Karlheinz Essl

Portrait KHE

In's Offene!

or flute, clarinet, violin & cello
1991

Dedicated to my son Simon
Commissioned by the Ensemble 86 (Vienna)


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In's Offene! (1992)
Performed by Ensemble 86 at SCHÖMER-HAUS Klosterneuburg


Der Lebensweg, ein Labyrinth.

Die Partitur von Karlheinz Essl's Ensemblestück In's Offene! weist eine Widmung und ein Zitat auf: Das Werk ist "Für Simon" bestimmt, den 1991 geborenen Sohn des Komponisten, und das Zitat lautet: "Todverfallen ist die Geborgenheit; Chance zu überleben hat einzig das Ungeschirmte, Offene." Es stammt aus Theodor Wiesengrund Adornos Aufsatz "Tradition".

Die Formulierung benennt eines der zentralen Motive von Adornos ästhetischen Überlegungen: Daß der wahrhaft zeitgemäße Künstler sich heute weder auf die Einbettung in Traditionen verlassen könne, noch irgendeine kompositorische Technik als neues Dogma akzeptieren; ungeschützt und durch nichts, kein Handwerk, keine Berufung auf große Vorgänger, legitimiert sei die künstlerische Produktion. Auch Adornos Parteinahme für die Dodekaphonie war ja nur dadurch bedingt, daß sie ihm im Rahmen seiner pessimistischen Gesellschaftsdiagnose der einzige gangbare, künstlerisch authentische Weg zu sein schien, im "Zeichen triumphalen Unheils" zumindest ästhetisch dem "universalen Verblendungszusammenhang" zu entkommen - es sein nicht Zeit zum "Häuschenbauen".

"Todverfallen ist die Geborgenheit; Chance zu überleben hat einzig das Ungeschirmte, Offene." In der Partitur Essl's gewinnt dieser Satz, wenn man ihn mit der Widmung zusammenliest, einen eigentümlichen, erschreckend paradoxen Bezug. Freilich geht es nicht darum, einem Säugling Geborgenheit abzusprechen, der Hilflosigkeit die Hilfe zu entsagen. Aber einem heranwachsenden Mit-Menschen dazu anzuhalten, ohne Ideologie, vorgeformte Denkraster oder Parteilichkeit seine Einstellung zum Dasein zu gewinnen, ihn nicht vor den apokalyptisch anmutenden Problemen der Welt, in die er geboren wurde, mit falscher Sorge abzuschirmen - das hat Essl versucht, in eine, wenn man so will, tönende Parabel zu übertragen. Kein Lehrstück freilich, keine beherzigenswerte Moral wartet am Schluß. Wenn irgendwohin, dann führt dieses Stück: nun eben, ins Offene.

Vier Protagonisten - Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello - erproben Möglichkeiten gemeinsamer Seinsweise, versuchen im Mit- und Gegeneinander ihre Identitäten auszuformen. Am Anfang in einem undifferenzierten Akkord gemeinsam aufgehoben - dem "Zustand größter Geborgenheit" (Essl) - geraten sie auseinander und aneinander, versuchen sich zu formulieren, gehen Pakte und Bündnisse ein. Einerseits vier klanglich individualisierte Erscheinungen, entsteht andererseits mitunter so etwas wie Komplizenbildung zwischen den beiden Bläsern oder den beiden Streichern, die wieder aufgehoben wird zugunsten anderer oder auch keiner Übereinkünfte.

Lösungen, wie gesagt, werden keine angeboten, auch ob das Individuum beneidenswerter sei als das "graue Klanggewusel" (Essl) des Kollektivs, bleibt ungewiß: Beengend ist das gemeinsame Leben, erschreckend die auf sich gestellte Existenz. Kein bürgerlicher Bildungsroman wird hier komponiert, sondern entsprechend der Destruierung dieser Gattung in unserem Jahrhundert, ein "Prozeß als Labyrinth", in das vereinzelt "Geborgenheits-Zellen" (Essl) einschießen. Der Lebensweg als Irrgarten, für Simon.


Labyrinth von Chartres

Labyrinth auf dem Fußboden der Kathedrale von Chartres


Über die kompositionstechnischen Details im strikten Sinne mag der Komponist wenig sagen. Im Gegensatz zu früherer Erläuterungsfreudigkeit ist ihm - und daran erscheint die Erfahrung der Vaterschaft nicht unbeteiligt gewesen zu sein - mittlerweile die semantische, sagen wir: "ausdrucksmäßige" Seite seiner Musik wichtiger geworden als deren technische Absicherung, ganz im Sinne Adornos. Daß mit Hilfe des Computers das rhythmische Skelett des Stückes auskomponiert wurde, ist mitnichten Fetischismus der Datenverarbeitung: Die vorab erstellte Struktur bildet den keineswegs sakrosankten Ausgangspunkt einer Reihe von Überarbeitungen, auch solcher von spontanen Reaktionen auf's Weltgeschehen. Ein wesentlicher Teil jener Revisionen entstand unter dem spukhaften Eindruck des Militärputsches in der Sowjetunion im vergangenen August, der einige Tage die Medienwelt im Banne hielt. Auch etwas von jener Erschütterung hat sich "In's Offene!" mitgeteilt.

© by Wolfgang Fuhrmann (1992)



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Updated: 5 Sep 2015