Karlheinz Essl

Portrait KHE

mise en scène

for 4 ensemble groups
1998

Commissioned by the ensemble die reihe (Vienna)
for its 40th anniversary


Basics | Reviews | Performances


Ensemble die reihe, conducted by Friedrich Cerha
Konzerthaus Vienna, 1 Jun 1999


Christian Baier

Zu Karlheinz Essls "mise en scène"

Mit seinem Streichtrio à trois - seul, das bei den HÖRGÄNGEN 1998 uraufgeführt wurde, hat Karlheinz Essl unmißverständlich einen neuen Abschnitt in seinem Schaffen dokumentiert. Die drei Stimmen dieses Werkes sind zugleich drei Protagonisten, die miteinander in diskursive Beziehungen treten, Anziehungs- und Abstoßungstendenzen zeigen. Essl hat - obwohl schon in vielen Kompositionen vorher angedeutet - den Schritt zur musikalischen Szenik vollzogen. "Die Situation als Komponist allein am Schreibtisch sitzend und Partituren schreibend ist für mich in den letzten Jahren immer fragwürdiger geworden. Musik kann doch nicht bloß die Reproduktion vorgefertigter Partituren sein. Sie bildet sich im Prozeß der Aufführung. Meine Arbeiten mit computergenerierter Musik, meine Improvisationskonzepte mit anderen Musikern und Komponisten tragen diesem Gedanken Rechnung. Theatralik - nicht im vordergründigen Sinn zu verstehen, sondern als künstlerische Kommunikation - war und ist für mich sehr wichtig."


mise en scène ist ein Werk, das Rätsel aufgibt. Der Titel suggeriert "inszenierte Musik", läßt auf ein "in musikalische Szene gesetztes" Programm schließen, weckt vielleicht sogar cineastische Erwartungen. "Der Gedanke des Szenischen entstand bei der Arbeit an der Komposition", bekennt der Komponist. "Der Titel ist von den vier instrumentalen Protagonisten inspiriert. Alle vier sind mit verschiedenem musikalischem Sprachmaterial ausgestattet, das sie zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Kombinationen ins Spiel bringen. Mir fiel die Parallele zu den Auftritten von Schauspielern in einem Drama auf, die verschiedene Rollen verkörpern, aufeinanderprallen, in Beziehung zueinander treten. Durch die Konfrontation entsteht der Diskurs, die Konfliktsituation." Besonders wichtig bei "mise en scène" ist die Besetzung und die Position der einzelnen Instrumente im Raum.


Schlagzeug
Flöte Horn Klarinette
Cello I
Violine I
Cello II
Violine II
Trompete Posaune
Dirigent


Deutlich wird aus dieser Skizze die antipodische Funktion von Trompete und Posaune deutlich, die als "Gegenspieler" eingesetzt werden. Das Horn hingegen wird in der Partitur bei den Holzbläsern Flöte und Klarinette notiert, übernimmt aber im "Streit" zwischen Trompete und Posaune die Mittlerfunktion (und ist deshalb auch in der Raummitte postiert).

Die Komposition besteht aus neun ineinander übergehenden Abschnitten, die teilweise mit Titeln versehen sind. Titel sind bei Essl aber nie sinnstiftend oder als Hilfestellung für den Rezipienten gedacht, auch nicht als Programm, sondern dienen lediglich zur Orientierung bei der Erfassung des prozessualen Verlaufs.

Der erste Abschnitt ("in nuce") eröffnet mit einem sehr dichten Takt aller Instrumente. In dem Eröffnungstakt ist bereits das gesamte musikalische Material enthalten. "Meine Musik hat auch mit meinem naturwissenschaftlichen Vorleben zu tun", meint Essl. "Bei diesem Takt schwebte mir die Vorstellung des naszierenden Atoms vor, eines Atoms, das einen besonders reaktiven Zustand zeigt. Der erste Takt ist die aufs äußerste komprimierte Essenz des Stückes." Dieser Klang wird allmählich abgebaut, wodurch die verschiedenen motivischen Bestandteile des anfänglichen Gemenges "fast im Sinne einer alchymischen Reinigung" erkennbar werden.

