-Algorithmus gesteuert ist, löst durch permanent changierendes Farblicht architektonische Starrheit des Innenraumes auf und beginnt ihn gleichermaßen zu verflüssigen.

Solche Auflösungsprozesse greifen wiederum auf die Musik über, die sich zum Schluss hin in ein wogendes Rave verwandelt, dessen Ekstatik sich unmittelbar auf die Besucher überträgt.


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Presse

Mathes & Melancholie

Mit der Kollektivimprovisation fLUMEN kam Komponist Karlheinz Essl als Chef-Elektronik-Performer ins Linzer Brucknerhaus. Seine Mitarbeiter beim Aufführen der 140minütigen Musik nach regulierender "Zeitpartitur" waren Schlagwerkerin Elisabeth Flunger, E-Gitarrist Burkhard Stangl, Bassklarinettist Gene Coleman, Posaunisz Mike Svoboda und die Elektronik-Performer Richard Barrett und Christian Fennesz.

Beherrscht vollzogen sie gestenreicher "Fließen" verzweigter Vielfalt zwischen Erinnerungen samt Rückfällen und Gegenwart ohne Vorwärts-Fährnisse. Mathematik und Melancholie. Ein pausenloser Mehrakter mit verdeutlichten und verschlüsselten Fällen. Ausgeklügelt kombinierte Tonzeichen, Klopfsignale, Motivfragmente, Klangsetzungen. Manche melodische Magersucht, Kommodes über der Kippe, Grüße an eine imaginäre Volksmusik.

Schließlich spielte der Siebener kollektivselig eine konfirmandenhafte 60er-Free-Partie, die weder Ulk kennt noch zur Sache kommt zwischen Qual und Lust.


(ur)
in: Oberösterreichische Nachrichten (26 Apr 1999)


Der Zauber tonaler Deformation - Computermusik begeistert ältere Zuhörer

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, mir in Österreich ein Konzert mit Computermusik anzuhören. Ort der Aufführung: Linz, eine Stadt zwischen Wien und Salzburg, wo Mozart eine Symphonie komponierte und Bruckner in jungen Jahren als Organist tätig war. Auch das Stift St. Florian, wo Bruckners sterbliche Reste begraben liegen, ist nah. Für die japanischen Klassik-Fanatiker ein unverzichtbarer Ort der Sehnsucht.

Bereits 1974 gab es im Linzer Brucknerhaus am Ufer der Donau die erste Veranstaltung von Computermusik. An diesem Abend (24.4.) wurde eine Komposition des jungen, in Wien lebenden Musikers Karlheinz Essl, die extra für diesen Anlaß komponiert worden war, uraufgeführt. Ich kannte zwar Essls Arbeiten bereits über Internet, und wußte, daß die sieben, acht Musiker eine ganze Nacht hindurch in einer Art Session improvisieren, während sie auf einem Computerbildschirm blicken. Ich wollte jedoch live erleben, welches System sie dabei anwenden, wieweit die Kompositionen festgelegt sind und wie sie improvisieren. Auch interessierte mich, welche Funktion die Beleuchtung während der Aufführung und im ganzen System spielt.

Der Klarinettist gibt ein Geräusch von sich, während er auf die Uhr und die Symbole, die auf seinem Laptopbildschrim erscheinen, blickt; der Sound des Schlagzeugs wird seltsam deformiert und echoartig wiederholt; die Posaunenklänge umspülen jeden einzelnen Zuhörer; die unerwarteten Klänge bauen sich zu einer zweistündigen Fuge zusammen.

Essl selbst tritt zugleich als Keyboarder und Computerprogrammierer auf die Bühne. Die Töne, die das Keyboard von sich gibt, entstammen einem sampling von Vogelgezwitscher, Wasserrauschen; auch einige Sequenzen aus No-Gesängen konnte ich zu meiner Freude heraushören. Und während der Sonnenuntergang hinter der Donau, die man durch die Fenster der Brucknerhalle sehen kann, die passende Kulisse bildete, entstanden Klänge von Wasser und Gewitter.

Es ist nicht anzunehmen, daß Computer in Österreich sonderlich verbreitet sind, doch gibt es in Linz das in der Medienkunst berühmte Ars Elektronica Center, wo alljährlich im September ein internationales Festival stattfindet. Dieses Festival wird regelmäßig vom Bruckner Festival gefolgt, das ebenfalls im September stattfindet. In dieser Zeit ergötzen sich zahlreiche Menschen sowohl an der allerneuesten, als auch an der traditionellen klassischen Musik und füllen während der jährlichen Lasershow beide Ufer der Donau.

Was mich an Essls nächtlicher Vorstellung besonders beeindruckte, war, daß das Publikum zwar zum Großteil aus älteren Damen und Herren bestand, die dem Konzert aber dennoch begeisterten Beifall spendeten.



