Karlheinz Essl

Portrait KHE

...wird sichtbar am Horizont

for spatially distributed ensemble
1996

Commissioned by the Salzburg Festival 1997
In memory of my nephew Alexander Essl (1994 - 1996)


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...wird sichtbar am Horizont (1996)
Recording of the world premier, performed by Ensemble Modern, Dir. Hans Zender
Mozarteum, Salzburg Festival 1997 (6 Aug 1997)



Die neue Komposition Karlheinz Essls, ... wird sichtbar am Horizont (1996/1997), ist ebenso komplex gestaltet wie die vorausgegangenen: zwei widersprüchliche Strukturtypen - agile, expressive Gesten und statische, "heraufdämmernde" Klangflächen - werden vielfältig miteinander konfrontiert. Doch ebensowenig wie frühere Stücke wäre sie mit der Beschreibung ihrer Struktur beschrieben. Der Titel weist deutlich über die Faktur hinaus: Das Gedicht "Die gestundete Zeit" aus Ingeborg Bachmanns gleichnamigem erstem Gedichtband (1952/1953), dem die Zeile entnommen ist, spiegelt in poetischer Beschreibung das Lebensgefühl nach dem Bruch durch den Zweiten Weltkrieg. Der Band, der Ingeborg Bachmann rasch zu einer der meistbeachteten deutschsprachigen Lyrikerinnen werden ließ, war eine unruhige Klage mitten im reflexionsvermeidenden Klima der fünfziger Jahre. Im Gedicht "Früher Mittag" aus demselben Band heißt es etwa: "Sieben Jahre später/in einem Totenhaus,/trinken die Henker von gestern/den goldenen Becher aus./Die Augen täten dir sinken." Die warnenden Töne im Gedicht "Die gestundete Zeit" sind gleichfalls nicht zu überhören.

in: NEXT GENERATION - Karlheinz Essl, hrsg. von Margarethe Lasinger, Salzburger Festspiele 1997 (Salzburg 1997)

© 1997 by Bernhard Günther / Salzburger Festspiele



Doch eine neue Klangwelt ...wird sichtbar am Horizont, um den Titel des Auftragswerks zu verwenden, das bei den Salzburger Festspielen 1997 uraufgeführt wurde. Womit die Spirale, die Essl in seinem frühen Schaffen immer wieder eingesetzt hatte, nunmehr eine überraschend explosive Eigendynamik gewann. Der strukturelle Rahmen in sich bis zum Kollabieren kreisender Prozesse ist in Essls jüngsten Werken umhüllt von differenzierten Klängen. Ob diese nun mit oder ohne Live-Elektronik erzeugt werden, ist letztlich sekundär. In's Offene sollen die labyrinthischen Wege führen, und den Zuhörer, geleitet von undurchschaubaren Regeln, mit Unvorhersehbarem konfrontieren. Im Innersten von Essls tönenden Labyrinthen wartet gottlob kein finsterer Minotaurus, sondern der linde Duft von neuem Klang.

in: Die Poesie des Augenblicks, Neue Zeitschrift für Musik 2/98 (Mainz 1998)

© 1998 by Reinhard Kager / NZfM


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Updated: 7 Jan 2016