Karlheinz Essl

Portrait KHE

Proportional Circles 2314

for 4 percussionists
1987

Eva-Marie gewidmet


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Proportional Circles performed by Les Guetteurs des Sons, dir. Karlheinz Essl
Klosterneuburg, SCHÖMER-HAUS (6 Nov 1987)


Anmerkung des Komponisten

Proportional Circles 2314 für vier Schlagzeuger wurde eigens für das Eröffnungskonzert des SCHÖMER-HAUSES komponiert. Ich wollte eine Musik schreiben, die speziell auf diese spezielle Architektur und ihre akustischen Eigenschaften eingeht. Der Raum soll durch Schlagzeugimpulse selbst zum Klingen gebracht werden. Die Komposition wurde mit Hilfe einer Proportionsreihe (2 : 3 : 1 : 4) erarbeitet, die in mannigfacher Durchdringung und Verschlingung auf den verschiedenen Ebenen der musikalischen Wahrnehmung wirkt. Damit wurde ein bewußter Bezug zu architektonischen Bauprinzipien geschaffen, die mindestens seit der Antike wirksam waren und in der gotischen Bauhüttentradition ihre reifste Ausformung gefunden haben.

Programmnotiz anläßlich der Uraufführung am 6.11.1987 im SCHÖMER-HAUS (Klosterneuburg)
durch das Ensemble Les Guetteurs des Sons unter der Leitung von Karlheinz Essl


Aufführung von Proportional Circles 2314 im Foyer des Wiener Konzerthauses am 3. März 1989
Ensemble "Les Guetteurs des Sons", Dir. Beat Furrer


Kommentar von Christian Scheib

Zwei Jahre vor dem Schlagzeug-Solo Abolition... hatte Karlheinz Essl in Proportional Circles 2314 (1987) für vier Schlagzeuger seine bis dahin radikalsten Konsequenzen aus der Beschäftigung mit serieller Musik gezogen. In seinem Aufsatz Aspekte des Seriellen bei Stockhausen beschreibt Essl die wesentliche Aufgabe einer Reihe als "Steuerungsfunktion". Auf ein Reihe im seriellen Sinne wird in Proportional Circles 2314 verzichtet, statt dessen steuert die Zahlenreihe 2-3-1-4 die zeitlichen, rhythmischen, klanglichen und dynamischen Abläufe. Die Strenge der Entwicklung, die durch ständig wiederholtes, dieser Zahlenreihe entsprechendes Aufsplittern jedes Elementes vorgegeben ist, und der durch die wachsenden Zahlenabstände angelegte "spiralförmige" Beschleunigungsfaktor dienen als Folie für "die poetische Idee, daß ein Schlagzeugstück, das mit Metallklängen beginnt, mit jenen Klängen endet, die mit Schlagzeug nichts zu tun haben, mit geblasenen Orgelpfeifen und Flöten." (Essl)

Christian Scheib, Karlheinz Essl. Die Spirale als strukturiertes Chaos
in: Almanach "WIEN MODERN 89" (Wien 1989)


Kommentar von Peter Vuijca

Im Foyer des Konzerthauses, unterm Titanen Ludwig van, die Intrada zur "Langen Nacht der Neuen Klänge". Ein "artifizieller Organismus" mit exotischem Schlagwerkzeug und allerlei Pfeifen: Karlheinz Essls Proportional Circels 2314 mit dem Ensemble "Les Guetteurs des Sons". Es war, als wollten sich Welten, die schon seit langem einander näherrückten, endgültig versöhnen: Karlheinz Essls Proportional Circels 2314, die diese "Lange Nacht" schon am hellichten Nachmittag eröffneten, ließen in fließenden Beckenklängen, aus denen sich aus exotischen Blasinstrumenten weiche melodische Strukturen, bald gleich Äolsharfen, bald gleichsanfte Sirenen erhoben, eine Klangwelt des Friedens entstehen. Eine weitere Gemeinsamkeit auch das neue Verhältnis zur Zeit. Hier wird nicht mehr so sehr nach Takt und Rhythmus gesucht, wird der Ablauf des Werkes weniger in vertikale Abschnitte geteilt. Es scheint vielmehr so, als ginge man nun daran, die Flächen des Klanges in der Horizontale zu splitten, den Valeurs nachzuhorchen, die zwischen den Klängen liegen.