Mikako MIZUNO, Komponistin, Lektorin an der Städtischen Kunsthochschule Nagoya

in: Chûnichi shimbun (Samstag, 8. Mai 1999)
Übersetzung: Mine Scheid-Katayama



Mitwirkende

  Gene Coleman (USA) bass clarinet
  Mike Svoboda (D) trombone, didgeridoo, conch shell, Gartenschlauch
  Burkhard Stangl (A) e-guitar
  Elisabeth Flunger (I) percussion
  Richard Barrett (UK) sampler
  Christian Fennesz (A) computer & electronics
  Karlheinz Essl (A) computer &amp (m@ze°2), sound scape, light control



Gene Coleman (* 1959 in Chicago)

Komponist, Baßklarinettist und bildender Künstler. Studien: Malerei, Film und die Musik des 20. Jahrhunderts, privater Kompositionsunterricht bei Henry Brant. Seine musikalischen Aktivitäten erstrecken sich mittlerweile auch auf Europa wo er als Solist und in Zusammenarbeit mit verschiedenen Ensembles auftritt und auch Workshops gibt. Gemeinsam mit dem von ihm gegründeten "Ensemble Noamnesia" hat er in Chicago viele Kompositionen europäischer Avantgardekomponisten wie Helmut Lachenmann, Vinko Globokar, Gerhard Stäbler und Salvatore Sciarrino aufgeführt. Lebt in Chicago.


Mike Svoboda (* 1960 in Guam)

Zunächst Jazzposaunist in Chicago, dann Kompositions- und Dirigierstudium u.a. auch in Deutschland. Vielseitige Konzerttätigkeit und Festivalauftritte in aller Welt. Zusammenarbeitet mit Komponisten (Frank Zappa, Helmut Lachenmann, Karlheinz Stockhausen, Mathias Spahlinger u.a.); brachte mehr als 200 ihm gewidmete Werke zur Uraufführung. Svoboda gilt heute als einer der vielseitigsten und international gefragtesten Blechbläser. Als Solist spielte er u.a. mit dem Ensemble Modern, den Sinfonieorchestern des Bayrischen Rundfunks, des Südwestfunks und des Westdeutschen Rundfunks, aber auch in verschieden Jazz- und Improviser Groups z.B. mit Phil Minton und Michael Riessler. Lebt in Dettenhausen bei Tübingen (BRD).


Burkhard Stangl (* 1960 in Eggenburg)

Gitarrist und Komponist. Studien: klassischen Gitarre, Ethnologie, Musikethnologie. Gründung der Ensembles TON.ART (1985) und MAXIXE (1991). Verschiedene CD-Veröffentlichungen (u.a. Hat Art, Extraplatte, Durian Records). Teilnahme an zahlreichen Festivals (Musikprotokoll, Witten, Hörgänge, Fluctuations). Lebt in Wien.


Elisabeth Flunger (* 1960 in Bozen)

Schlagzeugerin und Performerin. Studien: Musikwissenschaft, Ethnologie, Schlagzeug und Komposition (Erich Urbanner). Seit 1987 freiberufliche Schlagzeugerin und Solistin in verschiedenen Ensembles, vor allem für zeitgenössische Musik. 1986 Gründung des Schlagwerkensembles "Les Guetteurs des Sons". Beschäftigung mit kubanischer und brasilianischer Percussion. Zusammenarbeit mit MusikerInnen und SängerInnen aus unterschiedlichen Bereichen, mit zunehmendem Schwergewicht auf freier Improvisation. Lebt in Wien.


Richard Barrett (* 1959 in Wales)

Komponist und Elektronik-Performer. Studien: Genetik, Komposition (Peter Wiegold). Gewann 1986 den angesehenen "Kranichsteiner Musikpreis" der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik und den "Gaudeamus-Preis" (Amsterdam 1989) für junge Komponisten. 1984 Gründung des "Ensemble Exposé". Neben seiner kompositorischen Tätigkeit tritt er mit Paul Obermayer im Improvisationsduo FURT auch als Live-Performer von elektronischer Musik hervor, daneben auch als Mitspieler von George Lewis und Evan Parker. Unterrichtet elektronische Musik am Konservatorium in Den Haag. Lebt er in Amsterdam.


Christian Fennesz (* 1962 in Wien)

Komponist, Produzent und Elektronik-Performer. Studien: Ethnologie, Musikwissenschaft. 1988-92 Gründer und Gitarrist der Experimentalband "Maische". 1994/95 Produzent der Gruppe "Play the tracks of". Zusammenarbeit u.a. mit Colin Newmann, Scanner, Jim O'Rourke. Gemeinsam mit Christof Kurzmann Leitung des "Orchesters 33 1/3". CD-Veröffentlichungen beim MEGO Label ("hotel paral.lel"). Aufführungen u.a. bei Töne/Gegentöne, Musikprotokoll, Phonotaktik, Ars Electronica. Lebt in Wien.


Karlheinz Essl (* 1960 in Wien)

Komponist und Elektronik-Performer. Studierte Musikwissenschaft und Komposition in Wien. 1990-94 "Composer in residence" bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik,1992/93 Realisierung eines Kompositionsauftrages am IRCAM in Paris. Unterrichtet "Computermusik" am Studio for Advanced Music & Media Technology (SAMT) der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz. Komponiert Instrumentalwerke, elektronische Musik, interaktive Klanginstallationen, intermediale und Internet-Projekte. Tätigkeit als Performer im Bereich der Live-Elektronik. Zahlreiche Aufführungen im In- und Ausland. Internationale Zusammenarbeit mit den wichtigsten Ensembles für Neue Musik. 1996 Portraitkonzerte bei den Salzburger Festspielen. Lebt in Klosterneuburg.



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Updated: 24 Jun 99