Karlheinz Essl

Portrait KHE


met him pike trousers

for large orchestra
1987


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Karlheinz Essl: met him pike trouser (1987)

Performed by United Philharmonic, dir. Richard Edlinger
Konzerthaus Vienna (27 Nov 1994)


Werkkommentar

Die Frage, welche Aufgabe der Künstler denn eigentlich habe, erweist sich seit eh und je als leidenschaftlich umkämpfter Streitpunkt von Ideologen jeglicher Couleur. Die Antwort der heute schon "klassisch" gewordenen Moderne lautete: das von der Tradition abgeschliffene Material neu zu artikulieren, neu durchzuformen, um so zu einer unverbrauchten Sprachhaftigkeit zu gelangen, die - frei von jeglichem verharmlosenden Gemauschel - zu uns sprechen kann; bis hinein in Bereiche jenseits allen Künstlich - Künstlerischen. Diese Haltung gerät zu einer Verpflichtung, der sich zu entziehen nur als Flucht zu werten ist und zu einer Bürde, deren Ballast einer jahrhundertelangen Tradition einem wie ein Nachtmar im Nacken sitzt.

Diese Sichtweise scheint heute schon wieder zum alten Eisen zu gehören. Die Post ist abgefahren, hört man an allen Ecken pfeifen. Und dann wird anderswo eifrig aufgerüstet (kopernikanisch, versteht sich), Parolen werden ausgegeben: alles sei möglich. Laß' Dich verführen! Bedien' Dich an dem, was gerade verfügbar ist!

Dieser fatalen Dichotomie sich auszuliefern ist nicht jedermanns Sache. Die Aufgabe des Künstlers ist heutzutage ernster und wichtiger den je, als daß er es sich leisten könnte, ein wohliges Nest im Elfenbeinturm einer Ästhetik - sei sie post oder modern - zu bauen. Seine Verantwortung liegt darin, Reflektor zu sein und Dichter. Das heißt: die Möglichkeiten unseres heutigen Denkens - trotz ihrer offensichtlichen Gefahren - sich nutzbar zu machen, sie zu verdichten und zu reflektieren. Der Zeit ihr eigenes Spiegelbild vor Augen zu halten.

Meine letzten Arbeiten waren - ausgehend von Konzepten der Seriellen Musik - vor allem von Überlegungen geprägt, wie ein Musikstück als Organismus zu beschreiben sei. Wesentliche Erhellung lieferte mir dabei meine Auseinander-setzung mit systemtheoretischen Untersuchungen, namentlich Ilya Prigogine's Order Out of Chaos. Hier beschreibt der Autor (der 1977 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurde), wie in chaotischen Systemen, die sich nicht im Gleichgewicht befinden und nach außen hin nicht abgeschlossen sind, Gegenkräfte mobil werden, die - entgegen den Postulaten der Klassischen Thermodynamik - neue Ordnungszustände etablieren können. Die Konsequenzen dieser Einsicht scheinen weiterreichend, als man auf den ersten Blick vermuten könnte: hier riecht es verdächtig nach einer Revolution, die nicht nur einem physikalischen, sondern jeglichem erstarrten, obrigkeitshörigen Weltbild an die Nieren geht.

In met him pike trousers habe ich ein solches System zu formulieren versucht. Als Grundbausteine fungieren fünf verschiedene Klangcharaktere (Molekülstrukturen vergleichbar), die gleichsam digitale Übergänge zwischen den Extremen PUNKT und FLÄCHE darstellen. Die Entwicklung dieses Organismus aus einem "Urzustand" - in dem die beiden Antipoden PUNKT (= Blech-sforzati) und FLÄCHE (= langsame Streicherglissandi) exponiert werden - wird durch eigens konstruierte Wachstumsgesetze gesteuert. Aus der amorphen Anfangssituation beginnt sich etwas wie organisches Leben zu entwickeln: rudimentäre Klangcharaktere treffen aufeinander, stoßen sich ab oder verschmelzen, formen übergeordnete Strukturen, paralysieren oder verdichten sich. Als Zwischenprodukte entstehen eine Reihe synthetischer Kondensate, die aber nach kurzer Zeit auf Grund ihrer energetischen Instabilität zerfallen, ehe sich nach und nach das sich etablierende Chaos lichtet und - im Sinne einer Raffination - einzelne Klangcharaktere in neuer, entwickelterer Reinform ans Licht treten. Diese gehen miteinander weitere Verbindungen ein, stabilerer Art. Dennoch machen sich im späteren Verlauf regressive Tendenzen bemerkbar, Auflösung und Verwesung. Der Lauf der Geschehnisse ist nicht mehr zu bremsen: das System erstirbt schließlich mit einer letzten, röchelnden Gebärde.

Der Titel met him pike trousers entstammt dem "Ulysses" von James Joyce. Molly Blooms Verballhornung des Wortes "metempsychosis" (= Seelenwanderung) zu "met him pike hosis" wurde nochmals sprachlich verzerrt. Das (metempsychotische) Prinzip der ständigen Wiederkehr einzelner (Klang-) Charaktere unter jeweils ganz anderen Bedingungen - und den sich daraus ergebenden jeweils neuen Situationen - ist in der Tat die Kernidee meines Orchesterstückes.

Kompositionstechnisch läßt sich die Arbeitsweise, die ich hier entwickelt hatte, am ehesten mit Verfahren in Zusammenhang bringen, die in das Gebiet der Computermusik weisen. Das Werk selbst wurde ohne Zuhilfenahme eines Rechners komponiert. Wohl wurden hier eigens konstruierte Algorithmen angewandt, die als Entwicklungsprinzipien die verschiedenen musikalischen Ebenen durchwirken. Der solcherarts gewonnene rohe strukturelle Output wurde über mehrere Arbeitsgänge hinweg (unter Zuhilfenahme weiterer Bildungsgesetze) bis ins kleinste Detail durchgestaltet und nach musikalischen Erfordernissen interpretiert. Zuletzt wurde er in die endgültige klanglich-sinnliche Erscheinungsform gebracht.

© 1987 by Karlheinz Essl

Programmheft-Text anläßlich der Uraufführung am 23.10.1987 im Großen Saal des Wiener Konzerhauses durch das ORF Symphonieorchester unter der Leitung von Wolfgang Bozic


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Updated: 2 Apr 2016