Peter Vuica, Ostwind - Westwind, und was sie an Neuem bringen
in: DER STANDARD, 10.3.1989


Interpretationshinweise

Aus einem Brief an Beat Furrer vom 22. Jan 1989, der dieses Stück bei der "Langen Nacht der Neuen Klänge" im Wiener Konzerthaus dirigiert hat:

(...) Die Rhythmik dieses Stücks (...) ist nur Vehikel zum Auslösen von Klangereignissen, die einen "Hallraum" zum Klingen anregen. Das heißt, dass größte Sorgfalt auf das Hervorbringen gepflegter Klänge zu legen ist. Im Inneren der Komposition überlagern sich mehrere Klangkategorien (Metall-, Holz-, Blas- und Fellklänge), deren einzelne Komponenten in unterschiedlicher Präsenz in Erscheinung treten. Innerhalb einer Klangkategorie kommt es in einem 4-stufigen Prozess zur zielgerichteten Entwicklung von "normalen" Klängen zu immer mehr "extremeren".

[In der Kategorie "Metall" gibt es beim 4. Spieler den Übergang Becken > Cowbell > Triangel > Klingel]

Jedem der vier Musiker ist eine [andere] Klangkategorie zugeordnet, die diese erwähnten vier Übergangsmöglichkeiten zeigt:

4. Spieler: Metall-Instrumente
3. Spieler: Holz-Instrumente
2. Spieler: Blas-Instrumente
1. Spieler: Fell-Instrumente

Der Prozess des Fortschreitens innerhalb einer Klangkategorie von einem "normalen" Ausgangslevel in einen "extremeren" betrifft aber alle Spieler. So tritt beispielsweise ab Seite 17/18 der "Klingel-Klang" auf, der aber nur vom 4. Spieler - er einzige, der [tatsächlich] eine Klingel zur Verfügung hat - realisiert werden kann. Alle anderen imitieren diesen Klang auf [jenen] Metallinstrumenten, die ihnen zur Verfügung stehen, also (siehe S. 18):

4. Spieler: Fahrrad-Klingel
3. Spieler: tremolando mit biegsamen Stäbchen (= Holzgriffe von Marimbaschlägeln) auf dem Tam Tam
2. Spieler: tremolando mit Triangelschlägel auf dem Triangel
1. Spieler: tremolando mit biegsamen Stäbchen auf Cowbell

Diese Klang-Imitationen sind natürlich auskomponiert worden - dadurch kommt es zu diesen speziellen Spielanweisungen.

Wie du siehst, ist das gesamte Instrumentarium ungleich auf die vier Musiker aufgeteilt worden. Der erste hat z.B. vier Fellinstrumente (in diesem Fall ein kleines Drumset), der zweite vier Blasinstrumente [Sirene, Hupe, Slidewhistle, Orgelpfeife] usw.

Die Hauptschwierigkeit bei diesem Stück besteht weniger im Rhythmischen, als im raschen Wechsel von Spielweisen, Instrumenten, Schlägeln etc. Gleichzeitig aber ist peinlichst darauf zu achten, dass nicht bloß die nackten Partituranweisungen realisiert werden, sondern äußerst subtile Klangqualitäten produziert werden. Deshalb wird man nicht darüber hinweg kommen, dass die Musiker mehrere Schlägel gleichzeitig in der Hand halten müssen. Es hat sich [weiters] bewährt, dass der zweite Spieler einige seiner Blasinstrumente auf einem Mundharmonika-Gestell montiert, welches er um den Hals trägt. Dadurch ist der rasche Wechsel der Blasinstrumente möglich.


Score

The score of Proportional Circels 2314 can be downloaded for free. Please note that the music is protected by copyright.

Proportional Circels 2314, page 1

Proportional Circles 2314, page 1
© 1987-2015 by Karlheinz Essl



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Updated: 25 Feb 2017