Karlheinz Essl

Portrait KHE


four2eight

for 4 groups of 1 trumpet and 1 trombone each,
spatially distributed in a large reverberant hall (1999/2000)

Commissioned by "Mürztaler Werkstätte" for the festival Steirischer Herbst


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Uraufführung durch das Mürztaler Sinfonieorchester (Dir. Ernst Smole)
Neuberg an der Mürz, Münster (15 Sep 2000)



Christian Baier:
Zu Karlheinz Essl's "four2eight"

Karlheinz Essl ist ein Skeptiker, aber nicht im Sinne des als "cool" ästhetisierten Skeptizismus unserer Tage, der sich in der In-Frage-Stellung des Bestehenden erschöpft, ohne nach Antworten zu suchen. Vielmehr ist Essl ein ein Skeptiker, der die Fragen, das Erfragbare hinterfragt, um zu den eigentlichen Fragestellungen zu gelangen. Schon in seinen kompositorischen Anfängen wird klar, daß für ihn nicht der Akt der Kreativität Kunst produziert, sondern die Kunst durch einen Akt der Verwirrung und Verstörung die eigentliche Kreativität freisetzt. Aufgabe der Kunst ist die Anregung ihrer Rezipienten, die Welt des Bestehenden, das Präfixierte und durch Traditionen oder durch Modediktate Determinierte zu hinterlauschen.

Der 1960 in Wien geborene Karlheinz Essl nimmt in der österreichischen Musikszene eine Sonderstellung ein. Im Unterschied zu vielen seiner KollegInnen, die sich - aus Gründen der Vermarktbarkeit - vorschnell der Moderne - was immer sie auch bedeuten mag - verschrieben haben, hat Essl von Anfang an konsequent das Bekenntnis zu einer klar definierbaren Stilrichtung verweigert und es so jenen schwer gemacht, die gewohnt sind, das Kunstwerk als ein in sich geschlossenes, hermetisch nach außen hin abgeschottetes Ganzes zu sehen. Essls Gesamtschaffen ist ein heterogenes Gebilde, in dem eines klar zum Ausdruck kommt: seine Skepsis gegenüber der Funktion des Komponisten als Partiturenlieferant.

"Seit einigen Jahren", bekennt er, "beschäftigen mich Fragen über die Rolle des Komponisten. Für mein eigenes Schaffen habe ich den Komponisten als Schöpferperson, die alles bis ins kleinste Detail durchgestaltet und durchorganisiert, verabschiedet. Natürlich schreibe ich auch Stücke, die fein durchgearbeitet, und an denen mehr oder weniger alles textuell determiniert ist, was sich an Musik überhaupt präfixieren läßt, gleichzeitig komme ich aber als ausübender Musiker von der improvisierten Musik..."

Seine jüngsten Kompositionen wie mise en scéne für vier Ensemblegruppen (1998) oder onwards für Klavier, Schlagzeug, Saxophon und Elektronik (1999), das an die Grenzen der frei improvisierten Musik führt und gleichzeitig die Grenzen einer scheinbar nur schrankenlosen, in sich jedoch feinst strukturierten Freiheit auslotet, legen Zeugnis ab über das Bestreben des Komponisten, Erkenntnisprozesse beim Publikum zu initiieren, Erkenntnisprozesse allerdings nicht im Sinne einer nachvollziehbaren, schwarzpädagogischen Aufgabenstellung, einem ästhetisch-stilistisch-kompositionstechnischen Rätselraten, sondern in beinah aufklärerischem Sinne.

Essl stellt als aufklärerischer Skeptizist Anforderungen an das Publikum, allerdings nicht zum egomanen Zweck, sich als Person Gehör zu verschaffen, sondern um den Gegebenheiten des Musikalischen an sich Raum, Forum zu schaffen. Die konzentrierte Aufmerksamkeit, die Essls Werke vom Rezipienten fordern, kommen letztendlich dem eigenen, höchst subjektiven Erkenntnisprozeß zu gute.


Analyse

"four2eight" macht sich hören. Die vier Gruppen zu je einer Trompete und einer Posaune sind in den vier Ecken des großen, möglichst halligen Aufführungsraumes um die Zuhörer herum positioniert. Auch in früheren Kompositionen hat Essl bereits den Konzertraum mit seiner einseitigen erstarrten Rezeptionsrichtung aufgebrochen, nun umzingelt er das Publikum mit Schallquellen. Der Dirigent hat seinen Platz in der Mitte des Raumes, also im Publikum. Nicht nur die Musiker können ihn dadurch sehen, sondern auch das Publikum. Er, ausschließlich dessen Rücken das Publikum in der herkömmlichen Konzertsituation zu sehen bekommt, ist also nun durch seine Positionierung das weithin sichtbare "missing link" zwischen den Ausführenden und den Rezipienten. Seine Einsatzzeichen gelten den Musikern ebenso wie dem Publikum.

