Portrait

Rapprochement

for violin and cello
1992


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Christian Altenburger (violin) and Reinhard Latzko (cello) performing Rapprochement
Festival LOISIARTE, Langenlois ( 23 Mar 2012)


Geige und Cello, als Mitglieder einer Instrumentenfamilie eng verwandt und doch stark voneinander unterschieden, erleben während eines viertelstündigen Dialogs die fortwährende Verwandlung ihrer Identität. Die anfänglich extreme Gegensätzlichkeit zweier individueller Musiksprachen wird zum Ferment eines Ringens um Annäherung. Anstatt sich aber auf halben Wege im Kompromiß zu treffen, versuchen beide Instrumente, Momente des Anderen, Fremden zu übernehmen und ihrer Identität einzuverleiben. Ein Unterfangen, das paradoxerweise oftmals zu weiterer Entfremdung führt. Die Utopie einer völligen Übereinstimmung könnte am Schluß des Stückes erreicht sein, wenn beide Instrumente sich schließlich im Einklang begegnen; ein groß angelegtes Decrescendo aber läßt diese Vereinigung im Bereich des Unhörbaren stattfinden (Karlheinz Essl, 1993)

Programmhefttext anläßlich eines Konzerts des Ensembles "die reihe" am 9. April 1993 bei der Biennale in Zagreb


Score

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Rapprochement - seul: page 1 of the score

Rapprochement, page 1
© 1992-2015 by Karlheinz Essl


Doris Weberberger

Dialoge zwischen Zeiten, Orten und Instrumenten

Die Frage nach dem Verhältnis der Instrumente zueinander stellt sich in jeder Komposition aufs Neue: handelt es sich um gleichberechtigte Partner, um ein solistisches Instrument mit Begleitung oder um wechselnde Rollen eines jeden Beteiligten? Oftmals ist diese Situation auch so sehr durch ihre gepflogene Aufgabenverteilung vorbestimmt, dass sie unhinterfragt übernommen und weitertradiert wird. Oder eben man macht gerade diesen so grundlegenden Aspekt gemeinsamen Musizierens zum Thema des Komponierens selbst, wie man ihn in zahlreichen Werken von Karlheinz Essl (* 1960 in Wien) in unterschiedlichen Facetten entdecken kann.

In Essls Werken für Streichinstrumente tritt diese Frage aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet zum Vorschein. Die Kombination mehrerer Streichinstrumente, die durch ihr Zugehören zu einer Instrumentenfamilie und die Möglichkeit homogener Klangmassen verbunden sind, weisen gleichzeitig auch ihre Eigenheiten auf. Nichtsdestotrotz werweist das Spannungsverhältnis zwischen Gemeinsamkeiten und Individualität auf Außermusikalisches: Hinweise auf menschliches Miteinander schimmern dabei immer wieder durch: So trägt etwa sein Streichtrio aus den Jahren 1983/84 den Titel Conversations, das Streichtrio à trois – seul (1997/98) bewegt sich im Spannungsverhältnis einerseits zwischen Allein- und dem Eins-Sein als Form der Verschmelzung, andererseits aber auch als Möglichkeit des Diskurses. Bei seinen Streichquartetten verweist Essl auf Goethes Allegorie der „vier vernünftige Leute, die sich vernünftig miteinander unterhalten“ (Streichquartett 1985, Helix 1.0 von 1986, und upward, behind the onstreaming it mooned von 2001), um gleichzeitig aber auch noch jüngere Denkfiguren wie die des Organismus zu verarbeiten. Wo hört das Individuum auf, wo fängt das Gemeinsame an? So könnte eine Frage lauten, die sich immer wieder in unterschiedlicher Ausprägung stellt.

Auch Rapprochement (1992) für Violine und Violoncello reiht sich in diese Thematik der Identitätsfindung zwischen Gemeinsamem und Spezifischem ein: Lange ausgespielten Trillern der Geige in höchster Lage setzt das Cello kurze Einwürfe aus den tiefen Regionen entgegen – Unterschiede, die sich auf den ersten Blick nur schwer auf eine gemeinsame Basis bringen lassen. Und doch entwickelt sich zwischen diesen gegensätzlichen Kontrahenten ein Diskurs der Annäherung – so lautet auch die wörtliche Übersetzung des Titels. Mit kurzen Tonfolgen und Pizzicati übernimmt die Geige zunächst die Gestik des Cellos und lässt sich so auf einen Dialog mit dem tiefen Instrument ein, der den Interpreten ein gehöriges Maß an rhythmischer Exaktheit abverlangt. Auch das Cello versucht sich anschließend mit Trillern und Tremoli in der Übernahme von Eigenheiten des höheren Streichinstruments. Zunehmend scheinen sich die beiden Instrumente mit den zahlreichen Spielweisen und Klangmöglichkeiten anzufreunden und sich im Weiterentwickeln des neu Gelernten eine gelungene Synthese zu finden. Doch der Weg nimmt eine unerwartete Wendung und endet nach den immer leiser werdenden, durchbrochenen letzten Takten in einer Generalpause. Ist diese Annäherung also mit ihrem Verstummen gescheitert? Einer solch pessimistischen Interpretation jedoch stehen die Worte des Komponist diametral entgegen: „Die Utopie einer völligen Übereinstimmung könnte am Schluß des Stückes erreicht sein, wenn beide Instrumente sich schließlich im Einklang begegnen; ein groß angelegtes Decrescendo aber läßt diese Vereinigung im Bereich des Unhörbaren stattfinden.“ Weiters, so Essl in einem Gespräch mit Christian Altenburger, ermöglicht das leise Entschwinden noch etwas anderes: Es gibt den Hörern die Gelegenheit, diese Annäherung im Kopf selbst weiter zu komponieren.

Also ist es doch Optimismus, der aus diesem Werk spricht. Und nicht nur aus ihm, denn trotz allen Austestens des Verhältnisses zueinander, finden die Instrumente im Miteinander in der einen oder anderen Weise stets zu einem gelungenen Dialog. Auch andere Bereiche des Schaffens von Karlheinz Essl bauen auf ein vertrauensvolles Miteinander, selbst dann – oder dann erst recht – wenn die Beteiligten nicht wissen, was auf sie zukommt. Etwa wenn Essl mit anderen MusikerInnen improvisierend auf die Bühne tritt und das Resultat aus der intensiven Konzentration auf sich selbst wie auch auf die Klänge anderer Beteiligter im Moment entsteht. Man könnte dies auch im übertragenen Sinn als Appell verstehen, in das Zulassen eines Diskurses zu vertrauen.

Programmeinführung für das Adventkonzert 2013 am 7.12.2013 im SCHÖMER-HAUS Klosterneuburg


Videos

Christian Altenburger (violin) and Reinhard Latzko (cello) performing Rapprochement
Festival LOISIARTE, Langenlois (23 Mar 2012)


Im Gespräch mit Christian Altenburger spricht Karlheinz Essl
zuletzt über Rapprochement für Violine und Violoncello
Festival LOISIARTE, Langenlois (23 Mar 2012)



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Updated: 10 Jul 2016