Karlheinz Essl

Portrait KHE

In Girum. Imus. Nocte

for large orchestra
1991

Commissioned by festival Musikprotokoll '91 (Graz) for the Radio Symphony Orchestra Vienna


Basics | Reviews | Performances


Performed by the ORF Symphonieorchester (dir. Mario Venzago)
Festival Musikprotokoll (Graz, 11 Oct 1991)



Die Beschwörung der Nacht, der musikalische Versuch, sich ihrer schimärenhaften Realität mittels Nocturnos zu nähern, entspringt nicht allein der Sehnsucht verklärender Gemüter. Zumal antiromantische, erkenntnishungrige Geister haben sich für die Regeln der Nacht interessiert und somit Blanchots Frage "Ist das der Name der Nacht?" vertieft: "welches sind die Phoneme der Nacht?"

Auch Essl liebt den Grund der Dinge. Ihn interessiert das Dunkel der Nacht, nicht weil man im Finstern wie E.T.A. Hoffmann die Welt anders, sondern weil man sie nicht mehr sieht. In girum. Imus. Nocte - erster Teil eines Palindroms, dessen Spiegelbild ...et consumimur igni bereits zum Titel eines Essl-Werkes auserkoren wurde - beschreibt diesen Zustand: "Wir irren des Nachts umher".

Drei Teile hat der von Essl mit Punkten zergliederte Satz, drei Teile das 1991 komponierte Orchesterwerk, wobei jeder Abschnitt eine neue Hörweise der gleichen musikalischen Charaktere erlaubt.

In Girum. Imus. Nocte ist gewissermaßen ein Lehrstück. Kompositionen, die Wahrnehmung thematisieren, hoffen auf die Individualität ihrer Hörer. Sie sind insofern einer Aufklärung verpflichtet, deren Parole weder "verstehen" noch "erleben", sondern "Erleben verstehen" heißt. Dem kommunikativen Gehalt der Musik mißtraut Essl hingegen, er will den Hörer in ein musikalisches Labyrinth führen, durch das es nur einen Weg gibt, im Verlaufe die Hörer "etwas Phaszinierendes erwartet". Der Komponist lädt zum Mitentdecken ein, sowohl aus Stärke, weil er sich des reichen Weges sicher ist, wie aus Schwäche, weil das eigene Verfahren etwas von der Unsicherheit eines Labyrinthgänger enthält. Dafür bürgt Essls Komponieren, als dessen untergeordnetes und doch wesentliches Werkzeug der Computer erscheint.


Labyrinth von Chartres

Labyrinth auf dem Fußboden der Kathedrale von Chartres


Dank der Auseinandersetzung mit der Poetik John Cage's erkannte Essl, daß dem Musik-Können das Musik-Wollen oft im Wege steht. Der Computer zwingt den Wissenshungrigen nicht nur, den Kern seines Wollen so herauszuschälen, daß der Computer es "verstehen" kann, er bedankt sich dafür auch mit einer Radikalität, die ihrerseits Grenzen aufreißt und dem Komponisten ein neues Können abringt.

In Essl's Orchesterstück werden die vom Computer errechneten zeitlichen Strukturen einer Handvoll musikalischer Charaktere unter des Komponisten Feder zu einer umfangreichen Klangwelt aufgefächert. Diese skelettartigen Charaktere einer heißt "Schatten" und besteht in Impuls und klanglichem Nachzittern, ein anderer heißt "Feld" sind als Reinform, in der sie das digitale Environment der Essl'schen Software liefert, gar nicht vorstellbar, sie bedürfen erst der Interpretation, um Musik zu werden. Erst diese Interpretation macht die Unterschiede der drei Abschnitte nachhörbar, wenngleich jene bereits bei der Programmierung des Computers angestrebt wurden. Oberstes Gebot ist jedoch das subjektive Reagieren des Komponisten auf den Prozeß des Werkes, der die Komposition interaktiv lenkt. Essl: "Ähnliche Konstellationen können sich so aufgrund des bereits zurückgelegten Weges und den dabei gewonnenen Erfahrungen als neuartige Gestalten manifestieren". Essl komponiert sein Werk, als höre er es zum ersten Mal, das Hoffen auf die Individualität der Hörer entspringt mithin dem Vertrauen auf die eigene.

Die musikalischen Charaktere irren im Abschnitt In Girum quer durch die Instrumente eine geräuschbetonte Musik, in der metallene Schläge der umfangreichen Perkussion am ehesten den Kern eines Charakters markieren. Die stotternden Einsätze in den durchweg solistisch geführten Orchestergruppen sind zwar ein Merkmal der gesamten Partitur, hier aber entbehren sie jeglicher Linearität. Somit entsteht eine strömende Klangwelt, deren Farben verschwimmen. In Imus dagegen werden die Liegeklänge vor allem rhythmisch interpretiert, was zunächst klarere Strukturen suggeriert. Diese aber sind wiederum in verwirrender Weise auf das gesamte Orchester verteilt und zudem mit Vokabeln aus "In Girum" durchmischt. Erst in Nocte erlaubt Essl die Konzentration auf seine Vokabeln, ihre Phoneme werden bedächtig aneinandergereiht. Der Name der Nacht ist durchbuchstabiert.

© by Christoph Becher (1991)


NB: Die Erfahrung des nachtblinden Wanderers gewann der Komponist gemeinsam mit Jack Hauser zu mitternächtlicher Stunde im Schatten der Burg Rapottenstein.

Programmhefttext anläßlich der Uraufführung am 11.10.1991 im Rahmen des "Musikprotokolls '91" im Grazer Stephaniensaal durch das Radio Symphonieorchester Wien unter der Leitung von Mario Venzago.



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Updated: 7 Jan 2016