Die Komposition gewinnt ihre akustischen Dimensionen aus der Selbstbeschränkung, die sich der Komponist bei der Wahl des Instrumentariums auferlegt hat. Der homogene Klang der Blechbläser läßt wenig koloristische Effektmöglichkeiten zu. Doch gerade aus der Enge des klanglichen Spektrums erwächst die Vielfalt der Affekte. Alle Instrumente sind mit einem Wah-Wah-Dämpfer ausgestattet, der die Ausführung der in dem Werk vielerorts auftauchenden Ein- und Ausblendevorgänge erleichtert. Diese Fade-in- und Fade-out-Vorgänge - in der Natur der Blechblasinstrumente an sich nicht beinhaltet - beginnen im Unhörbaren, schwellen bis zu einem bestimmten Maximum an, um wieder im Unhörbaren zu enden.

"four2eight" erwächst aus der Stille des Raumes aus einer Minimalbewegung: eine sich aus dem Nichts aufbauende Klangfläche der Trompeten, die sich aus sich selbst durch ein bei jedem Erklingen sich verlängerndes Triolenmotiv der Posaunen in Bewegung gerät. Doch auch diese Bewegung ist eine minimale, keine emotionale Geste, wie überhaupt "four2eight" fernab jeder emotionalen Affektivivität sich ausschließlich auf das musikalische Material und die Gegebenheiten des Raumes beschränkt und mit diesen operiert. Dem Triolenmotiv ist in einer Art Exposition - ebenfalls in den Posaunen - ein Ritardando-Motiv beigestellt. Diese beiden Motive bilden das Ausgangsmaterial des weiteren Klanggeschehens. In der als mögliche erste "Durchführung" der beiden Motivkomplexe zu verstehenden Passage werden nun die beiden Motive miteinander und zu den permanenten, ebenfalls motivisch zu verstehenden Ein- und Ausblendevorgängen in Beziehung gesetzt. Sie durchwandern - auch zu "accelerando"-Formen und Quintolen und Sextolen und schließlich zu figurativen Momenten "umgedeutet" - in pulsierender Form alle Instrumentengruppen. Am Höhepunkt dieses Abschnittes wird ein "Rip"-Motiv in der Trompete eingeführt, ein Obertonglissando mit Crescendo, das auf eine schmutzig ("dirty play") zu spielende Endnote hinsteuert. Waren bisher die acht Stimmen als singuläre Linien zu betrachten, die in ihrem linearen archaischen Nebeneinander momenthaft an das mittelalterliche Organum erinnerten, so findet am Schluß der Passage durch die Weiterführung eines Trompetenmotives der ersten Klanggruppe durch die Trompete der dritten Klanggruppe der Moment ein, in dem die Instrumente strukturell-räumlich miteinander in Beziehung zu treten beginnen. In einer zweiten "Durchführung" werden nun die verschiedenen Erscheinungsformen der Motive miteinander kombiniert: die Ein- und Ausblendevorgänge bilden dabei eine Art "Kulisse", vor und hinter(!) der der Kombinationsprozeß stattfindet, wobei das "Rip"-Motiv der Trompeten symmetrisierende Funktion innehat. Als "geräuschhaftes" Motivelement wird in den Trompeten das Schlagen mit der flachen Hand auf das Mundstück eingeführt, das in der nächsten "Durchführungspassage" das Klanggeschehen bestimmt. Das anfängliche Triolenmotiv hat sich zu komplexen Metren gewandelt, die sich in der vierten "Durchführung" im räumlichen Wandern eines Motivs durch drei Posaunenstimmen wiederspiegelt. Waren bisher die einzelnen "Durchführungen" durch Pausen erratisch voneinander getrennt, so entwickelt sich nun das "Rip"-Motiv der Trompeten (fünfte "Durchführung") zum vermittelnden Bindeglied. Nahtlos folgen die nächsten Abschnitte aufeinander. In der sechsten "Durchführung" wird die bisher stets präsente Klangfläche sukkzessive aufgelöst. Statische Klanglinien zerflattern in Trillerfigurationen und zu tremolierenden Segmenten, die innerhalb des Werkgestus beinahe schon "melodischen" Charakter gewinnen. Die Staccatomotive in Posaunen und Trompeten verzahnen sich mit den Ein- und Ausblendevorgängen zur Klangeinheit. In der kadenzartigen siebenten "Durchführung" findet eine erste Rückführung des Staccatomotivs auf seine Wurzeln, das Triolenmotiv des Anfangs, dar, bevor die Coda in kanonischer Form die acht Stimmen wieder zu vier Gruppen zusammenfaßt und das Werk mit einer in sich hyperdynamisierten, an ihrem Ende sich aufdröselnden und atomisierenden Klangfläche beschließt.

"four2eight" zeichnet sich durch gerade durch die filigrane Feinarbeit innerhalb der Gegebenheiten eines homogenen Klangkörpers aus. Aus der homogenen Einheit entwickelt sich eine feinstverästelte Klangvielfalt, die mit minimalsten Mitteln einen maximalen Hörraum erzeugt. Dieser vielschichtigen Binnenstruktur des Werkes wohnt ein zutiefst aufklärerisches Moment inne, das in der enzyklopädischen Ausschöpfungen der Ausdrucksmöglichkeiten begründet scheint.

© 2000 by Christian Baier


Score

The score of four2eight can be downloaded for free. Please note that the music is protected by copyright!


Karlheinz Essl: four2eight - score excerpt

Karlheinz Essl: four2eight for 4 trumpets and 4 trombones
page 4

© 2000-2016 by Karlheinz Essl



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Updated: 5 Jan 2016