Karlheinz Essl

Portrait KHE

Intervention

for 4 spatially distributed orchestra groups in a reverberant hall (or with live-electronics)
1995

Commissioned by the "Radio Symphony Orchestra Vienna"


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Intervention performed by ensemble xx. jahrhundert, conducted by Peter Burwik
Säulenhalle des Österreichischen Parlaments in Wien (22 Jan 2006)



Säulenhalle des Wiener Parlaments
  Zur 50-Jahr-Feier der Republik Österreich im Jahre 1995 war für den Nationalfeiertag am 8. November ein Festakt unter dem Motto "Inventur" vorgesehen. Unter anderem sollte aus der Marmorhalle des Parlamentsgebäudes ein Festkonzert des ORF-Orchesters (RSO Wien) übertragen werden. Die Nachhallzeit von zwölf Sekunden in diesem Raum läßt einmal erklungene Töne nicht so bald in Vergessenheit geraten und übertrifft darin selbst kirchliche Gegebenheiten. Die politischen Verhältnisse übertönten indes die Feierpläne, und statt zur "Inventur" kam es zu Neuwahlen. Fertiggestellt war allerdings die - ursprünglich ebenfalls "Inventur" betitelte - Auftragskomposition von Karlheinz Essl, die der eigentümlichen Akustik der Marmorhalle auf den Leib geschrieben war. Jeweils sechs Musiker sitzen in den Ecken des Raumes und erzeugen einen kreisenden, sich wölbenden Klangraum. Die Hüllkurve des Halls fasst zwar alle Vielstimmigkeit zusammen und löst zahlreiche einzelne Impulse im Ganzen auf, doch oft führen kleine Ereignisse zu ausgedehnten Prozessen, weiten sich aus oder bewirken ein Umkippen des Gesamtergebnisses. Über das Publikum hinweg greifen die vier gleich instrumentierten Orchestergruppen die von den anderen gespielten Klänge und Motive auf, reagieren - der Eigendynamik ihrer Gruppe verhaftet - blockweise aufeinander oder aber treffen mit der Gesamtentwicklung zusammen.

Neben allen sozialmetaphorischen Implikationen, die auch durch den endgültigen Titel unterstrichen werden, geht es in Intervention durchaus mit kompositorischer Präzision zu. Vier Formabschnitte, die unterschiedlichen Bauprinzipien folgen, gehen nahtlos ineinander über. Den Anfang macht ein leise wie aus der Eigenresonanz des Raumes entstehender polyphoner Verlauf. Das allmähliche 'Raumgreifen' der zunächst archaisch erscheinenden Klänge kulminiert in einem gemeinsamen Orchesterschlag, und mit dem zweiten Formteil setzt ein Schlagabtausch der vier Orchestergruppen ein, bei dem die einer allgemeinen zeitlichen Organisation folgenden Klangereignisse immer inhomogener werden, ins Stocken geraten und schliesslich über ein ein dichter werdendes Wechselspiel von Repetitionen der Blechbläser und gleitenden Klangflächen der Streicher in einem gemeinsamen Akkord zusammenfallen. Während dieser Schlag in der Stille verhallt, beginnt der dritte Abschnitt. Der Kontrast zwischen lautem Impuls und ruhiger Fläche verschiebt sich immer mehr: Letztere werden immer kürzer und von den sich ausbreitenden, zerfasernden Aktionen des ganzen Orchesters zunehmend verdrängt. Eine langsamer werdende Melodielinie in den Celli führt zu einer letzten Gemeinschaftstat: Das ganze Orchester stimmt sich ein auf den Ton A, der im letzten und kürzesten Formteil, einer die Einmütigkeit eintrübenden Coda, wieder verstimmt wird.

Bei der Intervention ging es Karlheinz Essl auch um eine "Inventur" als Besinnung auf die Stücke der Vergangenheit. Das Spiel mit der Koordination der Einsatzabstände wie im Streichquartett Helix 1.0 (1985), das 'Zitat' des Orchestercrescendos auf einem Oktavklang aus met him pike trousers (1987), die Raumkonstellation wie bei den vier um das Publikum verteilten kleinen Trommeln in Rudiments (1989) oder auch die kammermusikalischen Koalitionsbildungen bei In's Offene (1991) erscheinen hier aber verbunden mit einer grossflächigen Einfachheit, die auch im weniger halligen Raum übrigbleibt wie eine offene Frage.

© by Bernhard Günther (1996)

In: Almanach WIEN MODERN '96, hrsg. von Lothar Knessl (Wien 1996)


Uraufführung

Die eigentliche Uraufführung in der Säulenhalle des Wiener Parlamentes fand mit mehr als 10 Jahren Verspätung am 24.01.2006 im Rahmen eines mit KLANG•RÄUME betitelten Portraitkonzertes von Karlheinz Essl statt. Ausführende waren das ensemble XX. jahrhundert unter der Leitung von Peter Burwik.


Literatur


Aufnahmen



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Updated: 5 Jan 2016