Der zweite Abschnitt ("Il combattimento") konfrontiert Posaune und Trompete als "zwei gleichberechtigte Charaktere" miteinander. Es ist ein Kampf ohne Sieger. Nachdem die beiden Protagonisten zuerst ihre Kraftpotentiale zur Schau stellen, wird deutlich, daß sie im Grunde genommen dieselbe Position vertreten. Eine Stimme ist Widerschein der anderen. "Wenn man dies auf das Gesellschaftliche überträgt, ist es erschütternd. Indem beide Stimmen das gleiche Material beinhalten, 'kämpfen' die beiden Akteure im Grunde genommen um nichts. Da Trompete und Posaune an den äußersten Flügeln postiert sind, ist es ein Kampf quasi mit Raketen. Aus der Entfernung werden Tonsalven aufeinander abgeschossen."" Die anderen Instrumente sind passiv. Sie werfen lediglich das Echo - ""das Medienecho sozusagen, die Stimmung"" - der "Schlacht" zurück. Die Streicher bauen ein Resonanzfeld auf, in dem sich die Kämpfer harmonisch bewegen.

Titellos ist der dritte Abschnitt. Er rückt das Horn als dritten Protagonisten ins Zentrum. Es übernimmt Vermittlerfunktion zwischen den beiden "Streitparteien".

"La Chase", der vierte Abschnitt, entfaltet das musikalische Material, um das und mit dem im zweiten Abschnitt gestritten wurde, in pointilistischer Weise und teilt es fast "brüder- bzw. schwesterlich" unter den einzelnen Instrumenten auf, bis mit einem dichten repetitiven, die Beruhigung der Blechbläser kontrapunktierenden Netz der Streicher zum fünften Abschnitt ("Verknäuelung") übergeleitet wird. In seinem Zentrum steht das Quartett der Saiteninstrumente mit ihrem quasi fugierten Einsatz, das sich zu einem changierenden Klangfeld weitet. ""Die kanonische Technik wählte ich, um das musikalische Material um seine eigene Achse zu spiegeln, sodaß es sich von verschiedenen Seiten zeigt, von verschiedenen Seiten betrachtbar wird. Es ging mir nicht um einen Traditionsverweis mittels einer vierstimmigen Fuge."

"Diskurs", der sechste Abschnitt, überträgt Mechanismen der zwischenmenschlichen Kommunikation auf die Musik, ausgehend vom homogenen Klangbild der Saiteninstrumente und geht über ein auskomponiertes Fragezeichen, ein aufwärtsstrebendes Zwölftonfeld des Vibraphons in den siebenten Abschnitt "Insistieren / Ausflucht" über. Der zwölftönige Vibraphonklang zieht sich weiter und bleibt im gesamten Abschnitt präsent wie "ein Argument, auf dem beharrt, eben insistiert wird". In diesem Abschnitt scheitert der Diskurs, der zur Versöhnung hätte führen können, wird durch die Gleichzeitigkeit von Insistieren und Ausflucht vorläufig zunichte gemacht.

Ohne Titel ist der achte Abschnitt. Es ist quasi als Innehalten innerhalb der Kommunikation zu verstehen, als Schweigen innerhalb einer Konfliktsituation, um zur Besinnung, zu sich zu kommen. Das musikalische Material entfaltet sich hier frei, jenseits jedwedes dramaturgischen Konzepts oder Korsetts.

Der neunte Abschnitt ("Showdown") schließlich ist "die ausgebreitete Variante des ersten Taktes". Das gesamte musikalische Material des Werkes wird noch einmal ausgebreitet, die Protagonisten treten noch einmal zueinander in Beziehung. Doch die Lösung des Konflikts, die der Titel suggeriert, die Erlösung, folgt nicht. "Happy Ends sind unzulässige Konstruktionen." Das Werk endet mit der perkussiven Klangfläche der Saiteninstrumente, die allmählich ausfranst und sich verliert, ähnlich wie der letzte Kader eines Filmstreifens, der während der Vorführung schmilzt: Wir sehen das Bild, das sich vom Zentrum gegen seine Ränder zu auflöst, bis nur noch das nackte Licht der Projektorlampe auf der Leinwand bleibt.

"mise en scène" ist Musik, zu der der Film erst gedreht werden muß. Die Komposition zeigt Essl, der in vielen Arbeiten grenzüberschreitend zwischen verschiedenen Ausdrucksformen der künstlerischen Äußerung operiert, auf dem Weg zur Musikdramatik. Er definiert sich nicht mehr ausschließlich als Komponist, sondern auch als Regisseur, der "in Szene setzt", doch dabei das musikalische Material - ähnlich wie Stanislawski es für die Arbeit mit dem Schauspieler vorschlug - in kein präfixiertes Konzept, eine "Inszenierung", zwingt, sondern das Konzept aus dem Material entwickelt, ihm den Rahmen zur Selbst-Inszenierung schafft.

Die Zitate stammen aus einem Exklusivinterview des Autors mit Karlheinz Essl.



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Updated: 26 Dec 2016